Landtag
Hinweisgeberin zu Missbrauch fühlte sich von Amt bedroht

Düsseldorf (dpa/lnw) - Bei der Aufarbeitung des langjährigen und massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde reißen die Vorwürfe gegen lokale Behörden nicht ab. Zwei Jahre vor der Aufdeckung der Straftaten sei sie vom Leiter der Jugendamtsstelle in Blomberg sogar bedroht worden, weil sie mit ihrem Missbrauchsverdacht nicht locker gelassen habe, sagte eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg am Montag als Zeugin im Untersuchungsausschuss des Landtags.

Montag, 11.05.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 17:52 Uhr

Sie habe bereits 2016 über mehrere Tage bei Jugend- und Sozialämtern sowie bei der Polizei erfolglos auf den möglichen Missbrauch auf dem Campingplatz hingewiesen, schilderte die Fallmanagerin unter Tränen. Der wegen hundertfachem schweren sexuellen Missbrauch im Jahr 2019 verurteilte Haupttäter Andreas V. sei damals mit seinem Pflegekind in ihr Büro gekommen, um Arbeitslosengeld zu beantragen. Wegen seiner Äußerungen über das völlig eingeschüchterte, rund fünfjährige Mädchen («Für Süßigkeiten tut die alles») habe sie die Jugendämter Hameln und Blomberg sowie den Kinderschutzbund eingeschaltet.

Eine Behörde schob damals laut ihrer Aussage die Verantwortung auf die andere. Zum Teil habe es keine Rückmeldungen gegeben. Polizisten sollen ihr nach ihrer Schilderung geraten haben, sich nicht weiter für das Kind einzusetzen, um niemanden zu verleumden. Weil sie aber nicht locker gelassen habe, sei der Leiter der Jugendamtsstelle in Blomberg persönlich in ihr Büro gekommen und habe sie bedroht. Er habe es satt, so die Aussage der Zeugin, von der Polizei angerufen zu werden. «Nur wenn ich zusagen würde, aufzuhören, würde er das Büro verlassen. Er hat dabei mit der Faust auf den Tisch gehauen.»

Der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas zeigte sich nach der Aussage der Zeugin fassungslos. «Was muss man denn noch machen?», sagte Bialas, der selbst Polizist ist, über die Reaktion verschiedener Behörden.

Entdeckt worden war der Missbrauchsfall Lügde erst Ende 2018. Der Untersuchungsausschuss durchleuchtet seit September 2019, inwieweit der massenhafte und jahrelange Kindesmissbrauch durch Versäumnisse und Fehleinschätzungen von Regierungsstellen begünstigt wurde.

Das Landgericht Detmold hatte im vergangenen Herbst langjährige Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung gegen die Haupttäter verhängt. Strafrechtliche Folgen für Polizisten und Mitarbeiter von Jugendämtern Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens gab es nicht. Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte im März 2020 alle Ermittlungen wegen eines fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt.

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