Nach Corona-Ausbrüchen
Arbeitsbedingungen von Erntehelfern im Fokus

Düsseldorf -

Im April kommen Flugzeuge mit Saisonkräften nach Deutschland, um die Ernte zu retten. Im Juli infizieren sich einige mit dem Coronavirus, auch in NRW. Die Arbeitsbedingungen sind in den Fokus geraten.

Sonntag, 02.08.2020, 15:00 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 15:27 Uhr
Ein Erntehelfer pflückt in einem Obstbaubetrieb Kirschen der Sorte "Regina". Foto: Daniel Bockwoldt

Der Gewerkschafter spricht von „Menschenhandel“, die Arbeitgebervertreterin von „einzelnen schwarzen Schafen“: Neben der Fleischindustrie sind nach mehreren Corona-Ausbrüchen auch die Arbeitsbedingungen von Erntehelfern in der Landwirtschaft in den Fokus geraten. Im Juli wurden Corona-Ausbrüche in Swisttal bei Bonn und in Mamming in Niederbayern bekannt.

Im Mai haben Gesundheitsämter in NRW 250 landwirtschaftliche Betriebe und Unterkünfte von 5800 Saisonarbeitern auf die Einhaltung der Hygieneschutzmaßnahmen kontrolliert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Anfang Juli zufolge gab es in 170 Fällen Kritik vom Amt - manchmal fehlten Desinfektionsmittel oder Einmalhandtücher, in einem Fall waren zwei Saisonarbeiter in einem Lkw-Anhänger untergebracht. Einige Betriebe erhielten aber auch das Prädikat „sehr vorbildlich“.

Unter den Erntehelfern soll dieses Jahr mehr Unzufriedenheit herrschen, berichtet die Gewerkschafterin Catalina Guia vom Beratungsprojekt „Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten“. Weil die Erntehelfer versuchten, Geld für die Familie zu verdienen, ließen sie sich oft auf viele schlechte Bedingungen ein. „Dieses Jahr macht sich jeder Sorgen, krank zu werden. Die Menschen haben deswegen mehr Mut, nach außen zu transportieren, wie schlecht es bisher war“, sagt Guia. Sie habe dieses Jahr bereits mit 2000 Erntehelfern gesprochen, die sich beschwert hätten.

„Es kann immer ein paar schwarze Schafe geben, aber solche Fälle sind mir überhaupt nicht bekannt“, sagt hingegen Marion von Chamier, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes der Westfälisch-Lippischen Land- und Forstwirtschaft. „Die Betriebe sind sehr darum bemüht, nicht nur die Hygienevorschriften zu beachten, sondern den Saisonkräften auch ein schönes Leben zu bereiten.“ Den Vorwurf, es gebe flächendeckend schlechte Arbeitsbedingungen bei den Sonderkulturbetrieben - also beispielsweise in der Spargel- und Erdbeerindustrie - weist sie entschieden zurück.

„Erdbeeren und Spargel aus der Massenproduktion kann man nicht guten Gewissens im Supermarkt kaufen“, sagt hingegen Reinhard Steffen von der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar und Umwelt. Mit der Kritik wolle er aber nicht die Kleinbauern an den Pranger stellen. Es ginge eher um die Großbetriebe - also solche, die ab 50 Hektar für Spargel und ab 80 Hektar für Erdbeeren zur Verfügung haben.

Die Arbeit auf dem Feld wird oft nach Akkordlohn bezahlt - wer mehr erntet, bekommt mehr Geld. „Akkordlohn ist ein Leistungslohn, der immer dann angewendet werden darf, wenn mindestens der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird“, erklärt Peter Muß vom Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauern. Akkordlohn könne den Mindestlohn auch übersteigen, so von Chamier. „Da kommen auch schnell 12 oder 13 Euro zusammen.“

Guia kennt aber auch andere Erfahrungsberichte aus Gesprächen auf Rumänisch mit den Helfern. Sie würden im Endeffekt unter Mindestlohn bezahlt, weil die „Zielsetzung der Erntequantität nicht zu erreichen ist“. Die Arbeitgeber hätten laut Steffen über die Bauernverbände jahrzehntelang versucht, das Tarifniveau niedrig zu halten. Die Betriebe müssten gucken, wie sie die Personalkosten schultern können, entgegnet Arbeitgebervertreterin von Chamier. „Wir haben vor 2015, als der Mindestlohn kam, sehr dafür gekämpft, eine Ausnahme für die Saisonkräfte hinzubekommen.“ In den Herkunftsländern der Erntehelfer sei das Lohnniveau auch deutlich geringer.

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