Nabu-Jahresbilanz
Naturschutzbund dringt auf Kurswechsel „Flächenfraß vertreibt Tierwelt“

Düsseldorf -

Die Naturschutzbilanz der schwarz-gelben Landesregierung geht aus Sicht des Naturschutzbundes NRW (Nabu) erkennbar zulasten der Artenvielfalt und der natürlichen Lebensräume. Seit der Amtsübernahme ordneten CDU und FDP den Naturschutz ihrem wirtschaftsfreund­lichen Kurs unter, beklagte die Nabu-Landesvorsitzende Heide Naderer am Dienstag in Düsseldorf.

Dienstag, 01.09.2020, 19:28 Uhr aktualisiert: 01.09.2020, 20:10 Uhr
Der Rückgang der Artenvielfalt durch ungebremste Flächenversiegelung treibt den Naturschutzbund NRW um. Foto: dpa

Drei Worte braucht Heide Naderer: „Das ist Irrsinn.“ Damit beschreibt die Vorsitzende des Naturschutzbundes NRW (Nabu) eine für die Artenvielfalt gefährliche Entwicklung: Sowohl Flächenfraß als auch eine intensive Landwirtschaft verdrängten die Tierwelt zunehmend in die Naturschutzgebiete, wo inzwischen aber auch Pestizide und Dünger eingesetzt würden, beklagte sie am Dienstag in Düsseldorf. Die schwarz-gelbe Landesregierung reagiere aber nicht darauf, „anhaltenden Unwillen“ attestierte ihr Naderer deshalb: „Uns läuft die Zeit davon.“ Noch immer würden jeden Tag mehr als zehn Hektar Fläche in NRW versiegelt. „Es war eine absolute Fehlentscheidung der Landesregierung, das Fünf-Hektar-Ziel zu streichen.“

„Landschaften werden zerschnitten“

Der inzwischen in NRW mehr als 100 000 Mitglieder zählende Nabu fordert deshalb, die einst von Rot-Grün eingeführte Grenze für den Flächenverbrauch als Zielmarke für das Jahr 2025 wieder einzusetzen. Ab 2035 müsse der Verbrauch dann auf null gehen. „Landschaften werden zerschnitten, Lebensräume zerstört, Tier- und Pflanzenarten vernichtet“, beklagte Naderer. Von einer Begrenzung des Flächenverbrauchs profitiere auch die Landwirtschaft, weil Flächen knapp werden, zumal jene für den ökologischen Ausgleich.

Von Eigenheimbesitzern fordert der Nabu einen eigenen Beitrag, indem sie auf Schottergärten verzichten. Der Verband will ein landesweites Verbot durchsetzen, die rechtliche Möglichkeit dazu hätten die Kommunen bereits heute. Schottergärten beschleunigten das Artensterben und verlangsamten ein Abkühlen der Luft an heißen Tagen. Grundsätzlich müsse wieder mehr Grün in die Städte, betonte Naderer.

Kritik am Landeswassergesetz

Die falschen Weichen stellt die Landesregierung aus Sicht des Nabu auch beim Landeswassergesetz. Der Verzicht auf Gewässerrandstreifen dünne den Schutz weiter aus. Dass weiterhin Kies in Trinkwasserschutzgebieten abgebaut werden dürfe, ist für Naderer widersprüchlich: „Mit dem Kies geht die Filterfunktion beim Trinkwasser verloren.“ Das beeinflusse die Trinkwasserreserven.

Dieses Thema will der Nabu ebenso wie den Flächenfraß in der angelaufenen „Volksinitiative Artenvielfalt NRW“ als Argument nutzen, um möglichst viele Unterstützer zu gewinnen. Viele Menschen erinnerten sich positiv an die in Bayern erfolgreiche Initiative „Rettet die Bienen“, sagte Naderer. Das Anliegen sei trotz Corona präsent. Deshalb sei sie sicher, dass die Initiatoren die erforderlichen 66 000 Unterschriften zusammentragen können. Dann müsste sich der Landtag mit der Forderung nach einem verbesserten Artenschutz befassen.

Auch positive Trends 

Mit der Nabu-Jahresbilanz brachte die Landesvorsitzende auch positive Trends mit: Bei der jährlichen Tagfalter-Zählung wurde 2019 der Distelfalter wieder viel häufiger — nämlich 1200 Mal — gesichtet. Der Kohlweißling allerdings, der im Vorjahr auf 13 000 Sichtungen kam, erreichte mit 1650 wenig mehr als ein Zehntel, aber trotzdem die meisten Meldungen.

Im Umgang mit der wachsenden Wolf-Population mahnte Naderer zu mehr Gelassenheit. „Das Land ist nicht überzogen mit Wolfsrudeln.“ Die Risse durch Wölfe hielten sich in einem erwartbaren Rahmen. Es gehe darum, „dass ein wildes Tier wieder Lebensraum in den Wäldern erhält, wie es einmal war“.

Nachrichten-Ticker