Kooperation soll neue Anbindung für kleine Städte schaffen
Flugtaxis sollen 2025 starten

Düsseldorf -

Vor zwei Jahren haben viele mitleidig gelächelt, als die CSU-Politikerin Dorothee Bär ihre Vision für Digitalisierung mit Flugtaxis verband. Verrückte Idee? Mitnichten: In fünf Jahren, 2025, sollen die voll elek­trisch betriebenen Minijets als festes Element zum Mobilitätsmix in Nordrhein-Westfalen gehören.

Mittwoch, 09.09.2020, 07:55 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 07:57 Uhr
Die letzten Schritte zur Serienreife: Der Lilium-Jet soll nach der Zulassung ab 2025 bis zu vier Passagiere pro Transfer von den großen Airports Düsseldorf und Köln-Bonn in entferntere Städte oder an die Regionalflughäfen bringen. Foto: Lilium

„Mit Flugtaxis wollen wir Mobilität der dritten Dimension in die Fläche bringen“, kündigte Verkehrsminister Hendrik Wüst am Dienstag in Düsseldorf an. Neben ihm standen Thomas Schnalke und Johan Vanneste, die beiden Chefs der größten NRW-Flughäfen Düsseldorf und Köln-Bonn. Und Remo Gerber, Geschäftsführer des erfolgreichsten deutschen Flugtaxi-Bauers Lilium.

Das Startup aus Weßling bei München will mit beiden Airports in den kommenden fünf Jahren ein Flugtaxi-Netzwerk entwickeln. Mit der hohen Bevölkerungsdichte, 18 Hochschulen und vielen kleineren Städten mit ungünstiger Verkehrsanbindung sei das Land das ideale Umfeld für so ein Projekt, meinte Gerber. Mit Tempo 300 könnten die elektrischen Senkrechtstarter von Lilium bis zu vier Personen pro Transfer von den großen Flughäfen in eine kleinere Stadt bringen. Eine Pilotin oder ein Pilot soll sie nach festem Flugplan zu einem von 20 angestrebten Start- und Landepunkten bringen. Die könnten am Ortsrand „auf einem Acker“ liegen, meinte Gerber. Besser wäre eine Plattform auf Bahnhofsgebäuden. Zwischen 10.000 und 20.000 Streckenkilometern würden so abgedeckt.

Schnell fliegendes Taxi

Derzeit läuft die Zertifizierung der Elektro-Jets bei der Europäischen Luftfahrtbehörde. Lilium will sie aber nicht verkaufen, sondern selbst Serviceanbieter sein: Der Flug in bis zu 3000 Metern Höhe über 50 bis 200 Kilometer Distanz solle anfangs etwa so viel kosten wie eine Taxifahrt über die gewählte Strecke, sagte Gerber. Mit einem späteren Ausbaustand gehe es eher um die Kosten einer normalen Autofahrt. Der große Vorteil sei der Zeitgewinn. Für Wüst liegt darin der Anreiz etwa für Geschäftsreisende, die sich zwar nicht gemeinsam in ein fahrendes Taxi setzen würden – wohl aber in ein so schnell fliegendes.

„Ein bisschen klingt es noch wie Science Fiction, wenn man über Lufttaxis spricht“, räumte der Minister ein. Die Vision, von Düsseldorf und Köln-Bonn in die „mittelständisch geprägten Kraftzentren“ zu fliegen, „kann in den nächsten Jahren Realität werden“. Wüst reihte dieses Vorhaben ein in weitere Zukunftsfelder der Mobilität, beginnend bei autonom fahrenden On-Demand-Bussen in Monheim und den Loop-Minibussen in Münster über Teststrecken für autonomes Fahren bis zu dem am Wochenende eröffneten Versuchsflughafen in Aachen-Merzbrück. In Kürze sollen in NRW autonome Binnenschiffe testweise ablegen.

Fliegendes Shuttle mit kleineren Personenzahlen

Für die beiden großen Flughäfen Düsseldorf und Köln-Bonn als Knotenpunkte liegt in den Lufttaxis die große Chance, statt umstrittener Zubringerflüge eine neue schnelle Anbindung für Flugreisende anzubieten. Ein Machbarkeitsstudie, die Köln-Bonn durchgeführt hat, gebe eine Blaupause für andere Standorte, betonte Flughafenchef Vanneste. Mit der Deutschen Flugsicherung sollen nun Korridore entwickelt werden, in denen die Flugtaxis verkehren. Lilium will zunächst nur nach Plan und nicht nach kurzfristigem Bedarf fliegen.

Das größte Risiko für Regionalflughäfen ist, dass alles so bleibt wie es ist.

Hendrik Wüst

Den von finanziellen Turbulenzen geschüttelten Regionalflughäfen wie Paderborn-Lippstadt oder Münster/Osnabrück bringen die Flugtaxis nach Wüsts Ansicht „eher eine Chance“ als ungeliebte Konkurrenz. Weil das alte System der Zubringerflüge technologisch an seine Grenzen komme, könne das fliegende Shuttle mit kleineren Personenzahlen ein neues Geschäftsmodell sein. „Das größte Risiko für Regionalflughäfen ist, dass alles so bleibt wie es ist.“

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