Prozess vor dem Landgericht
Erster Angeklagter im Missbrauchsfall Münster vor Gericht

Münster -

Erst Lügde, dann Bergisch Gladbach, jetzt Münster: Der Missbrauchsfall ist der dritte große Ermittlungskomplex der vergangenen Jahre rund um Kindesmissbrauch in NRW. Am Dienstag steht nun ein erster Angeklagter aus Schleswig-Holstein vor dem Landgericht Münster.

Dienstag, 03.11.2020, 09:20 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 09:34 Uhr
Am 3. November hat der erste Prozess im Missbrauchskomplex von Münster begonnen. Foto: Pjer Biederstädt

Münster (dpa) - Mit einem Prozess gegen einen 53-Jährigen aus Schleswig-Holstein hat am Dienstag eine erste gerichtliche Aufarbeitung des Missbrauchsfalls Münster begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann aus Norderstedt vor, im August 2019 einen damals neunjährigen Jungen aus Münster schwer sexuell missbraucht zu haben. Den Angaben der Ermittler zufolge hat er die Vorwürfe eingeräumt.

Beschuldigte aus mehreren Bundesländern

Tatsächlich befassen sich die Richter damit zunächst nur mit einem Ausschnitt der schrecklichen Gewalttaten: Die Anfang Juni bekanntgewordenen Ermittlungen ausgehend von Fällen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in einer Gartenlaube in Münster brachten eine ganze Reihe von Beschuldigten in mehreren Bundesländern ans Licht - und mehrere mutmaßliche Opfer, zum Teil die eigenen Kinder der Tatverdächtigen. Allein nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Münster sitzen acht Männer in Untersuchungshaft. Mehrere weitere Verfahren liegen bei anderen Ermittlungsbehörden.

Prozessbeginn gegen Adrian V. am 12. November

Dreh- und Angelpunkt für die Ermittler ist ein 27-Jähriger aus Münster. Der IT-Techniker Adrian V. soll den ihm anvertrauten Sohn seiner langjährigen Lebensgefährtin immer wieder schwer sexuell missbraucht und ihn anderen Männern zur Verfügung gestellt haben. Ab dem 12. November sitzt er deswegen mit drei weiteren Männern aus Hannover, Staufenberg in Hessen und Schorfheide in Brandenburg sowie seiner wegen Beihilfe beschuldigten Mutter auf der Anklagebank.

In diesem wohl größten Prozess des Komplexes geht es vor allem um die Geschehnisse in der Gartenlaube: Über Tage hinweg sollen die vier Männer sowohl den Ziehsohn des Hauptangeklagten als auch den damals fünf Jahre alten Sohn des angeklagten Mannes aus Hessen betäubt und immer wieder vergewaltigt haben.

Ziehsohn zur Vergewaltigung überlassen

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Hauptangeklagte Münsteraner seinen Sohn zudem in anderen Fällen Männern überlassen haben - auch dem ab Dienstag vor dem Landgericht stehenden Mann aus Schleswig-Holstein.

Er soll Kontakt zu mehreren Beschuldigten der Gruppe gehabt haben, 2019 einer spontanen Einladung des Hauptangeklagten nach Münster gefolgt sein und den Ziehsohn vergewaltigt haben. Für den Prozess sind fünf Sitzungstage vorgesehen. Dem Gericht liegen nach Angaben eines Gerichtssprechers bereits Anträge vor, die Öffentlichkeit aus Gründen des Opferschutzes von wesentlichen Teilen des Prozesses auszuschließen.

Härtere Strafen gefordert

Vor allem in Nordrhein-Westfalen waren zuletzt mehrere schwere und umfangreiche Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder aufgedeckt worden: Nach dem schweren Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde und dem Missbrauchskomplex ausgehend von Durchsuchungen in Bergisch Gladbach hatten auch die Ermittlungen rund um den Angeklagten aus Münster die politische Debatte um einen besseren Schutz von Kindern befeuert. So will die Bundesregierung härtere Strafen für sexualisierte Gewalt an Kindern einführen.

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