Studie über das Dunkelfeld
Viele Gewalt-Opfer scheuen Anzeige

Offiziell bewegt sich die Kriminalität in Nordrhein-Westfalen auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Aber wie sieht es mit dem sogenannten Dunkelfeld aus, also den Straftaten, die nicht angezeigt werden? Das haben Forscher nun untersucht.

Montag, 02.11.2020, 14:23 Uhr aktualisiert: 02.11.2020, 21:54 Uhr
Ein Schild, auf dem «Polizei» steht, hängt an einer Wache. Foto: Fabian Strauch

Die Polizei erfährt in Nordrhein-Westfalen nur von jeder vierten Körperverletzung. Sobald es dabei allerdings um einen Raub geht oder Waffen im Spiel sind, erstattet fast jedes zweite Opfer Anzeige. Dieses Bild zeichnet eine am Montag vorgestellte Studie des Landeskriminalamtes, die sich dem Sicherheitsgefühl der Bevölkerung und der Dunkelziffer von Gewalttaten widmet. Rund 60 000 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus 81 Kommunen in NRW wurden dafür angeschrieben, etwa 40 Prozent haben die Fragen beantwortet. Demnach wird psychische Gewalt sehr selten zur Anzeige gebracht: Nur eine von hundert Beleidigungen wird aktenkundig, nur jede zehnte Bedrohung und nur jede sechste Erpressung, wie die Studie ergeben hat.

Dabei hat jede und jeder Zweite in NRW in seinem Leben bereits körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erlebt. 25 Prozent gaben dies für das Jahr vor der Befragung von September 2018 bis August 2019 an. Über die Erfahrungen im Corona-Lockdown des Frühjahrs, für den die Kriminalitätsstatistik keine Gewaltzunahme registrierte, sagt die Studie also nichts aus. NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach, die zusammen mit Innenminister Herbert Reul (beide CDU) die Studie vorstellte, blickt allerdings mit Sorge auf den aktuellen Teil-Lockdown in der dunklen Jahreszeit.

Weil die Frage, ob eine Gewalterfahrung angezeigt wurde, nur für das angegebene Jahr gestellt wurde, werten die Experten des LKA die Zahlen zu Vergewaltigungen und sexueller Nötigung wegen zu geringer Fallzahlen als nicht repräsentativ. Auffallend ist allerdings, dass von 5191 angegebenen Fällen sexueller Belästigung oder Beleidigung nur knapp 32 angezeigt wurden.

Die Studie hat zugleich ­abgefragt, warum Opfer von Gewalt sich nicht an die ­Polizei gewandt haben. Aus den rund 4850 Antworten sticht ein Grund hervor: Für 61,4 Prozent war der Vorfall nicht schwerwiegend genug. Das trifft besonders auf Opfer psychischer Gewalt zu. 25,6 Prozent hielten eine Aufklärung für unwahrscheinlich, 24,7 Prozent führten fehlende Beweise an. (Mehrfachnennungen waren möglich.)

Keine Überraschung: Die Bürgerinnen und Bürger in NRW fühlen sich nachts weniger sicher als tagsüber, finden eine unordentliche Wohngegend beunruhigender als eine geordnete Nachbarschaft. Mehr als 70 Prozent fühlen sich wohl im Umfeld. Dennoch gebe es Hinweise auf als unsicher empfundene Orte, sagte Reul: „Da geht es um Angsträume.“ Mit den Kommunen müsse die Polizei Lösungen entwickeln. Mal gehe es nur um eine andere Ausleuchtung von Plätzen, mal um eine verstärkte Polizeipräsenz. „Die Studie gibt uns einige Hausaufgaben auf.“

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