Kirche
Heftiger Streit um von Woelki zurückgehaltenes Gutachten

Der Kölner Kardinal Woelki hat ein Missbrauchsgutachten in Auftrag gegeben, das er nun aber für schlecht hält. Ist es wirklich mangelhaft oder soll etwas vertuscht werden?

Montag, 02.11.2020, 15:59 Uhr aktualisiert: 02.11.2020, 16:14 Uhr
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln. Foto: Rolf Vennenbernd

Köln (dpa) - Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat am Montag begründen lassen, warum er ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Missbrauchsgutachten nicht veröffentlichen will. Das Gutachten sei «nicht gerichtsfest» und «im Ganzen misslungen», sagte der Strafrechtler Matthias Jahn in einer vom Erzbistum organisierten Videokonferenz.

Das Gutachten war 2018 von Woelki initiiert worden. Die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl sollte ergründen, wie das Erzbistum in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs durch Priester umgegangen ist. Am Freitag hatte Woelki jedoch mitgeteilt, dass er das Gutachten nicht veröffentlichen will. Begründung: Es weise erhebliche methodische Mängel auf. Bekannt geworden ist bereits, dass der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße in dem Gutachten kritisch beurteilt wird.

Westpfahl Spilker Wastl wies die Vorwürfe zurück. Der Auftrag habe gerade nicht darin bestanden, die bloße Rechtmäßigkeit der Bistumsverantwortlichen zu überprüfen, teilte die Kanzlei am Montag mit. Vielmehr habe ihr Handeln umfassend bewertet werden sollen.

Der Kölner Strafrechtsexperte Björn Gercke hat von Woelki den Auftrag erhalten, bis Mitte März ein neues Gutachten zu erstellen. Gercke bestritt in der Videokonferenz, dass es bei der ganzen Aktion darum gehe, die ans Licht gekommenen Missstände zu vertuschen. «Ich habe das dem Kardinal ins Gesicht gesagt: Das Gutachten wird für das Erzbistum ungemütlich werden», sagte Gercke. Die neue Untersuchung werde sogar weit umfassender ausfallen: Es gehe um 243 Beschuldigte, 312 Verdachtsmeldungen und 386 Betroffene.

Das ursprüngliche Gutachten von Westpfahl Spilker Wastl geht mit den Bistumsverantwortlichen hart ins Gericht. So heißt es in einer Passage, die von dem Juristen Jahn in seinem eigenen Gutachten zitiert wird: «Dass aber noch nicht einmal diese Entwicklung und Erkenntnisse die kirchlichen Verantwortungsträger und insbesondere auch Kardinal Meisner dazu veranlasst haben, jenseits öffentlicher Bekundungen die Opferbelange ernsthaft in den Blick zu nehmen und die überkommene Prioritätensetzung zugunsten der priesterlichen Mitbrüderlichkeit zu revidieren, ist für die Gutachter nicht akzeptabel.» Meisner war Woelkis Vorgänger, er starb 2017.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller warf Woelki vor, sich hinter Anwälten zu verstecken. Die Videokonferenz vom Montag habe gezeigt, dass hier konkurrierende Anwaltskanzleien alte Rechnungen beglichen, um sich lukrative Pfründe bei kirchlichen Großaufträgen zu sichern. «Dieses infame Trauerspiel, was das Erzbistum Köln abliefert, dient der Desinformation der Öffentlichkeit», sagte Schüller der Deutschen Presse-Agentur. Die Opfer sexueller Gewalt würden dadurch instrumentalisiert und erneut traumatisiert, die Verantwortlichen für die Vertuschung des Missbrauchs sollten - auch wenn sie zum Teil schon gestorben seien - gedeckt werden.

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