Brauchtum
Aus für Riesenbaum in Dortmund: Publikumsmagnet soll weg

Dortmunds berühmter Weihnachtsbaum-Koloss wird wieder abgebaut: Wegen steigender Infektionszahlen soll es in diesem Jahr keinen Riesenbaum geben. Die Stadt fürchtet, er könnte zu viele Leute anlocken. Was tun mit rund 1600 längst gelieferten Rotfichten?

Mittwoch, 04.11.2020, 16:46 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 16:52 Uhr
Die Arbeiten am unfertigen Weihnachtsbaum ruhen. Foto: Bernd Thissen

Dortmund (dpa/lnw) - Nach der Absage von Martinsumzügen, Karnevalsauftakt und Weihnachtsmärkten muss Nordrhein-Westfalen in diesem Corona-Winter auf eine weitere Tradition verzichten: Wegen rasant steigender Infektionszahlen hat die Stadt Dortmund das diesjährige Aus für den als weltgrößten Christbaum seiner Art gepriesenen Anziehungspunkt in der Innenstadt verkündet.

Dabei steht längst ein großer Teil dessen, was in mühevoller Aufbauarbeit in den kommenden Tagen zu einem großen Ganzen zusammengesetzt worden wäre. Der in den Vorjahren 45 Meter hohe «Baum» besteht tatsächlich traditionell aus rund 1600 extra-schlanken Rotfichten aus dem Sauerland. Festgemacht an einem großen Trägergerüst, geschmückt mit 48 000 Lämpchen und einem 200-Kilo-Engel an der Spitze bilden sie einen riesigen Nadelbaum-Koloss. Das Gestell steht seit Tagen und auch der grüne Baumteppich war zuletzt schon mehrere Meter in die Höhe gewachsen.

Das alles muss nun wieder abgebaut werden - schweren Herzens, wie Dortmunds frischgebackener Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) in einem Videostatement einräumt. Kein Wunder, viel länger als an der Stadtspitze hat der Wirtschaftsförderer bereits ein anderes ehrenvolles Amt inne: Seit sechs Jahren ist er Vorsitzender des Dortmunder Weihnachtsbaum e.V. - jener Verein, der sich immer dafür stark gemacht habe, den Baum zu dem Symbol zu entwickeln, das er heute ist, wie Westphal sich ausdrückt.

Viele Dortmunder sind stolz auf ihr imposantes Baumgesteck, das seit 1996 die Kulisse für den in diesem Jahr abgesagten Weihnachtsmarkt bildet: Ein Alleinstellungsmerkmal, wie Verena Winkelhaus, Geschäftsführerin des Marktbetreibers sagt. «Er hat wirklich immer viele Leute anlockt», sagt sie.

Doch genau jene Strahlkraft dürfte ihm nun zum Verhängnis geworden sein: Angesichts steigender Infektionszahlen und der Sorge, dass auch in Dortmund Krankehauskapazitäten knapp werden könnten, wolle man auf diesen Publikumsmagnet bewusst verzichten, sagt Westphal. Die Kosten für Auf- und Abbau will die Stadt anders als sonst in diesem Jahr komplett übernehmen. Sonst war das 300 000-Euro-Projekt der Schausteller nur mit rund 85 000 Euro bezuschusst worden. So teuer wie sonst insgesamt werde der Baum aber in diesem Jahr wohl nicht, glaubt Westphal und nennt «wegfallende Betriebskosten» als Begründung.

Vielleicht lässt sich ja mit den sich nun am Fuße des Gerüstes stapelnden Rotfichten etwas Gewinnbringendes anfangen? Der Dortmunder Sender «Radio 91.2» hat bei Facebook seine Hörer um kreative Ideen gebeten und allerlei Feedback bekommen: Neben dem Vorschlag die Tannen an Kindergärten, Kliniken oder Familien mit wenig Geld zu spenden, tun auch viele Nutzer in den Kommentaren ihr Unverständnis kund, dass überhaupt so viele Bäume gefällt werden mussten, wo doch eine Absage der Weihnachtsmärkte längst absehbar gewesen sei.

Aktuell werde noch überlegt, was mit den Fichten geschehen soll, heißt es am Mittwoch bei der Stadt. Dass man mit den extra hohen und schlanken Fichten wirklich anderen eine weihnachtliche Freude machen kann, bezweifelt Winkelhaus: «Die sind ja einzeln eher nicht so schön anzusehen und werden im Warmen auch schnell nadeln.»

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