Soziales
Obdachlos im Corona-Winter: Hilfsaufwand größer als sonst

Suppenküche nur noch «to-Go», geschlossene Schlafstellen: Die Corona-Pandemie stellt seit Monaten die Hilfsstrukturen für Wohnungslose auf die Probe. Aus Angst vor Ansteckung meiden viele Obdachlose die Unterkünfte - obwohl es kälter wird.

Sonntag, 06.12.2020, 09:45 Uhr aktualisiert: 06.12.2020, 09:52 Uhr
Ein obdachloser Mensch schläft vor den Räumlichkeiten einer Kunstsammlung. Foto: Martin Gerten

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Versorgung von Obdachlosen wird im Corona-Winter für Kommunen und Hilfseinrichtungen zur schwierigen Aufgabe. Seit Ausbruch der Pandemie sind viele Anlaufstellen geschlossen oder mussten ihre Kapazitäten herunterfahren, wie Experten aus der Wohnungslosenhilfe berichten. Die Leidtragenden seien die Menschen ohne Dach über dem Kopf, die mit kälter werdenden Temperaturen besonders geschützt werden müssten, sagte Sylvia Rietenberg, Fachreferentin für Wohnungspolitik beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW, der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist jetzt eine Frage der Mitmenschlichkeit, für die Kommunen auch Geld aufbringen müssen.»

«Die Corona-Pandemie ist die schlimmste Krise für obdachlose Menschen - mindestens seit ich diese Arbeit mache», fasst Hubert Ostendorf zusammen. Er ist Gründer der Straßenzeitung «Fifty Fifty», die es immerhin seit 25 Jahren gibt. «Es schlafen trotz der Kälte immer mehr Menschen draußen und meiden die Notschlafstellen, aus Angst sich anzustecken», sagte er. «Wenn wir nicht helfen, dann sterben viele.»

Von drohender Verelendung, wenn nicht geholfen werde, spricht auch Rietenberg. «An jeder Ecke trifft diese Corona-Krise Menschen, die eh schon in einer Krise sind, nochmal doppelt», sagte Rietenberg. «Schon das ganz banale «Bleiben Sie zuhause» ist für Menschen ohne Wohnung nicht erfüllbar.» Weil sie selten über digitale Kommunikationsmittel verfügten, drohe bei fehlenden Kontakten schnell eine Vereinsamung.

«Fast alle Einrichtungen, wo Wohnungslose sich sonst auch tagsüber aufhalten, sich wärmen, austauschen können - Treffs, Suppenküchen, Beratungsstellen - sind zu oder mussten ihr Angebot den Hygienebedingungen anpassen.» Vieles, was sonst den Tag strukturiert habe, falle einfach weg. Auch sei das Betteln schwieriger geworden, weil weniger Menschen auf der Straße seien. Ostendorf fügt hinzu: «Obdachlose auf der Straße werden in diesen Zeiten gemieden wie Pestkranke im Mittelalter.»

«Politik und Verwaltungen sind aufgefordert, Konzepte umzusetzen, die kreativ sind. Und es braucht die Bereitschaft, dafür mehr Geld auszugeben als in den Vorjahren, weil der Aufwand einfach höher ist», sagte Expertin Rietenberg. Sie hält auch die Unterbringung in Zelten in Freibädern für eine gute Lösung: Dort gebe es Platz und sanitäre Anlagen und Sicherheit. «Die Leute sind in diesen Corona-Zeiten vielleicht sogar besser im Einzelzelt mit Decken und Schlafsäcken aufgehoben, als in jeder Massenunterkunft.» Auch eine Öffnung von Hotels sei erprobt. «Da müssen dann aber die Betreiber mitmachen.»

Kommunen, Sozialverbände und Träger der Wohnungslosenhilfe hätten frühzeitig begonnen, sich auf die Situation vorzubereiten und Angebote bereitzustellen, sagte Andreas Sellner vom Caritasverband Köln. Er ist Sprecher des Fachausschusses Gefährdetenhilfe in der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege NRW. Wegen Abstands- und Hygieneregeln falle etwa die Hälfte der Notschlafplätze weg, die in den vergangenen Jahren zur Verfügung gestanden habe, sagte Sellner.

Das Sozialministerium hat ebenfalls reagiert und die Kältehilfen für Obdachlose noch mal deutlich auf 340 000 Euro aufgestockt. 2019 lagen die Kältehilfen bei 200 000 Euro. Sellner steuert die Ausgabe der Gelder an rund 100 Ausgabestellen im Land. Die Mittel dürften den Hilfseinrichtungen hoch willkommen sein, denn nach Sellners Angaben fällt mindestens die Hälfte der Notschlafplätze, die sonst in den Wintern zur Verfügung standen, wegen Abstands- und Hygieneregeln weg. In großen beheizten Zelten oder beispielsweise auf Campingplätzen würden Ausweichquartiere geschaffen. Shuttle-Busse würden eingerichtet, die Obdachlose in freie Schlafstellen bringen könnten.

Manche Obdachloser seien besorgt, sich in den Unterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Dabei betonte Sellner: «Wir hatten NRW-weit in den Einrichtungen allenfalls Einzelfälle und kein verbreitetes Infektionsgeschehen.» Es werde weiterhin engmaschig getestet, um Risiken zu minimieren. «Durch Sucht, Ernährungsmangel oder chronische Krankheiten ist das Immunsystem sehr geschwächt.»

Laut Wohnungslosenstatistik des Sozialministeriums hatten 2019 etwa 46 600 Menschen in NRW keine eigene Wohnung, etwa 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Sie leben meist nicht dauerhaft auf der Straße, viele kommen in Unterkünften oder bei Bekannten unter. Obdachlose, die sich nicht an Kommunen oder freie Träger wenden, erfasst die Statistik dagegen nicht.

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