Verkehr
Corona-Radboom zeigt: «Radwege sind vielfach Mist»

Die Corona-Krise hat mehr Menschen aufs Rad steigen lassen. Doch damit der Boom anhält, fordert der ADFC mehr Tempo und Investitionen beim Radausbau. Die Hoffnungen ruhen auf dem für 2021 geplanten Gesetz zur Stärkung des Fahrradverkehrs.

Sonntag, 03.01.2021, 09:02 Uhr aktualisiert: 03.01.2021, 09:12 Uhr
Eine Fahrradampel ist grün. Foto: Gregor Bauernfeind

Düsseldorf (dpa/lnw) - Der Fahrradboom im Corona-Jahr 2020 hat aus Sicht des ADFC NRW die bestehenden Schwächen der Radinfrastruktur im Land offengelegt. «Je mehr Menschen seit dem Lockdown im Frühjahr mit dem Fahrrad unterwegs waren, desto mehr haben festgestellt, dass die Radwege vielfach Mist sind: zu schmal, zu gefährlich, sie führen ins Nirvana oder es gibt erst gar keine ausgebauten Strecken bis zum Arbeitsplatz», sagte der Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, Thomas Semmelmann, der Deutschen Presse-Agentur.

Um die Fahrradbegeisterung auch ins Jahr 2021 zu tragen, sei es nun höchste Zeit für Land und Kommunen, noch viel mehr für sichere und komfortable Radwege zu tun, so Semmelmann. Das Fahrradgesetz, das Mitte des Jahres in den Landtag eingebracht werden und den Radausbau fördern soll, sei Grund für Optimismus, dass sich etwas bewege.

Tatsächlich hatten der erste Lockdown und dann folgend der coronabedingte Wegfall vieler Freizeitaktivitäten mehr Menschen als sonst aufs Rad steigen lassen. «Auf den touristischen Strecken war die Hölle los», so Semmelmann. Die Fahrradhändler erlebten einen Ansturm. Laut Verkehrsministerium lässt sich das gestiegene Rad-Interesse auch an der Nutzung des NRW-Radroutenplaner ablesen: Wurde das Navigationstool bereits 2019 mit insgesamt 100 Millionen Zugriffen stark nachgefragt, «wird das Corona-Jahr 2020 alle Rekorde brechen», wie es aus dem Ministerium hieß. Bis zum Spätherbst wurden mehr als 150 Millionen Seitenzugriffe registriert.

Semmelmann will die Pandemie allerdings nicht als Auslöser, allenfalls als weiteren Antrieb für die Radel-Lust in NRW verstanden wissen: Der Lockdown habe die Relevanz des Fahrrads als Teil einer klimafreundlichen Mobilität in die Breite getragen. Der Wunsch nach besserer Fahrradinfrastruktur sei lange davor artikuliert worden: So hatte 2019 die landesweite Volksinitiative «Aufbruch Fahrrad» weit über 200 000 Unterschriften gesammelt und damit die Landesregierung dazu gebracht, das Fahrradgesetz auf den Weg zu bringen.

Der Landesentscheid zog eine Reihe von kommunalen Initiativen nach sich. Inzwischen gibt es nach ADFC-Angaben mehr als 120 000 zusätzliche Unterschriften für eine Stärkung des Radverkehrs in einzelnen NRW-Städten, unter anderem in Aachen, Bielefeld, Essen und Marl sowie in Bonn. In Detmold werde noch gesammelt. Bochum, Mönchengladbach, Paderborn und Rheinbach wollen sich anschließen.

Auch die vergangene Kommunalwahl habe einmal mehr gezeigt, dass eine Pro-Fahrrad-Politik durchaus mehrheitsfähig sei, wie unter anderem Wahlerfolge der Grünen zeigten. Und doch: Zwischen fahrradfreundlicher Rhetorik und echten Fortschritten für die Verkehrswende klaffe in NRW immer noch eine große Lücke, kritisierte der ADFC. «Wenn etwas umgesetzt werden soll und für einen Radweg beispielsweise Parkplätze weichen müssen, ist es dann auf einmal doch nicht mehr so einfach», sagte Semmelmann.

Ein weiteres Problem zeige sich bei dem städteübergreifenden Radschnellweg Ruhr: Die Pläne für die Fertigstellung des Vorzeigeprojektes quer durch das Ruhrgebiet «versanden zur Zeit in unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen» der Kommunen. «So bleibt das tolle Vorhaben noch lange Stückwerk», sagte der ADFC-Landesvorsitzende. So etwas ersticke jede Anfangseuphorie im Keim.

Mit dem neuen Radgesetz verbinde er daher die Hoffnung, dass Planungsprozesse beschleunigt werden und mehr Investitionen zu den richtigen Projekten kommen, so Semmelmann. Auch müsse in den Planungsbehörden des Landes «ein neuer Geist» einziehen: «Es braucht auch beim Landesbetrieb Straßen NRW Planer, die den Radverkehr zumindest gleichwertig zum Autoverkehr sehen.»

Signale in diese Richtung kommen aus dem Verkehrsministerium: 2021 will das Land für die Förderung des Radverkehrs rund 15 Millionen zusätzlich bereitstellen - eine Steigerung um ein knappes Drittel. 2020 flossen demnach 47,25 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt in den Radausbau. Auch die Personalressourcen für die Radverkehrsplanung werden abermals aufgestockt.

Zehn neue Stellen wurden bereits beim Landesbetrieb für die Radverkehrsplanung geschaffen. Eine achtköpfige Stabsstelle Radverkehr treibt das Thema seit 2020 im Ministerium voran. 2021 sollen fünf weitere Planer bei den Bezirksregierungen ihren Dienst antreten. «Dies alles soll dazu beitragen, den Planungs-, Genehmigungs- und Bauhochlauf für die Radwege-Infrastruktur voranzutreiben», hieß es aus dem Ministerium.

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