Größter Einsatz an der „Heimatfront“
Interview: Generalleutnant über Corona-Hilfe der Bundeswehr, Impfzentren und Eigenwerbung

Wenn die Not groß ist, wird in der Corona-Krise oft nach der Bundeswehr gerufen. Tausende Soldaten helfen mittlerweile in Gesundheitsämtern, Kliniken und Pflegeheimen. Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis, koordiniert alle Corona-Einsätze der Bundeswehr. Der 61-Jährige spricht im Interview mit Redaktionsmitglied Stefan Biestmann unter anderem über Impfzentren, die Vernachlässigung von Kernaufgaben und die Finanzierung des Hilfseinsatzes.

Montag, 11.01.2021, 07:42 Uhr aktualisiert: 11.01.2021, 07:55 Uhr
Generalleutnant Martin Schelleis, hier vor einem Seniorenheim in Sachsen, koordiniert die Corona-Einsätze der Bundeswehr. Foto: dpa

War die Bundeswehr jemals an der „Heimatfront“ so eingebunden wie jetzt?

Schelleis: Seit bald 60 Jahren unterstützen wir bei Hochwasser-, Waldbrand- sowie Wind- und Schneebruchlagen in Deutschland. Das ist schon Routine geworden, auch wenn einzelne Katastrophen herausstechen. Dazu gehören die großen Hochwasser von Oder und Elbe oder die Flüchtlingshilfe in den Jahren 2015 und 2016. Aber die Corona-Amtshilfe ist in der Tat unser nach Dauer, Intensität und Umfang größter Hilfeleistungseinsatz bisher.

Kann die Bundeswehr überhaupt noch die Kernaufgaben erfüllen?

Schelleis: Vorrang haben unverändert die durchgehende Sicherstellung der laufenden Auslandseinsätze, zum Beispiel in Afghanistan und Mali, sowie die Bereitschaftskontingente für NATO und EU. Das „Einsatzkontingent Corona-Hilfe“ geht zulasten des sonst üblichen Ausbildungs- und Übungsbetriebes der Truppe, ganz klar. Deswegen ist jegliche Unterstützung auch nur vorübergehend zu leisten. Danach müssen die Männer und Frauen wieder ihren eigentlichen Profession nachgehen können.

Wie viele Soldaten sind aktuell im Corona-Einsatz?

Schelleis: Aktuell sind 7400 Männer und Frauen in rund 700 laufenden Hilfeleistungseinsätzen unmittelbar gebunden (Stand: 7. Januar). Rechnet man das erforderliche Schichtwechsel-, Führungs und Verbindungspersonal hinzu, kommen wir auf rund 12 000 in der Corona-Hilfe gebundene Kräfte.

Besonders viel zu tun gab es bislang in den Gesundheitsämtern...

Schelleis: Die Unterstützung der Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Infektionsketten bleibt unser Schwerpunkt. Heute sind wir mit rund 5700 Soldatinnen und Soldaten in über 80 Prozent der Gesundheitsämter vor Ort. Ferner unterstützen wir mit 1222 Soldatinnen und Soldaten 271 Alten-und Pflegeeinrichtungen sowie mit 800 Soldatinnen und Soldaten 63 Krankenhäuser.

Inwiefern ist die Bundeswehr in den Betrieb der Impfzentren eingebunden?

Schelleis: Medizinisches Fach- und Unterstützungspersonal kommt in stationären wie mobilen Impfzentren zum Teil bereits zum Einsatz. Zudem stellen wir Infrastruktur bereit. Noch aber haben nicht alle Länder, Kreise und Städte ihren konkreten Unterstützungsbedarf genannt. Bislang wurden rund 100 Amtshilfeanträge aus 15 Bundesländern mit einem Personalumfang von 2836 Soldatinnen und Soldaten gebilligt. Davon sind aktuell knapp 700 Soldatinnen und Soldaten an 53 Standorten bereits aktiv.

Wie unterstützen Sie die Impfzentren in NRW?

Schelleis: In Nordrhein-Westfalen ist die Bundeswehr bislang noch nicht unmittelbar am Aufbau oder Betrieb von Impfzentren beteiligt. Aber auch hier ist geplant, dass Hunderte Soldaten mithelfen.

Muss die Zahl der Soldaten im Corona-Einsatz angesichts der Arbeit in den Impfzentren bald aufgestockt werden?

Schelleis: Insgesamt umfasst das „Einsatzkontingent Corona-Hilfe“ 20 000 Köpfe, von denen nur 12 000 gebunden sind. Damit sehen wir uns auch für die absehbaren Aufgaben gut aufgestellt.

Wie wird der Corona-Einsatz der Bundeswehr finanziert?

Schelleis: Für uns hat die schnelle und unbürokratische Hilfe bei bewilligten Anträgen oberste Priorität. Dabei stehen die möglichen Kosten zunächst nicht im Vordergrund. Sie werden aber erfasst, da grundsätzlich gilt, dass sie durch den Anfordernden zu erstatten sind. Im begründeten Einzelfall kann hiervon abgewichen werden. Die Entscheidungen hierzu trifft das Verteidigungsministerium.

Werden die Kasernen, in denen Impfstoffe lagern, jetzt besonders geschützt?

Schelleis: Natürlich nehmen wir alle potenziellen Gefährdungen ins Visier. Ich kann Ihnen aber versichern: Unsere Kasernen und Liegenschaften sind ausreichend geschützt.

Die Bundeswehr hat weiterhin Nachwuchsprobleme. Trägt der Pandemie-Einsatz dazu bei, als Arbeitgeber attraktiver zu werden?

Schelleis: Es freut mich natürlich, dass der ja durchaus bedeutende Beitrag der Bundeswehr in der Pandemie-Bekämpfung aufmerksam wahrgenommen wird und überall positive Resonanz erfährt. Wenn diese positive Wahrnehmung der Bundeswehr zur Attraktivitätssteigerung beitragen sollte, würde mich das selbstverständlich freuen. Aber: Wir treiben den Aufwand in der Amtshilfe nicht aus Reklamegründen, sondern weil er notwendig ist.

Inzidenz in London liegt bei 1000

Der medizinische Chefberater der britischen Regierung hat vor einem Kollaps des Gesundheitssystems innerhalb weniger Wochen gewarnt. Großbritannien verzeichnet derzeit immer neue Rekorde bei Corona-Neuinfektionen und Todesfällen. „Wenn das Virus so weitermacht, werden Krankenhäuser in echten Schwierigkeiten sein, und zwar bald“, schrieb Chris Whitty in einem Gastbeitrag in der „Sunday Times“. Das könne schon in weniger als drei Wochen der Fall sein.

Die Wartezeit für eine Behandlung der Patienten werde sich auf ein potenziell gefährliches Niveau erhöhen, so der Medizinprofessor. Das Verhältnis von Krankenhauspersonal zu Patienten werde inakzeptabel werden. Der Gesundheitsdienst sei in manchen Teilen des Landes derzeit der gefährlichsten Lage seit Menschengedenken ausgesetzt. „Es wird Todesfälle geben, die vermeidbar gewesen wären.“

Verantwortlich für die rasche Ausbreitung machen die Regierung und Mediziner unter anderem eine neue, wohl noch ansteckendere Virus-Variante, die in Teilen des Landes grassiert. Doch auch die Einhaltung der Regeln zur Eindämmung des Virus hat nachgelassen. Besonders schlimm ist die Situation in London.

Dort hatte Bürgermeister Sadiq Khan am Freitag den Katastrophenfall ausgelöst. Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt dort inzwischen bei mehr als 1000. Das ist die Anzahl der Ansteckungen innerhalb einer Woche pro 100 000 Einwohner.

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