Gesundheit
Laumann kritisiert Vordrängler bei Corona-Schutzimpfungen

Der Start der Impfzentren fällt in NRW zusammen mit einem strengen Wintereinbruch. Viele Senioren machen sich Sorgen, was jetzt mit ihrem Impftermin wird. Der Gesundheitsminister garantiert unbürokratische Ausweichtermine noch für diese Woche.

Montag, 08.02.2021, 15:32 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 15:42 Uhr
Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Wer in den nächsten Tagen wegen des Winterwetters nicht zum Corona-Impfzentrum kommt, muss sich laut NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) keine Sorgen machen. Es würden Vorkehrungen getroffen, «dass die Menschen dann auch geimpft werden, die eben diese Woche einen Termin haben», versicherte er am Montag in Düsseldorf. Das werde pragmatisch und «den alten Menschen zugewandt» gelöst, versprach er.

Wer am Montag nicht erscheinen konnte, könne ohne telefonische Absprache einfach an diesem Dienstag zur selben Uhrzeit kommen. Falls das Wetter schlecht bleibe, werde das in den nächsten Tagen genauso pragmatisch gelöst, versprach der Minister.

Inzwischen sind landesweit alle 53 Impfzentren in Betrieb. Dort werden zu Hause lebende Menschen ab 80 Jahren zuerst geimpft. Auf Grund der noch relativ geringen Impfstofflieferungen sehe er derzeit nicht, dass auch schon mit Impfungen in den rund 11 000 Hausarztpraxen begonnen werden könne, sagte Laumann weiter.

Mit den Lieferungen in der ersten Märzwoche werde NRW rund 600 000 Impfdosen von Astrazeneca bekommen, berichtete Laumann. Damit stehe nun nach den Produkten von Biontech und Moderna ein dritter Impfstoff zur Verfügung.

Auf die Frage, ob jetzt auch Lehrkräfte und Erzieherinnen geimpft werden könnten, sagte Laumann, die Impf-Reihenfolge könne nur die Ständige Impfkommission (StiKO) verändern. Lehrkräfte und Erzieher und Erzieherinnen seien aus medizinischen Gründen nur bei Priorität 3. Das Düsseldorfer Gesundheitsministerium werde sich «penibel» an die vorgegebene Reihenfolge halten. Eine Änderung dürfe «keine politische Entscheidung sein». Eine solche Entscheidung würde auch nicht in NRW fallen, sondern sollte einheitlich für ganz Deutschland getroffen werden, unterstrich Laumann.

In Kürze werde er, gemäß der neuen bundesweiten Vorgabe, einen Vorschlag über Härtefall-Entscheidungen vorlegen. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass das in einem so großen Land wie NRW zentral an einer Stelle anzusiedeln sei.

Anders als bei den Impfstoffen von Biontech und Moderna werde NRW die Impfdosen von Astrazeneca komplett für die Erstimpfungen einsetzen - und nicht die Hälfte für die zweite Spritze zurücklegen, sagte Laumann weiter. Er sehe praktisch kein Risiko, dass für die zweite Impfung in neun bis zwölf Wochen nicht genug Impfstoff da sei.

Mit Astrazeneca würden in NRW ausschließlich Menschen unter 65 Jahren geimpft. Priorität hätten ambulante Pflegekräfte sowie medizinisches und pflegerisches Personal in Krankenhäusern, sagte Laumann. Der Plan sei, in den nächsten zwei Wochen vor allem im ambulanten Bereich, Hospizen und der Tagespflege zu impfen.

Dass es bislang nur sehr geringe Fallzahlen zur Wirksamkeit von Astrazeneca bei Über-65-Jährigen gebe, bedeute nicht, dass der Stoff tatsächlich schlechter sei, erklärte der Virologe Jan Leidel. Sorgen in der Bevölkerung über die Impfstoffe wolle er entgegnen: «Diese relativ rasche Entwicklung geht nicht zu Lasten der Sicherheit», betonte der frühere Vorsitzende der StiKO. «Das ist eindeutig nicht der Fall.»

Zur Frage, ob es Corona-Infektionen trotz Impfung gegeben habe, habe das NRW-Gesundheitsministerium «keine Erkenntnisse», sagte Laumann. Leidel ergänzte: «Kein Impfstoff und keine Arznei wirkt zu 100 Prozent.»

Mit einer Quote von landesweit rund 72 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen und vielen freien Kapazitäten in den Krankenhäusern sei die Lage in NRW derzeit «sehr entspannt», bilanzierte Laumann. Mit Blick auf die anstehenden neuen Bund-Länder Beratungen zur Corona-Krise und Lockerungsdebatten teile er aber die Auffassung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), «dass wir gut beraten sind, noch 14 Tage sehr, sehr vorsichtig zu sein». Auch Leidel mahnte: «Man muss sich sicher sein, wenn man zu Lockerungen greift, sonst haben wir sehr bald den nächsten Lockdown.»

Insgesamt seien in NRW mittlerweile 489 000 Menschen gegen das Coronavirus geimpft, davon 330 000 auch schon zum zweiten Mal. «Das Thema Erstimpfungen in Altenheimen ist in Nordrhein-Westfalen so gut wie abgeschlossen», resümierte der Minister. «Wir haben damit eine kleine, aber sehr wichtige Etappe erreicht.» Dies sei bedeutsam, weil jeder zweite coronabedingte Todesfall sich in stationären Pflege-Einrichtungen ereignet habe. Darüber hinaus seien schon für rund 673 000 zu Hause lebende Menschen im Alter ab 80 Jahren Termine für die erste Corona-Impfung vergeben worden.

Er habe noch keine belastbaren Zahlen, was die Ausbreitung der britischen Virus-Mutation für NRW bedeute, erwarte aber in Kürze Daten aus einer eigenen NRW-Studie, sagte Laumann. Ein Papier von Vize-Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) für eine langfristige Exit-Strategie aus den coronabedingten Einschränkungen habe er «mit Interesse zur Kenntnis genommen», sagte Laumann. Angesichts der volatilen Lage habe es sich allerdings «bewährt, auf Sicht zu fahren».

Er halte auch an einer 7-Tage-Inzidenz von 50 als Ziel fest, sagte Laumann zu wissenschaftlichen Forderungen nach einer 10er-Zielmarke. Damit könnten Gesundheitsämter Infektionswege noch gut nachverfolgen. «Wir sollten uns nicht überfordern.»

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