Tischtennis
Weltklasse mit 40: Timo Boll hat «immer noch Zeit»

Mit 21 Jahren wurde Timo Boll Weltranglisten-Erster im Tischtennis. An seinem 40. Geburtstag gehört er immer noch zu den besten Spielern der Welt. Während sich Boll auf die Olympischen Spiele vorbereitet, sind seine früheren Gegner längst Trainer oder Funktionäre.

Freitag, 05.03.2021, 11:57 Uhr aktualisiert: 05.03.2021, 12:12 Uhr
Timo Boll von Borussia Düsseldorf spielt. Foto: Marius Becker

Höchst (dpa) - Der Chinese Liu Guoliang hat den vielleicht erfolgversprechendsten Job der Welt. Er war Olympiasieger im Einzel und Doppel, er trainierte die Nationalmannschaft seines Landes und ist seit 2018 der Chef des chinesischen Tischtennis-Verbands. So gut wie jeden Wettbewerb, bei dem er dabei ist, gewinnt er auch. Trotzdem sagte Liu in einem seiner seltenen Interviews in Europa: «Solange Timo Boll spielt, kann ich nicht ruhig schlafen.»

Zu hören ist dieser Satz in dem Dokumentationsfilm «The Spin of Life», der die bemerkenswerte Karriere des besten nicht-chinesischen Tischtennis-Spielers in diesem Jahrhundert nachzeichnet. Boll stand im Januar 2003 mit nur 21 Jahren zum ersten Mal auf Platz eins der Weltrangliste. Und der seit 2006 für Borussia Düsseldorf spielende Hesse gehört an diesem Montag, wenn er seinen 40. Geburtstag feiert, noch immer zu den besten zehn Spielern der Welt.

Sollte der Rekord-Europameister an seinem Ehrentag hinausposaunen: «Ich will in diesem Jahr Olympiasieger werden!». Dann würde sich niemand, nicht einmal in China, mit dem Finger an die Stirn tippen. Allein: Timo Boll würde so etwas nie hinausposaunen, denn seine große Popularität verdankt er neben seinen Erfolgen auch zu einem gleichen Anteil seiner Bodenständigkeit und seinem Sportsgeist. Bei der WM 2005 in Shanghai zeigte er an, dass der Rückschlag seines Gegners Liu Guozheng von niemandem bemerkt noch die Tischkante berührt hatte. Es war Bolls Matchball, der Schiedsrichter wollte diesen Punkt eigentlich ihm zuschreiben. Am Ende verlor Boll das Spiel noch.

Warum er mehr als 15 Jahre später immer noch dabei ist? «Ich spiele noch zu gerne.» Und warum er immer noch so gut ist? «Keiner streitet mein Talent oder meine Fähigkeiten ab. Körperlich habe ich mich auch ganz gut gehalten», sagte Boll. In dem Podcast «Ping, Pong & Prause» ergänzte er im Februar noch, dass «ich im Laufe der Jahre immer detailverliebter geworden bin. Was plant der Gegner, wie reagiere ich darauf? Ich spiele zwischen den Ballwechseln viel Schach im Kopf.»

In seinem Alter noch ein Weltklasse-Sportler zu sein, ist keine Seltenheit mehr. Football-Star Tom Brady gewann gerade mit 43 Jahren zum siebten Mal den Super Bowl. Roger Federer gehört mit 39 Jahren zu den Top 5 der Tennis-Weltrangliste. Zlatan Ibrahimovic schießt im gleichen Alter noch ein Tor nach dem anderen für den AC Mailand.

Die moderne Trainings- und Ernährungswissenschaft begünstigt diese Entwicklung. Bei Boll kommt aber noch etwas anderes hinzu: «Er hat eine extreme Ruhe. Er macht sich keinen Stress, wenn er mal verletzt ist oder eine Pause braucht», sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf der Deutschen Presse-Agentur. «In den ersten Runden eines Turniers denkt man häufig: Oh, er ist vielleicht doch nicht so gut drauf. Aber Timo ruht in sich. Er hat ein so großes Vertrauen in seine Stärke, einen großen Respekt vor diesem Sport und dazu noch eine so große Trainings- und Spielfreude, dass er damit noch viele Jahre weiterspielen kann.»

Ist für Boll also auch eine Olympia-Medaille noch drin? «Ob nun 2021 oder 2024 - er hat immer noch Zeit», sagte Roßkopf und lachte dabei.

An sein Alter wird Timo Boll immer dann erinnert, wenn er seine früheren Gegner trifft. Mit Roßkopf spielte er noch in der Bundesliga und der Nationalmannschaft zusammen. Das Jahr seines internationalen Durchbruchs 2002 war zugleich das letzte Jahr in der Spielerkarriere des großen Liu Guoliang. Ein anderer bekannter Name erzählte der Deutschen Presse-Agentur: «Eines seiner ersten Zweitliga-Spiele hat Timo für den TTV Gönnern gegen den TTC Elz gemacht. Er hat damals für Gönnern gespielt und ich für Elz. Damals war Timo 14 Jahre alt.»

Diese Erinnerung stammt von Thomas Weikert, dem Präsidenten des Tischtennis-Weltverbandes. «Wenn er gewinnt oder verliert, freue ich mich oder leide mit. Das ist einfach so. Es wäre geheuchelt, wenn ich etwas anderes sagen würde», sagte Weikert über Boll. «Ich hoffe, dass er seinen 40. Geburtstag gut erlebt und dass danach im Sommer in Tokio noch etwas Großes passiert. Das wäre mein Wunsch für ihn!»

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