Rietberger Gaststätte öffnete Gründonnerstag
Corona-Revolte als Zeichen des Protests

Rietberg -

Corona-Aufstand in Westfalen: In Rietberg hat am Gründonnerstag die Familie Goller trotz landesweiten Gastronomieverbots den Biergarten ihres Cafés „Päusken“ geöffnet und bei schönstem Wetter mehrere Dutzend Gäste bewirtet. Der Tag endete mit einem Großeinsatz von Polizei, Ordnungsamt und der Beschlagnahme von Tischen und Stühlen.

Dienstag, 06.04.2021, 18:04 Uhr aktualisiert: 06.04.2021, 19:19 Uhr
Wirtin Sabine Goller und das Aktionsgericht: Nudeln und Geschnetzeltes bot sie an Gründonnerstag in ihrem "Päusken" an. Foto: privat

Sabine Goller (54) möchte die Aktion als Protest verstanden wissen. „Wir sind kleine Selbstständige und keine Corona-Leugner. Aber wir wollen uns nicht weiter mit stumpfen Vorschriften abfinden müssen, die keinen Sinn und Verstand haben.“ Denn wie könne es sein, dass Urlauber im Flugzeug nach Gran Canaria vier Stunden Schulter an Schulter sitzen dürften, aber ihre Gäste nicht auf Abstand an der frischen Luft?

Vor zwei Jahren hatten Sabine Goller und ihr Mann Frank (59) ihr „Päusken“ eröffnet. Es gab ein Frühstücksbuffet, Kuchen,  Torten und eine kleine Speisekarte. Dann kam die Pandemie, und das „Päusken“ musste schließen.  „Wir  mussten Hartz IV beantragen“, sagt Sabine Goller.  Dass die Gollers im Moment etwas besser durch die Krise kommen als vor einem Jahr hat einen tragischen Grund: „Nach Krebs, einer Herz-OP und einem Schlaganfall bekommt mein Mann seit kurzem eine Rente.“

Der nächte Lockdown

Im Sommer konnte wieder geöffnet werden, dann kam der nächste Lockdown. „Am 1. November, also vor fünf Monaten, durften wir zum letzten Mal regulär Gäste bewirten.“ Bei der Gastwirtsfamilie  wuchs die Verzweiflung über den Lockdown , aber auch  das Unverständnis: „50 Meter von unserem Café entfernt kaufen sich die Leute Eis beim Italiener und setzen sich damit auf unsere angeketteten Stühle. Unsere Gäste dürfen aber nicht darauf sitzen“, sagt die Rietbergerin.

Der rebellische Plan

Kurz vor Ostern entstand der Plan. Die Gollers posteten auf Facebook, dass sie Gründonnerstag ihren Biergarten um 11 Uhr öffnen und ein Tagesgericht anbieten werden – Geschnetzeltes mit Nudeln für 7,50 Euro. „Die Resonanz war toll“, erzählt Sabine Goller. „Wir haben Namenslisten geführt, die Leute draußen an den desinfizierten Tischen auf Abstand gesetzt und den Zugang zum Gastraum versperrt.“

Die Kontrolleure kommen

Gegen 14 Uhr seien die ersten Kontrolleure des Ordnungsamts erschienen. „Die haben uns das Weiterarbeiten verboten und ein Bußgeld angekündigt.“ Die Gollers schlossen aber nicht. wollten wenigstens noch das eingekaufte Essen unter die Leute bringen.

Biergarten wird geräumt

Als sie zwei Stunden später eine weitere Aufforderung des Ordnungsamts missachteten, forderten die Kontrolleure die Polizei an, und auch der Bürgermeister erschien. Insgesamt waren nach Behördenangaben 14 Polizisten dort, um den Biergarten zu räumen und von zehn Gästen und vier Familienmitgliedern die Personalien zu notieren. Ein Sohn (29) der Betreiber habe die Polizisten dabei gestört und Widerstand geleistet, gegen ihn sei ein Strafverfahren eingeleitet worden.

„Sonst hört uns doch keiner zu!“

Sabine Goller: „Als wir dem Ordnungsamt erklärt haben, dass wir nicht mit der Schließung einverstanden sind, haben sie einen Lkw vom Bauhof kommen lassen und die Tische und Stühle aus unserem Biergarten mitgenommen.“ Ihre Corona-Revolte bereut die 54-Jährige trotz des drohenden Bußgelds nicht: „Sonst hört uns doch keiner zu!“

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