Gesundheit
Keine Katastrophenlage in Kliniken: Juli 60 Prozent geimpft

Die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen steigt. Doch die Politik versucht, Ängste zu zerstreuen. Gesundheitsminister Laumann macht Hoffnung auf Impffortschritte.

Mittwoch, 21.04.2021, 19:51 Uhr aktualisiert: 21.04.2021, 20:02 Uhr
Ein mit Folie überzogenes Bett steht in einem Krankenhauszimmer. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Trotz der steigenden Zahl von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen sind die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen nach Angaben des Gesundheitsministeriums weit von einer katastrophalen «Triage»-Situation entfernt. Staatssekretär Edmund Heller warnte am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtages davor, trotz der ernsten Lage Ängste bei Corona-Infizierten zu schüren. «Kein Covid-Patient muss Angst davor haben, dass er nicht behandelt werden kann», versicherte Heller.

«Triage» bedeutet in der Katastrophenmedizin, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. Die medizinischen Fachgesellschaften seien sich einig, dass diese Situation in NRW nicht vorliege, sagte Heller. Kein Patient müsse Angst haben, dass er nicht beatmet werden könnte.

Insgesamt liegen laut Ministerium derzeit gut 3840 Covid-19- Patienten in NRW-Krankenhäusern. Von ihnen würden rund 760 beatmet. Derzeit treffe dies verstärkt jüngere Patienten, sagte Heller. Diese hätten zwar eine bessere Prognose, müssten aber im Schnitt eineinhalb Mal so lange beatmet werden wie Patienten über 80 Jahre. Der Trend, dass mit steigender Zahl von Patienten auf den Intensivstationen auch die Zahl der Verstorbenen zunimmt, sei aber gebrochen, sagte Heller. Das liege auch an den Impfungen.

Die Belegung der Intensivstationen in NRW mit Corona-Patienten nähert sich dem bisherigen Höchststand in der Pandemie an. Nach dem Überblick der Landesregierung werden mit Stand Mittwoch landesweit aktuell 1043 Covid-19-Erkrankte intensiv behandelt. Der bisherige Höchststand lag landesweit bei 1165 Covid-Intensiv-Patienten Ende Dezember. Die Zahl der freien Intensivbetten mit Beatmungstechnik sank zugleich deutlich in NRW gegenüber Dienstag um 59 auf 466. Die Lage sei aber beherrschbar, hieß es.

Das Ministerium hat Heller zufolge alle Krankenhäuser gebeten, nicht betriebene Intensivkapazitäten zu reaktivieren. Die Kliniken sollten dauerhaft eine verfügbare Reserve von zehn Prozent für Intensivpatienten vorhalten. Bei der Uniklinik Münster könne eine Datenbank genutzt werden, um die Bereitschaft zur Aufnahme aus anderen Krankenhäusern mitzuteilen. 55 Intensivbetten seien für eine überregionale Verlegung bereits gemeldet worden.

Für das Freiziehen von Kapazitäten seien Ausgleichszahlungen bis zum 31. Mai möglich, erläuterte der Staatssekretär. Bislang seien dafür allein in NRW rund 3,1 Milliarden Euro gezahlt worden. Derzeit komme es in Köln und Hagen zu regionalen Engpässen bei den Intensivkapazitäten. Die Verlegung von Patienten sei aber geregelt.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) machte unterdessen Hoffnung auf raschere Impffortschritte: «Wir können es schon schaffen, dass wir bis Juli 60 Prozent der nordrhein-westfälischen Bevölkerung impfen können.» Im Mai sei die Menge an Impfstoffen zwar noch begrenzt, aber im Juni werde man über «erhebliche Impfstoffmengen verfügen». Dann müsse das Impfsystem auch für Betriebsärzte geöffnet werden. Das bedeute, dass spätestens dann die Priorisierung in der Impfreihenfolge «faktisch nicht mehr greift», so Laumann.

In NRW werde zudem stark auf Corona-Tests gesetzt. Von 2,3 Millionen in Bürgertestzentren auf Corona getesteten Menschen seien gut 35 400 positiv gewesen, berichtete Laumann. Neben den Schulen setze das Land auch auf die ab kommender Woche verbindlichen Testangebote für Arbeitnehmer. Allein in NRW seien zehn Millionen Menschen angestellt, die mindestens einen Corona-Test pro Woche machen könnten. Die oppositionelle SPD schränkte dagegen ein, dass die Arbeitgeber zwar Tests anbieten müssten, die Beschäftigten das Angebot aber nicht wahrnehmen müssten.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte unterdessen vor Engpässen bei der Versorgung anderer Patienten. «Wenn sich die Infektionslage in den nächsten Wochen nicht entspannt, werden viele Kliniken an den Punkt kommen, dass sie Operationen nicht nur um ein paar Wochen, sondern um Monate verschieben müssen», sagte Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch). 90 Prozent der Kliniken stellten mehr als 10 Prozent der Eingriffe zurück, 50 Prozent sogar mehr als 20 Prozent.

Der kritische Punkt ist, wie Laumann sagte, das Personal. Andere Klinikabteilungen müssten teils weniger belegt und ihr Personal für die Verstärkung der Intensivstationen abgezogen werden. Die Krankenhäuser hätten schon seit Sommer mehr Pflegepersonal für Intensivstationen qualifiziert. Die Opposition warnte davor, dass viele Menschen aus Angst schon gar nicht mehr ins Krankenhaus gingen und Krankheitsverläufe dadurch deutlich schwerer werden könnten.

«Wenn sich die Infektionslage weiter verschärft, werden die Wartezeiten auf planbare Operationen in den kommenden Wochen noch deutlich zunehmen», sagte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Präsident Thomas Seufferlein den Funke-Zeitungen. «Ich möchte nicht von Triage sprechen, aber viele Kliniken müssen jetzt priorisieren.» Krebspatienten, deren Zustand medizinisch stabil sei, müssten jetzt häufig zwei oder drei Wochen länger auf einen Eingriff warten. Bei einigen Tumorerkrankungen könne das zu Verschlechterungen führen.

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