Start der Serie "Kriegsende vor 75 Jahren in Rosendahl"
Täglich drei Raketenabschüsse

Der Zweite Weltkrieg war heute vor 75 Jahren noch in vollem Gange – auch in Rosendahl. Bevor dort der Krieg um Ostern 1945 endete, machte der damalige Amtsdirektor aus Osterwick, Dr. Karl Herbsthoff, spannende Aufzeichnungen über Panzerfahrten, Raketenabschüsse und deren Folgen. Das nehmen wir als Anlass, gemeinsam mit dem Heimatverein Osterwick in einer Serie in unregelmäßigen Abständen einige Berichte von Dr. Herbsthoff zu veröffentlichen, die an den entsprechenden Tagen vor 75 Jahren entstanden.

Samstag, 21.09.2019, 12:00 Uhr
Bombentrichter sind die Hinterlassenschaften nach dem Einschlag einer Bombe am Hof Klümper in Varlar. Foto: privat

Rosendahl. „Am Mittwochmorgen (20. September 1944) fuhren sechs neuartige Fahrzeuge durch das Dorf Osterwick in Richtung Schloss Varlar. Es waren stark gebaute Lafetten, auf denen längliche, in der Form einem Zeppelin ähnlich sehende Körper lagen, die am Ende ein Leitwerk in Breite einer Doppeltür hatten. Kinder teilten mir mit, dass in der Bauerschaft Höven bei Schloss Varlar V1-Geschütze aufgestellt würden. Feststellungen ergaben, dass insgesamt etwa 200 Mann am Mittwoch sich in der Bauerschaft Höven von Varlar bis Frieling selbständig einquartiert hatten. Einige Tage vorher waren mehrere Offiziere bei mir gewesen, um auf Schloss Darfeld für einen General mit seinem Stabe und 150 Mann Quartier zu machen. Jede Frage nach dem „Woher“ und „Wohin“ blieb völlig unbeantwortet. Am Nachmittag kam ein Gefreiter zu mir und machte mich darauf aufmerksam, dass sie bereits in der kommenden Nacht schießen würden. Wenn ich ein donnerähnliches Geräusch hören und eine Feuerkugel sehen würde, dann seien das ihre Abschüsse.
Tatsächlich wurden dann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gegen 3 Uhr und 5 Uhr feurige Kugeln, von Osten nach Westen fliegend, in Osterwick und Holtwick beobachtet. Während des Donnerstags gingen wieder Raketenbomben gegen 12, 17 und 19 Uhr über den Amtsbezirk hinweg. Die Raketenbombe um 19 Uhr hinterließ einen breiten hellen Kondensstreifen und fiel dann plötzlich in Richtung Coesfeld herunter. Sie ist in Stevede bei der Mühle Ahlers als Blindgänger mit starkem Geräusch eingeschlagen und hat ein Loch von acht Metern Tiefe und 15 Metern Durchmesser verursacht. Am heutigen Freitag (22. September 1944) gegen 4.30 Uhr hörte man den Abschuss einer Raketenbombe mit donnerähnlichem Geräusch und kurz darauf einen starken Knall. Ungefähr fünf Minuten später hörte man dann eine sehr starke Erschütterung. Diese Raketenbombe war aus der Feuerstellung, ungefähr 150 bis 200 Meter von der Oberförsterei in Richtung fürstlichen Friedhof, abgeschossen. Sie ist mitten zwischen hohen Bäumen senkrecht in die Höhe geschossen. Etwas über Baumhöhe ist die Bombe dann infolge eines Konstruktionsfehlers senkrecht nach unten an die Abschussstelle zurückgefallen. Fünf Minuten später ist dann, als die Geschützbedienung brennende Teile ablöschte, der ein Meter lange Zünder dieser Bombe explodiert. Die übrigen Teile der Bombe waren noch nicht scharf und detonierten daher nicht. Durch den Zünder allein wurden mehrere starke Bäume umgerissen und die Oberförsterei im Dachstuhl und an Türen und Fenstern stark beschädigt. Außerdem sind zehn bis zwölf Gebäude im weiteren Umkreis, so unter anderem die Schlossgärtnerei (Heßmann), die Höfe Mathmann-Hauling, Döker, Uesbeck, Hans und Klümper beschädigt worden. Auch an der Rückseite des Schlosses Varlar sind etwa 250 bis 300 Fensterscheiben zerstört worden. An der Abschussstelle selbst wurde ein Mann getötet, zwei Mann schwer und drei Mann leicht verletzt. Von den beiden Schwerverletzten ist inzwischen ein Mann gestorben.
Eine der neuen Raketenbomben stand – ganz vorzüglich getarnt – am Weg zum Rosengarten. Die Bombe ist 17 Meter lang und hat die Form einer Zigarre mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern (...). Ihre Reichweite soll bis zu 380 Kilometer betragen. Von den hier und in der Nähe aufgestellten Batterien sollen Gebiete in Frankreich und Holland beschossen werden. England liegt von hier außerhalb der Reichweite. Zur Zeit werden täglich zwei bis drei Abschüsse von Raketenbomben wahrgenommen.
Am 26. September gegen 9.30 Uhr Uhr flog ein schweres Geschoß als Feuerkugel Richtung Asbeck-Höpingen-Laer und einen Tag später gegen 8 Uhr dasselbe in Richtung Asbeck-Legden mit schwerer Detonation.“

Zur Person von Dr. Karl Herbsthoff

Dr. Karl Herbsthoff wurde am 9. Juli 1897 in Münster als Sohn eines Gastwirtes und Bäckers geboren. 1915 legte er dort seine Reifeprüfung ab. Wenige Tage später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Nach dem Krieg, 1919, nahm er in Münster das Studium der Staatswissenschaften auf und begann gleichzeitig mit der Verwaltungslaufbahn beim Finanzamt Münster. 1922, nach abgeschlossener Ausbildung, wurde er zum Coesfelder Finanzamt versetzt. Ein Jahr später wurde er zum Dr. rer. pol. promoviert.
Am 14. September 1928 wählte die Osterwicker Amtsvertretung Dr. Herbsthoff einstimmig zum Amtsbürgermeister, neun Tage zuvor hatte die Darfelder Amtsvertretung ebenfalls in diesem Sinne entschieden. Am 25. September 1928 bestätigte der Vorsitzende des Kreisausschusses die Wahl, sodass Dr. Herbsthoff am 1. Oktober 1928 offiziell in sein Amt eingeführt werden konnte.
Auch wenn Dr. Herbsthoff sich während der nationalsozialistischen Zeit nicht stärker arrangierte, als es in seiner Funktion als Amtsbürgermeister unumgänglich war, konnte er in seinem Amt verbleiben.
Nach dem Einmarsch der alliierten Truppen 1945, für dessen unblutigen Verlauf in Osterwick sich Dr. Herbsthoff verdient machte, endete seine Amtszeit nicht. Die Amtsvertretungen sprachen ihm erneut das Vertrauen aus und auch die britische Militärregierung bestätigte ihn am 24. August 1946 in seinem Amt.
Dr. Karl Herbsthoff stand 24 Jahre an der Verwaltungsspitze des Amtes Osterwick. Er starb am 7. Juni 1952 im Alter von 54 Jahren.

(Die Informationen von Dr. Herbsthoff sind aus dem Buch „Osterwick, Geschichte eines Dorfes im Münsterland“ nach Dorothea Roters entnommen.)

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