Coesfeld
„Jetzt sind die Engländer reif“

Lette (uh). Meine Güte, war das spannend: erst das 1:1 nach regulärer Spielzeit, dann die Verlängerung und zu guter Letzt das Elfmeterschießen! Bonimir Dolic (42), Spitzname „Boni“, ist noch immer fix und fertig. „Ich stand kurz vorm Herzkasper“, stöhnt der gebürtige Kroate nach dem Viertelfinal-Krimi (6:5 n. E.) gegen den WM-Gastgeber Russland, „wir haben’s geschafft.“

Sonntag, 08.07.2018, 19:16 Uhr

Edelfans von Halbfinal-Teilnehmer Kroatien (von links): Bonimir Dolic, Tochter Olivija, Gosia Dolic und Sohn Nicolas. Foto: Ulrich Hörnemann

Gosia Dolic (41) fürchtete schon um die Gesundheit ihres Göttergatten. „Boni war nervös, total nervös“, erzählt sie, „ich dachte, er klappt mir gleich zusammen.“ Als der Russe Fernandes den Ball in der 115. Minute ins lange Eck köpfte und die 2:1-Führung Kroatiens egalisierte, war „Boni“ in seinem Sessel zusammengesackt wie ein Soufflé, wenn man die Ofentür zu früh öffnet. „Ich hatte gedacht, wir würden den Sieg über die Zeit schaukeln.“ Nix da! „Dann kam noch das Elfmeter-Drama.“ Mit dem letzten Schuss machte Ivan Rakitic, der Ex-Schalker, alles klar.

Gosia freut sich mit ihrem Mann. „Schön, dass die Kroaten ins Halbfinale gekommen sind.“ Sie selbst hatte wenig zu lachen. „Eine WM der Enttäuschungen“, klagt die Fußball-Fachfrau, die in Breslau aufgewachsen ist, „meine Polen sind ruck zuck rausgeflogen. Und die Deutschen haben sich auch kräftig blamiert.“

Nach den beiden Niederlagen in der Vorrunde gegen Senegal (1:2) und Kolumbien (0:3) war klar, dass die „Weißen Adler“, wie die polnischen Elite-Kicker in ihrer Heimat gerufen werden, böse abgestürzt sind. „Danach habe ich mit Deutschland gefiebert“, berichtet Gosja Dolic, die den Wolfsburger Jakub Blaszczykowski als ihren Lieblingsspieler bezeichnet, während „Boni“ für Luca Modric und Ivan Rakitic schwärmt, „das hat auch nicht geholfen. Deutschland war schlecht!“

Das jähe Aus des Titelverteidigers hat auch „Boni“ Dolic völlig überrascht. „Selbst schuld“, sagt er nur, „nach diesem Debakel hätte ich einen andern Trainer geholt, einen, der jünger ist und neue Ideen mitbringt.“ Jogi Löw habe die WM vercoacht, wie damals das EM-Halbfinale 2012 gegen Italien (1:2), als seine taktischen Maßnahmen auch gründlich danebengegangen sind.

Bonimir Dolic hat gut reden. Kroatien steht im Halbfinale. Zlatko Dalic, Löws Trainerkollege, hat in seiner Heimat Heldenstatus. Als Ante Cacic im November 2017 gelüftet wurde, kam Dalic, der zuvor bei Al Ain FC tätig war, einem Klub, der Meister (2015) und President’s Cup-Sieger (2014) in den Vereinigten Arabischen Eimraten geworden war.

Zlatko Dalic stammt gebürtig aus der selben Region wie Ante Dolic, der 68 Jahre alte Papa von Bonimir Dolic. „Dalic ist in Livno aufgewachsen, genau wie mein Vater und meine Mutter.“ Livno ist eine Großgemeinde in Bosnien und Herzegowina mit etwa 37 000 Einwohnern, mehrheitlich Kroaten. wie seine Eltern, Onkel und Tanten, die dort Wurzeln geschlagen haben.

Bonimir und Gosja Dolic, die 2009 mit ihren beiden Kindern, Olivija (13) und Nicolas (11), von Coesfeld nach Lette gezogen sind, weilen regelmäßig in Livno. „Da treffen wir meine Eltern und meine Verwandten“, erklärt Bonimir Dolic, „sie sind alle fußball-begeistert und haben die Daumen gedrückt.“ Noch am Samstagabend, kurz nach 22.50 Uhr, als die Kroaten in Sotschi das Weiterkommen feierten, trudelten die ersten whatsapp-Nachrichten auf „Bonis“ Handy ein. Adressaten waren Bruder Dubravko, der in Rosenheim wohnt, und Schwester Marija, die in Schwalmtal lebt.

Für Kroatien, das in der Europa-Gruppe 1 Zweiter wurde hinter Island, ehe sich das 4,2 Millionen Einwohner große Land in den Play-offs gegen Griechenland (4:1 zu Hause, 0:0 auswärts) durchsetzte, ist es die fünfte WM-Teilnahme. 1998 wurde Kroatien Dritter durch ein 2:1 gegen die Niederlande. Davor Suker, heute Präsident des kroatischen Fußballverbands, war WM-Torschützenkönig. Doch 2002, 2006 und 2014 musten die Kroaten nach der Vorrunde die Heimreise antreten.

Die russischen Fans waren bitter enttäuscht, die aus Kroatien inszenierten noch im Fisht-Stadion von Sotschi eine rot-weiße Party. „Wir haben auch angestoßen“, berichtet „Boni“ Dolic, „Gosia hatte vorsichtshalber eine Flasche Sekt kaltgestellt.“ Den zauberte sie aus dem Kühlschrank. Prosit! Aufs Halbfinale! Am Mittwoch (Anstoß: 20 Uhr) will Kroatien gegen England das Final-Ticket einlösen. Im Luschniki-Stadion, wo die Deutschen in ihrem Auftaktspiel gegen Mexiko (0:1) den Grundstein für ein desaströses WM-Abschneiden gelegt haben, ist die Elf von Gareth Southgate, die auf einmal sogar Elfmeter schießen kann, leichter Favorit. „Na und“, meint „Boni“ Dolic, „die Engländer sind reif.“ Dass diese Aufgabe weitaus schwieriger zu lösen ist, weiß er auch: „Das Match gegen England ist noch ein Tacken härter als gegen die Russen.“ Aber egal. Er hält es mit Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir schaffen das!“

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