Rüdiger Stenzel erinnert sich an den 1.500-m-Lauf beim „größten Dorfsportfest der Welt“
„Rhede war der Dosenöffner“

Coesfeld. Der Himmel war grau in grau. Tief hingen die Wolken über dem Städtchen Rhede. Vereinzelte Regentropfen klatschten auf die Tartanbahn. Knapp 4.000 Zuschauer bibberten im weiten Stadionrund. „Es war ein Schweine-Wetter“, erinnert sich Rüdiger Stenzel, einer der Hauptdarsteller beim 28. Internationalen Leichtathletik-Meeting, an diesen ungemütlichen Abend im Mai 1996, „und ich wusste nicht, wo ich formmäßig stehe.“

Dienstag, 07.04.2020, 10:42 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 10:52 Uhr
Der Publikumsliebling in Rhede: Rüdiger Stenzel genießt den Applaus nach dem imposanten 1.500-m-Rennen gegen Haile Gebrselassie, der ihn erst kurz vorm Ziel überholte, und Dieter Baumann, den er erstmals besiegte. Foto: az

Es war sein erstes 1.500- m-Rennen im Olympia-Jahr. Rhede war für ihn der Start in die Freiluftsaison - und Atlanta, Schauplatz der Sommerspiele, das große Ziel, auf das er sich in den Wochen und Monaten zuvor mit aller Konsequenz vorbereitet hatte.

Nervös war er. Nervös wie ein wildes Pferd, das endlich vom Zügel losgelassen wird. „Anfangs war ich völlig unsicher“, erzählt Rüdiger Stenzel, „ein Stochern im Nebel.“ Aber als der Schuss krachte, da schwamm die Anspannung fort. „Auf einmal spürte ich: Hoppla, das läuft heut’ richtig gut.“ Hinter Haile Gebrselassie, dem Wunderläufer aus dem fernen Äthiopien, der als Doppel-Weltmeister und Weltrekordler über 10.000 m ins Münsterland gekommen war, und Dieter Baumann, 1992 in Barcelona Olympiasieger über 5.000 m, schob er sich an die dritte Position. „Ich fühlte mich total locker.“ Leichten Schrittes folgte er den beiden Super-Stars der Lauf-Szene.

Tono Kirschbaum, früher selbst ein erfolgreicher Mittelstreckler, dann sein Coach beim TV Wattenscheid 01, stand kurz vorm Herzkasper, wie er im Nachhinein zugab. Hastig rief er auf der Gegengeraden die Zwischenzeiten zu und feuerte ihn an: „Bleib dran! Nicht abreißen lassen.“ Sein Schützling war nun wie in einem Tunnel. „Ich dachte nur: Da geht noch was. Gib alles!“ Das Herz raste, die Lunge pfiff wie ein kaputter Motor, dann knallte er den höchsten Gang ins Getriebe und spurtete, was die Beine hergaben. Vor der letzten Kurve ließ er Baumann stehen. Kurz darauf zog er auch an Gebrselassie vorbei. Erst der Olympiasieger, danach der Weltmeister. Perplex schauten sie aus ihren Trikots. Was war das denn? Majestätsbeleidigung? Nicht mit Gebrselassie. Auf der Schlussgeraden bündelte er sämtliche Energien, die ihm in diesem dramatischen Dreikampf geblieben waren, holte zum entscheidenden Gegenschlag aus und überholte den tollkühnen Stenzel mit einem irren Finish. Unterm Tribünendach entfachten die begeisterten Zuschauer einen Höllenlärm. Gebrselassie, der Favorit, siegte in 3:35,75 Minuten mit gerade mal 33 Hundertstel Vorsprung auf den krassen Außenseiter Stenzel (3:36.08). Baumann wurde Dritter in 3:36,77.

Meine Güte, war das ein Rennen! Rüdiger Stenzel hatte seine Bestzeit egalisiert und sozusagen im Vorbeigehen die Olympia-Norm, die der Verband auf 3:37,60 Minuten fixiert hatte, deutlich unterboten. Für Dieter Baumen, den „Schwabenpfeil“, so sein Spitzname, war es seit Urzeiten die erste Niederlage gegen einen deutschen Läufer. „Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen“, berichtet Stenzel, „dieser Stachel saß tief.“ Die Baumanns, Dieter und Ehefrau Isabel, die ihn trainierte, waren in heller Aufregung. „Noch in Rhede fragten sie, wo ich wieder laufen würde“, so Stenzel, „die Scharte musste ausgewetzt werden.“ Bei aller Rivalität, die zwischen ihnen herrschte, kamen Stenzel und Baumann prima miteinander aus. Beide respektierten einander.

Berni Becks, der „Macher“ des „größten Dorf-Sportfests der Welt“, zählte im Ziel zu den ersten Gratulanten. „Er hat mich zu Beginn meiner Karriere als Manager begleitet. Berni war ein feiner Kerl, den alle mochten“, denkt Stenzel gern an den schwergewichtigen Mann vom LAZ Rhede, „er war auch ganz früher der Trainer von Peter Brüggemann, der mein erster Trainer wurde.“ Brüggemann, mit der Rheder 3 x 1.000-m-Staffel Deutscher Jugendmeister, hatte ihn entdeckt. Tono Kirschbaum formte ihn schließlich zu einem Läufer der Extraklasse.

Das Atlanta-Ticket war nach der famosen Vorstellung in Rhede fest gebucht. Schon früh in der Saison hatte Rüdiger Stenzel Planungssicherheit. „Ich war gut drauf und wollte mehr.“ Er steigerte das Pensum, wurde stärker und stärker, auch wenn er bei den Deutschen Meisterschaften in Köln im Duell gegen Dieter Baumann unterlag. „Da ist der Dieter immer hinter mir geblieben und hat mich auf den letzten Metern abgefangen“, weiß Stenzel noch, „er hätte auch mit offenem Visier rennen können.“

Die Euphorie, die ihn im Vorfeld der Olympischen Spiele erfasst hatte, erhielt dann einen herben Dämpfer. Denn Rüdiger Stenzel fing sich einen Virus ein, der ihn aus allen Träumen riss. „Von einem auf den anderen Tag war ich körperlich fix und fertig“, klagt er, „so ist das im Sport: Wenn du haarscharf an der Kante trainierst, bist du anfälliger.“ Wohl oder übel verzichtete Stenzel, der 1992 bereits in Barcelona olympisches Flair erlebt hatte, auf den Atlanta-Trip. „Nur als Tourist wollte ich nicht dabei sein.“ Dazu waren seine Ansprüche zu hoch.

Der phantastische Lauf in Rhede ist ihm auch 24 Jahre später in schöner Erinnerung geblieben. Damals war er 28. „Rhede war der Dosenöffner, wenn man so will“, betont Stenzel, der als Geschäftsstellenleiter beim Stadtsportbund Bochum tätig ist, „der Infekt war eine Art Betriebsunfall, danach bin ich voll durchgestartet.“ 1997 wurde er in Paris Vizeweltmeister in der Halle über 1.500 m, in Hengelo steigerte Stenzel seine Bestleistung auf 3:33,81 und in Köln auf 3:33,60 Minuten. „Damals hätte man mich nachts wecken können, eine 3:36 ging immer.“ Mit seinen Zeiten wäre er 2019 mit Abstand die Nr. 1 auf seiner Paradestrecke gewesen: in der Halle wie auch im Freien.

Rüdiger Stenzel, der in seiner eindrucksvollen Laufbahn an Olympischen Spielen, Welt- sowie Europameisterschaften teilgenommen hat und elfmal Deutscher Meister war, ist ohne Zweifel der erfolgreichste Sportler, den Coesfeld vorweisen kann.

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