Ohne ihren fleißigen Platzwart könnte DJK Coesfeld den Laden dichtmachen
Erich Boll, die treue Seele des Vereins

Coesfeld. Corona? Na und! Erich Boll wird nicht arbeitslos. „Nee, das passiert nicht“, sagt er und zeigt auf das riesige Gelände ringsum, „das Sportzentrum West ist groß, da ist immer was tun.“ Langeweile ist ihm ein Fremdwort. „Okay“, meint Boll, „durch den Lockdown ist weniger los.“ Seit Wochen ruht der Spielbetrieb, das Training fällt aus. Die Fußballfelder liegen im Dornröschenschlaf. „Däumchen drehen muss ich trotzdem nicht.“ Er macht und schafft und gönnt sich keine Pause.

Mittwoch, 10.02.2021, 07:36 Uhr
Doppelt hält besser: Erich Boll in Arbeitskleidung auf dem Kunstrasen an der Reiningstraße und dann in blau-weißer „Vereinsmontur“. Fotos: uh Foto: az

Erich Boll ist Platzwart bei DJK Coesfeld, die treue Seele des Vereins. „Ohne Erich könnten wir den Laden komplett schließen“, meint Kassierer Helmut „Bocki“ Borgert, „der Erich ist Gold wert!“ Er muss es wissen. „Ich kenn’ ihn seit ewig und drei Tagen. Wir sind gleich alt.“ Der gute „Bocki“ ist von Baujahr 1948, Boll von 1949. Ihren 50. Geburtstag haben sie einst gemeinsam in der Reiningmühle gefeiert. „Bocki“ wurde an Silvester ‘48 geboren, Boll am Neujahrstag ‘49. „Ich weiß genau, was Erich geleistet hat“, lobt „Bocki“ den Klubkollegen, „das kann man gar nicht wieder gutmachen.“ Bolls Verdienste seien unbezahlbar.

Das stimmt! Der Mann ist noch wichtiger als die gesamte Vorstandsriege. Er darf nicht krankfeiern. Oh, das wäre fatal. Urlaub ist auch gestrichen. Ohne ihn läuft nichts. Erich Boll hält die Anlage in Schuss, den Kunstrasen, die beiden Rasenplätze und alles, was dazugehört. Er hat die Schlüsselgewalt über drei Vereinsgebäude, das mobile am Haugen Kamp, das alte Vereinsheim und die neue Umkleide an der Reiningstraße. Sein Schlüsselbund ist so dick und so schwer, dass er kaum in seine Hosentasche passt. Ruck zuck fingert er ihn aus seiner Buchse: „Dieser Schlüssel ist für die Kabinen, der für den Geräteraum und der für den Käfig mit den Fußbällen.“ Wenn Claus Heinze und Karsten Erwig, die beiden Trainer der Bezirksliga-Mannschaft, ihn auffordern: „Erich, gib uns die Kugel“, dann stiefelt er los und kommt mit einer „Fußballpille“ zurück.

Seit fast vier Jahrzehnten erledigt er den Job zu aller Zufriedenheit. Lob gibt’s häufig, Komplimente auch, Gemecker nie. Erich Boll ist ein Hansdampf in allen Gassen. Was hat er nicht alles gemacht! „Ja, ja, ich war früher Spieler, Schiri und Trainer.“ 1967 wurde Boll ein „Blauer“. Damals war er zwölf. „Vorher durfte ich kein Fußball spielen“, erinnert sich der „Spätzünder“ an seine Kindheit, „meine Eltern hatten einen Bauernhof in Sükerhook. Weil mein Vater schwerkrank aus dem Krieg zurückgekehrt war, mussten wir Kinder zu Hause ran.“ Zwei Brüder hatte er und eine Schwester. Noch vor der Schule wurden die Schweine gefüttert und die Kühe gemolken. Und nach der Schule wurde weiter fleißig mit angepackt. „Deshalb hatte ich Fußballverbot.“ Schweine füttern statt Tore schießen. „Fußball? Blödsinn“, schimpfte sein Papa immer, „schlag dir bloß die Flausen aus dem Kopf.“ Als er mit 57 Jahren starb, machte der Sohn den Traum wahr und wurde DJK’ler.

Mit seinen kurzen, wieselflinken Beinen raste er die Außenbahn rauf und runter, dass die Zuschauer stauten: „Wo der Erich stürmt, da wächst kein Grashalm mehr.“ Boll sagt selber: „Ich war gelernter Linksaußen.“ In jenen Tagen gab es keine abkippenden Sechser, keine falschen Neuner, die aus der Tiefe in die Box stürmen. Alles Quatsch! Mit diesem neumodischen Kram, Doppelsechs und so, muss ihm keiner kommen: „Wir haben gepöhlt, was das Zeug hielt.“ 22 Mann, ein Ball, ein Schiri, zwei Tore. Fußball ist ein einfaches Spiel. Mit den taktischen Neu-erungen kann er nix anfangen.

Früher wurde noch auf roter Asche gebolzt. Mittendrin Erich Boll. Schnell war er, pfeilschnell. „Ich konnte gut Flanken schlagen.“ Aus vollem Lauf schnibbelte er den Ball mit viel Gefühl in den Sechzehner. Wie Rüdiger Abramczik, der Flankengott aus dem Kohlenpott. „Lang, lang isses her . . .“ Boll denkt gern an die guten alten Zeiten, als er die Fußballstiefel trug, die mit den drei Streifen von Adi Dassler.

Nachdem seine Mama den Bauernhof dran gegeben hatte, absolvierte ihr Junior eine Lehre als Landmaschinenmechaniker bei Hülsken in Osterwick. „Drei Jahre bin ich mit dem Fahrrad gefahren“, erzählt er, „bei Wind und Wetter, egal ob’s geregnet hat oder geschneit.“ Und nach Feierabend wurde gespielt und am Wochenende um Punkte gekämpft.

Später war er auch Trainer. „Erste und zweite Mannschaft haben damals zusammen trainiert“, blickt Boll zurück. „Kalle Peiler hat die ‚Erste’ auf Vordermann gebracht, ich war für die ‚Zweite’ zuständig.“ Als er Schiri wurde (siehe Bericht), war’s mit der Karriere als Spieler vorbei. Boll hing die Schuhe an den Nagel.

Nebenbei kümmerte sich Erich Boll, ein wahres Multitalent, um die Sportanlage an der Reiningstraße, eine Aufgabe, die ihn total in Anspruch nahm. Dann musste er entscheiden: Schiri, Trainer oder Platzwart? Er entschied sich für Platzwart. An den Wochenenden ist immer Hochbetrieb, wenn nicht gerade Corona die Welt auf den Kopf stellt. „Normalerweise bin ich samstags und sonntags im Einsatz.“ In aller Herrgottsfrühe steht er auf der Matte, öffnet die Türen, für die Trainer, die Spieler und für die Unparteiischen, die ihren eigenen Raum haben. Spieltage sind Großkampftage. Boll kreidet die Plätze ab, holt die Bälle raus, schraubt die kaputte Glühbirne raus und die heile wieder rein, sonst sähe es manches Mal zappenduster aus.

Am Sonntagabend ist Schicht. „Mehr als 20 Mannschaften sind im Einsatz, von den Bambinis bis zu den Alten Herren“, berichtet der rüstige Rentner, der 2014 seinen Dienst bei der Firma Land- und Gartentechnik Bussmann in Havixbeck quittiert hat, „zwei Tage lang bin ich auf den Beinen.“ Dann wird kräftig in die Hände gespuckt, dann kommt er ins Schwitzen und ist hinterher fix und foxi.

Wenn sonntags um 17 Uhr der Schlusspfiff ertönt und er dem Schiedsrichter sein Geld ausbezahlt hat, gönnt sich Erich Boll eine kleine Auszeit, während sich die Herren Fußballer einen nehmen. „Auf die letzten Trinker kann ich nicht warten“, erzählt er mit einem breiten Grinsen, „da fahr’ ich erst mal nach Hause.“ In Gaupel, wo Boll wohnt, legt er für eine gute Stunde oder mehr die Beine hoch, ehe er zurückfährt. Aus gutem Grund: „Wenn unsere Spieler gewonnen haben, kann es sein, dass die Kabine hinterher aussieht wie ein Schlachtfeld.“

Erich Boll, das Ein-Mann-Putzkommando, sorgt für Ordnung und Sauberkeit. „Damit unsere Putzfrauen am Montag keinen Herzinfarkt kriegen“, betont er, „das muss ja nicht sein.“

Momentan wartet er geduldig auf schönes und vor allem trockenes Wetter. „Ich muss einen Teil der Bandenwerbung austauschen, Sturmschäden beheben und die Maulwurfshügel auf den Rasenflächen beseitigen.“ Erich Boll, den der Hausmeister vom mobile, Frank Schlattmann, regelmäßig unterstützt, kann nicht ruhig sitzen. Er hat Hummeln im Hintern, er muss sich beschäftigen können. „Doch mehr als zwei Personen dürfen auf dem Platz nicht tätig sein“, so Boll, „das liegt an Corona.“ Die Pandemie hat auch dazu geführt, dass in den Bezirks- und Kreisligen alles ausfällt. Daher kann er jetzt wieder Sportschau gucken mit den Bundesligaspielen. Zur Prime Time samstags um 19 Uhr wuselt er eigentlich auf der DJK-Anlage herum. Als beinharter Fan des 1. FC Köln knipst er nun den Fernseher ein. „Das ist aber auch kein Vergnügen“, klagt er, „da tun dir die Augen weh, wie die Kölner spielen.“ Schön ist anders. „Mittlerweile freu’ ich mich schon, wenn die Westvereine gewinnen: Dortmund, Gladbach, Köln und von mir aus auch Schalke.“

Deshalb kann er’s kaum erwarten, dass es in den unteren Ligen endlich wieder losgeht mit Tore, Punkte, Meisterschaft. „Ich muss was zu tun haben.“ Erich Boll ist ein Arbeitstier. Wenn er tatenlos in seiner Bude hockt, knallt ihm die Decke auf den Kopf, und dann wird der agile Siebziger richtig grantig.

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