Sieg bei Hoffenheim
Kruse verleiht Union neuen Glanz - Elfmeterrekord in Sicht

Als Union im August Max Kruse holte, musste dieser erstmal erklären, dass er nicht gekommen sei, «um mich um das Nachtleben in Berlin zu kümmern». Jetzt trumpft der feine Fußballer mit der Vorliebe für flotte Flitzer und das Pokern groß auf.

Dienstag, 03.11.2020, 13:00 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 13:02 Uhr
Berlins Elfmeter-Torschütze Max Kruse (r) jubelt mit Florian Hübner über das Tor zum 0:1. Foto: Uwe Anspach

Sinsheim (dpa) - Der Lebemann Max Kruse und der Arbeiterverein aus Köpenick - mit dem Bundesliga-Rückkehrer und dem 1. FC Union Berlin haben sich offensichtlich zwei gefunden.

Der 32 Jahre alte Neuzugang der Eisernen war beim 3:1 (0:0)-Sieg bei der TSG 1899 Hoffenheim der gefeierte Mann und verhilft dem Abstiegskandidaten zu ungewohnter spielerischer Klasse. Trainer Urs Fischer hätte seinen Matchwinner am liebsten gar nicht mehr losgelassen. Der 54 Jahre alte Schweizer drückte den Angreifer nach dem Montagabendspiel in der Fußball-Bundesliga ausgiebig und beide strahlten sich an.

Als Tabellensiebter steht Union so gut da wie noch nie und plötzlich da, wo der strauchelnde Lokalrivale Hertha BSC so gerne hin will. Auf einem Rang, der nach Europa führen könnte. Sein Punktepolster kann Union am Samstag gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld weiter aufbessern. «Der Max ist auf dem richtigen Weg. Ich glaube, er ist noch nicht da, wo er hin will, aber er arbeitet daran», sagte Fischer nach dem fünften ungeschlagenen Spiel in Serie und dem höchsten Auswärtssieg im Oberhaus.

Kruse verschwand im vergangenen Jahr vom Bundesliga-Radar nach seinem Wechsel von Werder Bremen zu Fenerbahçe Istanbul, dort war er lange verletzt und kehrte nach einem Gehaltsstreit nach Deutschland zurück. Mit seinen privaten Eskapaden hatte der Ex-Nationalspieler in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt - in Sinsheim zeigte er, was für ein klasse Fußballer er immer noch ist.

Mit einem verwandelten Foulelfmeter (60. Minute) und zwei Torvorlagen glänzte Kruse im leeren Stadion von Sinsheim. «Er hat brutale Erfahrung und bringt Ruhe rein», lobte Sebastian Griesbeck seinen Kollegen. Die Eisernen haben ihre bisher schlichte, aber oft effektive Spielweise im zweiten Jahr im Oberhaus ihrem Neuzugang schnell angepasst. Fischer vermied die so gerne verwendete Floskel vom «Unterschiedsspieler»: «Ich glaube, er alleine macht den Unterschied nicht. Er braucht auch seine Mitspieler, um den Unterschied zu machen. Aber natürlich hat man beim 2:1 und 3:1 die Qualität von Max gesehen.»

Kruse traf ganz abgezockt per Foulelfmeter und bereitete die Treffer von Joel Pohjanpalo (85.) und Cedric Teuchert (90.+4) vor. Zwischenzeitlich sorgte Munas Dabbur (80.) für den Ausgleich der Hoffenheimer, bei denen Robert Skov die Rote Karte vor dem Kruse-Strafstoß gesehen hatte. Vor allem das 3:1 legte Kruse Teuchert völlig selbstlos auf. «Wenn ich selbst schieße, dann ist er zu 99 Prozent drin. Wenn ich rüberlege, sind es 100 Prozent», erklärte er später bei DAZN. «Wir sind Teamsportler und wollen zusammen gewinnen. Wenn ich den dann außerdem nicht mache und wir bekommen noch das 2:2, bin ich der Depp der Nation.»

Union-Manager Oliver Ruhnert hatte nach der Verpflichtung des Ex-Bremers und Ex-Gladbachers Ende August im Trainingslager prophezeit: Etwa Mitte Oktober werde der Offensivkünstler «bei 100 Prozent sein». Das ist er laut Fischer noch nicht, aber die Partie am Montagabend durfte Kruse auch als Zusatzschicht verstehen. «Er musste über 90 Minuten gehen, das hilft ihm auf dem Weg zurück.» Die Fitness seines neuen Stars sei nämlich «noch nicht ganz da, wo wir wollen.»

«Ich bin sehr glücklich. Aber es kann noch besser werden», meinte Kruse. Mit seinem nächsten verwandelten Elfer kann er nun sogar in die Bundesliga-Historie eingehen: Alle 15 waren bisher drin, 16 ohne einen Fehlschuss schaffte bisher nur Jochen Abel für den VfL Bochum und FC Schalke 04 Ende der Siebziger und Anfang der Achziger.

Darauf angesprochen, musste Kruse lächeln: «Jetzt weiß ich noch mehr, dass ich den nächsten Elfer auch machen muss, um den Rekord einzustellen. Aber klar, ich will die Elfmeter schießen, ich will sie reinmachen - und solange das gut klappt, bin ich wahrscheinlich auch der, der als nächstes schießt.» Verrückt machen lässt sich einer wie der leidenschaftliche Pokerspieler Kruse davon nicht.

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