Premier League
Liverpool in der Corona-Krise: Moraldebatte statt Titelfeier

Ohne die Corona-Krise wäre der FC Liverpool längst englischer Fußballmeister. Doch statt den ersten Titel seit 30 Jahren feiern zu können, steckt der Club von Jürgen Klopp mitten in einer emotional geführten Debatte über moralische Werte und wirtschaftliche Vernunft.

Dienstag, 07.04.2020, 15:24 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 15:26 Uhr
Rudert bei der Zwangsbeurlaubung von Mitarbeitern des FC Liverpool zurück: Peter Moore, Geschäftsführer des FC Liverpool. Foto: Peter Byrne

London (dpa) - Die Meinung der Fans hat beim FC Liverpool offenbar noch Gewicht. Nach heftigem Gegenwind will Club-Boss Peter Moore die nicht fußballspielenden Mitarbeiter des Vereins nun doch nicht wie geplant in den Zwangsurlaub schicken.

«Wir glauben, dass wir letzte Woche zum falschen Schluss gekommen sind, das tut uns wirklich leid», schrieb Moore in einem offenen Brief und reagierte damit auf die scharfe Kritik von Liverpool-Anhängern und einigen Ex-Profis an der Maßnahme.

Ursprünglich hatten die Reds geplant, wegen der Coronavirus-Krise und der damit verbundenen Fußballpause ein Programm der Regierung zur Rettung von Arbeitsplätzen zu nutzen. Der Staat hätte 80 Prozent der Löhne übernommen, der Verein den Rest. So sollten den Angestellten keine finanziellen Nachteile entstehen. Spieler und Jürgen Klopps Trainerstab würden währenddessen allerdings weiter ihr Salär kassieren. Passt das zu einem Club, der sich als große Familie bezeichnet?

Die Premier-League-Profis konnten sich bisher trotz des wachsenden öffentlichen und politischen Drucks nicht zu einem Gehaltsverzicht durchringen, obwohl viele Spieler dazu grundsätzlich bereit wären. Die Spielergewerkschaft PFA lehnt eine pauschale Gehaltskürzung von 30 Prozent ab.

Der PFA-Vorsitzende Gordon Taylor, der laut britischen Medien selbst knapp drei Millionen Euro Gehalt bezieht, sieht die Vereine in der Pflicht, zuerst ihre Finanzen offenzulegen. Die Spieler müssten sichergehen, dass nicht wohlhabende Clubinhaber von ihrem Verzicht profitieren, sondern das Geld an den richtigen Stellen ankommt.

Zudem gebe es große Unterschiede bei den Einnahmen und Ausgaben, sagte Taylor dem «Guardian». Deshalb müsse jeder Club die Sache für sich selbst klären. Eine Lösung war bis Dienstag nicht in Sicht.

Solange keine Einigung erzielt wird, stecken die Vereine in einem Konflikt zwischen wirtschaftlichem Handeln und moralischen Werten, wie das Beispiel Liverpool zeigt. Auch andere Clubs, darunter Newcastle United, Norwich City und Tottenham Hotspur waren so vorgegangen. Anfangs schien sich kaum einer daran zu stören.

Nun wird die Kritik auch bei den Spurs-Anhängern lauter. «Wir sagen es jetzt deutlich und öffentlich - beschädigt den Ruf des Clubs nicht noch weiter, hört auf die Fans», schrieb der Tottenham Hotspur Supporters’ Trust, eine einflussreiche Fan-Organisation.

In Liverpool hatte zuvor unter anderem der langjährige frühere Profi Jamie Carragher geschimpft. «Jeglicher Respekt und guter Wille geht verloren», twitterte die Vereinsikone ungewohnt scharf, «armer LFC».

Während die Spieler noch zögern, sind die Premier-League-Trainer etwas weiter. Nachdem Bournemouth-Trainer Eddie Howe und Graham Potter von Brighton & Hove Albion vergangene Woche erklärt hatten, sie würden freiwillig auf einen Teil ihres Lohns verzichten, sollen nun weitere Kollegen ihre Bereitschaft zum Gehaltsverzicht signalisiert haben, darunter laut «Daily Mail» auch Liverpool-Coach Klopp.

Klopp hatte zu Beginn der Coronavirus-Pandemie einen Nerv getroffen, als er trotz der bevorstehenden Meisterschaft klarstellte, dass andere Dinge wichtiger seien als der Fußball. Es wäre nur konsequent, wenn der beliebte Coach wieder mit gutem Beispiel vorangehen würde - und könnte die Fans nach der jüngsten Missstimmung weiter besänftigen.

Moore warnte die Anhänger vorsorglich vor «nie da gewesenen» Verlusten. «Unsere Einnahmen sind weggefallen, während unsere Ausgaben bleiben», so der Liverpool-Boss. Wann und wie die Saison für seinen Verein weitergeht, wann und ob die Reds ihre verdiente Meisterschaft feiern können, ist indes noch völlig offen. Immerhin UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sieht den Titelgewinn nicht gänzlich in Gefahr. «Ich sehe kein Szenario, bei dem es nicht auf Liverpool hinauslaufen würde», sagte der Chef des europäischen Dachverbands dem slowenischen Sportblatt «Ekipa24».

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