Nationalmannschaft
Löw setzt auf Bayern-Mentalität - Sieg für Stimmungswechsel

Es nervt. Die Mängel der Nationalelf sind in der uneingespielten DFB-Formation und Löws Personalauswahl begründet - aber nicht nur. Ein Hauptproblem muss der Bundestrainer ganz schnell lösen. Vor dem riskanten Trip nach Kiew streicht er erstmal fünf Ergänzungsspieler.

Donnerstag, 08.10.2020, 14:32 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 14:35 Uhr
Die DFB-Spieler Mahmoud Dahoud (l) und Nadiem Amiri waren nach dem 3:3 gegen die Türkei enttäuscht. Foto: Federico Gambarini

Köln (dpa) - Joachim Löw gerät in die Bredouille. Ohnehin sind die Umstände mit der Corona-Krise und ungewohnten Belastungen für seine Elitekicker kompliziert.

Jetzt muss die Fraktion der Dauersieger aus München unbedingt den Fluch verspielter Siege brechen, um auf dem Weg zur EM im kommenden Sommer die Verunsicherung zu stoppen. «Natürlich wird es wichtig sein jetzt, dass wir die nächsten Spiele siegreich gestalten», sagte der Bundestrainer deutlich nach dem teils auch hausgemachten Last-Minute-Frust im Testspiel gegen die Türkei.

Wenigstens der Zeitpunkt scheint günstig: Die durch Corona-Ausfälle geschwächte Auswahl der Ukraine ging in Paris gegen Weltmeister Frankreich krachend mit 1:7 unter. Und konnte aus dem DFB-Quartier zudem vermeldet werden, dass der zuletzt verletzte Mittelfeldroutinier Toni Kroos sowie der wegen einer Erkältung ebenfalls später angereiste Torjäger Timo Werner den Trip ins ukrainische Risikogebiet antreten können.

Vor der Partie am Samstag (20.45 Uhr/ARD) in Kiew verspielte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft beim 3:3 (1:0) gegen die Türken erneut einen Vorsprung - diesmal sogar gleich dreimal in 90 Minuten. Auch wenn das zusammengewürfelte Team vom Mittwochabend anders bewertet werden muss als eine Elf mit allen Stammkräften, wurde Aushilfskapitän Julian Draxler deutlich: «Ich habe keine große Lust zu sagen, dass wir gute Ansätze hatten. Am Ende kommt es darauf an, Spiele zu gewinnen - und das haben wir nicht geschafft.»

Seit fast einem Jahr hat das Löw-Team nicht mehr gewonnen. Auch wenn es dabei eine lange Pause wegen der Corona-Pandemie gab und der viermalige Weltmeister gleichzeitig seit 13 Monaten ungeschlagen ist: Das lange Warten auf ein Erfolgserlebnis nervt Spieler, Fans und inzwischen auch Chef Löw zunehmend. Bei RTL schauten nicht mal mehr sechs Millionen Zuschauer zu, wie nach der Führung durch Draxler das Tore-Pendel immer wieder zu beiden Seiten ausschlug.

In den nun folgenden Punktspielen in der Ukraine und drei Tage später wieder in Köln gegen die Schweiz geht es auch um das Vertrauen in den Kurs des Weltmeister-Trainers von 2014. «Wir müssen schon einige Dinge ansprechen», kündigte Löw eine intensive Aufarbeitung an. Er reduzierte erstmal den XXL-Kader auf noch 23 Akteure. Benjamin Henrichs (RB Leipzig), die Dortmunder Nico Schulz und Mahmoud Dahoud, Niklas Stark (Hertha) und der Leverkusener Nadiem Amiri werden am Freitag nicht im Charterflieger nach Kiew sitzen.

Löw baut stattdessen auf die starke Bayern-Fraktion um Kapitän Manuel Neuer, Antreiber Joshua Kimmich und Torjäger Serge Gnabry, die zuletzt im November 2019 im DFB-Dress auflief. Gerade der unbedingte Siegeswille der Münchner Champions-League-Gewinner ist jetzt gefragt. «Wir müssen abgeklärter, erwachsener, manchmal vielleicht dreckiger sein», sagte Dortmunds Abwehrspieler Emre Can.

«Das ist aber auch eine Sache der Konzentration, der Mentalität. Wir machen viele Dinge gut, aber wir müssen uns belohnen», haderte Löw nach einem ereignisreichen Kölner Fußballabend vor 300 Zuschauern.

Er sprach von «Licht und Schatten» und sah einige «gute Erkenntnisse» ans Tageslicht befördert. So konnte der Mönchengladbacher Debütant Florian Neuhaus nicht nur durch sein Tor seine Chance in dem Spiel nutzen, das Löw gezwungenermaßen zum Perspektivtest für mögliche EM-Nachrücker erklärt hatte. Luca Waldschmidt von Benfica Lissabon, ebenfalls erstmals Torschütze, gefiel mit dem direkten Zug zum Tor.

Länger fiel die Mängelliste aus. Fehlende Spielkontrolle und Organisation unter Druck, mangelhafte Chancenverwertung, offene Räume, schlechte Zuordnung - all das führte Löw selbst an. Doch auch der 60-Jährige selbst musste nicht zum ersten Mal erfahren, dass er allgemeingültige Fußball-Gesetzmäßigkeiten nicht übergehen kann.

So war etwa Defensivkräften wie Schulz oder Antonio Rüdiger vom FC Chelsea die fehlende Spielpraxis in ihren Vereinen anzusehen. Löw hatte zuvor im Fall Rüdiger das glatte Gegenteil prophezeit. Neben den Gladbachern Neuhaus und Jonas Hofmann kam auch Dahoud zu einem kurzen Länderspieldebüt, obwohl er in Dortmund Ersatzkraft ist.

Auch deshalb kochen die Diskussionen über das Leistungsprinzip im Nationalteam immer wieder hoch. Weiterhin ist für Löw ein Comeback der Ex-Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels kein Thema, obwohl sie bei Bayern und Dortmund absolute Führungskräfte sind. Neben der Kaderauswahl erstaunt immer wieder Löws Einwechsel-Taktik. Dass er die Struktur seines ohnehin um Stabilität ringenden Teams gegen die auch nicht in Topbesetzung angetretenen Türken in den Schlussminuten mit Ergänzungsspielern Stark und Amiri nochmals veränderte, trug zur allgemeinen Verunsicherung in der deutschen B-Vertretung noch bei.

Nur ein Ende der Sieglos-Phase kann die Stimmung im und um das Team kippen. «Es wird eine andere Mannschaft in der Ukraine auf dem Platz stehen. Alle, das kann ich versichern, sind heiß und hochmotiviert, das nächste Spiel zu gewinnen», versprach Löw. Mit Blick auf besseres Personal schloss er an: «Ich glaube, wir werden das schaffen.»

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