Gescher
Mittendrin statt      nur dabei

Gescher. Mittendrin ist er regelmäßig, auch wenn es ihm in diesem Fall gar nicht so behagt. „Ja, ja, das Kreisspiel“, muss Mugdad Ismail lachen. Die lockere Runde zum Aufwärmen, immer zwei in der Mitte, die den Ball jagen und ihn im Optimalfall auch schnell bekommen. Das gelingt halt nicht immer. „Nach 20 Ballkontakten der Außenspieler gibt’s eine Doppelrunde“, zuckt der 22-Jährige mit den Schultern. Da ist er schon mal dabei, bevorzugt mit Jan-Niklas „Jordan“ Barden. Und dann ist da noch die Sache mit dem Tunnel – der Beinschuss kostet einen Euro. „Passiert mir leider häufiger“, gibt er zu. Das rechnet er immer am Döner hoch: So mancher Betrag, den er gerne in die Spezialität investiert hätte, landete schon in der Mannschaftskasse.

Donnerstag, 18.04.2019, 18:11 Uhr aktualisiert: 19.04.2019, 14:56 Uhr
Immer Vollgas gibt der 22-Jährige auf dem Feld. Seine Torquote will der Stürmer noch deutlich verbessern. Foto: az

Mittendrin statt nur dabei, das trifft es. Mugdad Ismail ist nicht mehr wegzudenken beim SV Gescher – als Spieler, vor allem auch als Typ. Wenn er vom Fußball spricht, von seinen Mannschaftskameraden, vom Spaß und Zusammenhalt, dann strahlt er über das ganze Gesicht. „Ich habe hier so schnell Freunde gefunden.“

Dieses Lachen fällt ihm vor dreieinhalb Jahren noch schwer. In seiner Heimat Irak gehört Ismail zur unterdrückten Volksgruppe der Jesiden. 2015, wenige Monate vor dem Abi, darf er die Schule nicht mehr besuchen. Viele seiner Freunde verlassen das Land – und auch Mugdad Ismail will sein Schicksal in die Hand nehmen und für eine Zukunft kämpfen. Alleine, ohne seine Familie, macht er sich auf den Weg. Über Land, durch die Türkei, Serbien, Bulgarien, Österreich bis nach Deutschland. „25 Tage war ich unterwegs“, erinnert er sich. Dann landet er zunächst für drei Monate in Köln und anschließend in Gescher in der Unterkunft am Borkener Damm. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne die Sprache zu sprechen.

Mugdad Ismail nimmt die Chance an. Sechs Monate geht er zur Schule, um Deutsch zu lernen – und spricht es heute perfekt. „Erst dachte ich, das bekomme ich niemals hin“, gibt er lächelnd zu. „Aber irgendwann wurde es einfacher.“

Weil der Sport hilft. Fußball, das ist schon im Irak seine Leidenschaft, die er pflegt wann immer es geht. „Es gab keine Vereine, aber Mannschaften, die gegeneinander gespielt haben“, erzählt er. In den letzten drei Jahren in seiner Heimat bleibt wegen Schule und Arbeit allerdings immer weniger Zeit, gegen den Ball zu treten. In Gescher will er unbedingt wieder loslegen und landet bei der fünften Mannschaft des SV mit Trainer Fabian Hagemann. Ein Glücksfall.

Mittendrin statt nur dabei, dafür sorgen seine neuen Teamkollegen. Sie unterstützen ihn von Beginn an nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. „Ich habe mich nie fremd gefühlt“, sagt der 22-Jährige. „Die Jungs haben mich überall hin mitgenommen.“

Aus der fünften in die erste Mannschaft, aus der C-Liga in die Bezirksliga, auch diesen ungewöhnlichen Weg schlägt Mugdad Ismail ein. Und wieder stecken sein Ehrgeiz und der Spaß am Fußball dahinter. „Ich wollte gerne ein drittes Mal in der Woche trainieren.“ Über seinen Arbeitskollegen Marcel Tenbrink bekommt er Kontakt zu Thomas Lanfer, der eröffnet ihm die Möglichkeit, donnerstags mit der ersten Mannschaft zu kicken. Und dann dauert es nicht lange, bis Trainer Frank Schulz ihn bittet, bei einem Testspiel auszuhelfen. Kurz darauf ist Ismail auch beim Sparkassen-Cup in Coesfeld dabei – und fortan mittendrin im Bezirksliga-Team. Kapitän Matthias Efsing und Frank Schulz fragen ihn, ob er dauerhaft in der „Ersten“ mitmischen möchte. „Es war nicht leicht, die Fünfte zu verlassen“, gibt er zu. „Aber den Sprung zu packen, ist eine tolle Bestätigung.“

Noch ist er kein Stammspieler, muss sich gewöhnen an die Bezirksliga. Aber er wirft wie immer alles rein. Im März gelingt ihm bei 3:1 gegen SpVgg. Vreden II endlich sein erstes Tor. Auch beruflich läuft es fantastisch: Ismail jobbt in einer Tankstelle, will sich aber weiterentwickeln. Tatsächlich macht er seit dem 1. August 2018 eine Ausbildung bei der Sparkasse Westmünsterland, nachdem er dort zuvor ein Praktikum absolviert hat. „Das“, lächelt er, „ist wirklich super gelaufen.“

Wenn es jetzt noch mit dem Klassenerhalt klappt . . . Mittendrin angekommen ist er längst beim SV Gescher, jetzt möchte er mit seinem Team in der Bezirksliga bleiben. Das wird ein hartes Stück Arbeit, aber Mugdad Ismail will seinen Teil dazu beitragen. „Ich möchte künftig mehr Tore schießen“, kündigt er an. „Und möglichst im Training weniger Döner verlieren.“

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