Formel 1
Phantomschmerz im Park: Vettels roter Monza-Abschied

Monza wird für Sebastian Vettel und Ferrari gnadenlos. In Corona-Zeiten sind beim Formel-1-Heimspiel der Scuderia keine Fans erlaubt. Im Königlichen Park werden die Italiener auch schmerzvoll an frühere Erfolge erinnert. Vettel verabschiedet sich von Monza.

Mittwoch, 02.09.2020, 13:12 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 13:16 Uhr
Sebastian Vettel und Ferrari hoffen auf einen Fortschritt. Foto: Francois Lenoir

Monza (dpa) - Ein Gefühl der Einsamkeit dürfte Sebastian Vettel und Ferrari in Monza erfassen. Ohne ihre enthusiastischen Fans muss die Scuderia ihren Heim-Grand-Prix in dem Hochgeschwindigkeits-Tempel bestreiten.

In Corona-Zeiten erlauben die strengen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen der Formel 1 im Königlichen Park von Monza keine Zuschauer. Das Fehlen der Ferraristi am Sonntag (15.10 Uhr/RTL und Sky) könnte Vettels Abschiedsschmerz aber sogar etwas erträglicher gestalten.

«Ich werde Monza das erste Mal ohne Fans erleben», sinnierte der bei der Scuderia zum Jahresende ausgemusterte viermalige Weltmeister, der in der Lombardei in Rot noch nicht gewinnen konnte. «Das macht es für mich aber ein bisschen leichter, weil das Überwältigendste daran, ein Ferrari-Fahrer zu sein, ist, wieviele Fans das Team weltweit hat.»

In diesem Jahr ist allerdings nur noch die Leidensfähigkeit der Fans in Rot gefordert. Erschreckende Defizite in der Aerodynamik und in der Motorenleistung ließen Michael Schumachers früheren Rennstall brutal abstürzen. Branchenprimus Mercedes um Lewis Hamilton ist längst nicht mehr die Referenzgröße. Die Hinterbänkler Alfa Romeo und Haas, die von Ferrari mit Antrieben ausgestattet werden, sind es. «Aufgeben ist keine Option», heißt es bei der Scuderia tapfer-verzweifelt vor dem 999. Grand Prix ihrer so ruhmreichen Historie. «Enttäuschung lässt uns nur noch tiefer graben.»

Man entdeckt beim Wühlen aber auch Unliebsames. Im Trauerfall Ferrari sind das drastische Erkenntnisse. Zum Beispiel wenn es darum geht, wann der 16-malige Konstrukteursweltmeister wieder in der Spitze mitfahren könnte. «Wenn man zurückschaut auf all die Siegerzyklen, handelt es sich immer um mehrere Jahre», räumte Teamchef Mattia Binotto ein. «Es gibt keine Allheilmittel in der Formel 1. Geduld und Stabilität sind erforderlich.»

Die Ferrari-Ausdauer mit Binotto wird arg strapaziert, im Fall Vettel endet sie nach dieser Saison. Sechs Jahre ohne den ersehnten Titel mit den Italienern sind dann für den Hessen verstrichen. Auf einen versöhnlichen Schlusspunkt in Monza, wo er 2008 für Toro Rosso sensationell sein erstes Formel-1-Rennen gewann, wird er ohnehin verzichten müssen. In der spirituellen PS-Heimat der Ferraristi ist Motorenleistung gefragt - und da hat der aktuelle Jahrgang der Scuderia erschreckend wenig zu bieten.

Das Verbot des «Party-Modus» könne «einige Rennställe beeinflussen», meinte Binotto mit ganz leiser Zuversicht vor dem achten Saisonlauf. «Ich bin neugierig, wie sehr und welche Rennställe das beeinflusst.» Hintergrund der Aussage ist, dass die Teams von dem Grand Prix von Italien an nur noch eine Motoreneinstellung für die Qualifikation und das Rennen nutzen sollen. Aus dem sogenannten Party-Modus, der auf einer Runde zusätzliche Leistung freigab, konnte vor allem Mercedes um Pole-Rekordmann und WM-Titelverteidiger Hamilton Vorteile ziehen.

Monza wird gnadenlos für Ferrari. Hier werden sie an Partys in einem roten Tollhaus erinnert, hier werden ihnen frühere Triumphfahrten vor Augen geführt. So wie im vergangenen Jahr, als ausgerechnet Vettels Stallrivale Charles Leclerc mit dem ersten Ferrari-Sieg nach neun Jahren endgültig in die Herzen der Scuderia-Fans raste. «Das hat sich zehnmal stärker angefühlt als alles, was ich zuvor in meiner Karriere erlebt habe», meinte der Monegasse damals, als ihm die begeisterten Zuschauer aus vollen Kehlen zujubelten.

Ferrari ist eine intensive Erfahrung. Keine Frage. Vielleicht ist es jetzt für Ferrari sogar zähneknirschend hinnehmbar, dass die Zuschauer nicht da sein werden. Schließlich erregt die Scuderia mittlerweile mehr Spott und Mitleid als Jubel. Da kann sich dann auch ein weiteres Fiasko in dieser so traurigen Ferrari-Saison nicht zehnmal schmerzhafter anfühlen als alles andere.

© dpa-infocom, dpa:200901-99-393728/5

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