Rückzug nach Italien-Rennen
Claire Williams hofft auf mehr Vielfalt in Formel 1

Monisha Kaltenborn war die erste Teamchefin in der Formel 1, Claire Williams die zweite. Die Britin verlässt nach dem Monza-Grand-Prix die Motorsport-Königsklasse. Vielfalt und Gleichberechtigung bleiben in der Formel 1 drängende Themen.

Samstag, 05.09.2020, 12:38 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 12:42 Uhr
Wünscht sich mehr Vielfalt in der Formel: Claire Williams. Foto: David Davies

Monza (dpa) - Fast acht Jahre lang stand in der vermeintlichen Macho-Branche Formel 1 mindestens eine Frau an der Spitze eines Rennstalls.

Mit dem Abschied von Claire Williams bei dem englischen Privatteam nach dem Grand Prix von Italien erlebt die Königsklasse des Motorsports nun eine Zäsur. Der Kampf um Gleichberechtigung und Vielfalt in der jahrzehntelangen Männer-Domäne soll nach ihrem Willen unbeirrt weitergehen.

«Die Formel 1 hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, die Welt hat sich gewandelt», urteilte die Tochter des legendären Teammitgründers Frank Williams kurz nach ihrem angekündigten Abschied in Monza. Der Rennstall ist mittlerweile an eine US-Investmentgesellschaft verkauft. «Wir brauchen aber mehr Frauen.» Claire Williams hofft, «dass es so weitergeht» mit den Bestrebungen in der Motorsport-Königsklasse.

Williams war das Thema Gleichberechtigung nicht erst seit ihrem Aufstieg zur Co-Teamchefin 2013 sehr wichtig. Unter ihrer Führung nahm im Sommer 2014 in der Schottin Susie Wolff auch erstmals nach 22 Jahren wieder eine Frau an einer Formel-1-Trainingseinheit teil. Zuvor war das die Italienerin Giovanna Amati 1992 gewesen.

Auch der Kampf gegen das Lohngefälle zwischen Mann und Frau trieb Claire Williams um - aber stets mit viel Verstand. «Der Sport ist schon immer von Männern dominiert gewesen», sagte die heute 44-Jährige einmal. «Der Sport muss aber eine Leistungsgesellschaft sein. Es ist keine reine Pflichtübung, nur um mehr Frauen reinzubekommen. Wir müssen sicher stellen, dass fähige Menschen in die Rennställe kommen.»

Die zehn Teamchefs in der Formel 1 sind aber allesamt männlich. Die Motorsport-Königsklasse versucht, drängenden sozialen Themen wie Nachhaltigkeit, Vielfalt und Inklusion mit einer eigenen Kampagne zu begegnen. Diese Aspekte sind auch im Selbstverständnis der Serie verankert. Die Zahl der Frauen in der an Arbeitsplätzen limitierten Formel 1 hat zugenommen - auch in hohen Positionen. Chloe Targett-Adams kam noch unter dem langjährigen Chefvermarkter Bernie Ecclestone in die Motorsport-Königsklasse und ist so etwas wie die Chef-Diplomatin, weil sie mit den Grand-Prix-Veranstaltern auf der ganzen Welt um Millionen verhandelt.

Oder der so wichtige Posten des Chefstrategen. Dieser Job ist zum Beispiel bei Red Bull mit Hannah Schmitz, bei Racing Point mit Bernadette Collins oder bei Alfa Romeo mit Ruth Buscombe besetzt. Deren Taktik-Entscheidungen haben gewaltigen Einfluss auf die Platzierungen der Fahrer.

«Ich hatte mit den Piloten null Probleme, weil sie nur das Beste rausholen wollen», erzählte die Britin Buscombe, die es auf Fahrerseite mit dem Finnen Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi aus Italien zu tun hat. «Im Fahrerlager herrscht so ein starker Wettbewerb, dass sie sich nicht darum kümmern, ob nun eine Frau oder ein Streifenhörnchen mit ihnen spricht.»

Nach Buscombes Einschätzung wandelt sich die Formel 1 langsamer als gewünscht. Die Motorsport-Königsklasse müsse sich aber verändern. «Wir sollten nur die besten Leute hier haben. Dafür sollten wir farbenblind und geschlechterblind sein», sagte sie dem «Observer».

Die erste Teamchefin in der Formel 1 war Monisha Kaltenborn. Im Oktober 2012 löste sie beim damaligen Sauber-Team, das heute Alfa Romeo heißt, Rennstallgründer Peter Sauber ab. Die Juristin, die zuvor schon Vorsitzende der Geschäftsführung gewesen war, hatte damals Akzeptanzprobleme.

«Ich hatte am meisten damit zu kämpfen, von der sportlichen Seite her als fähige Teamchefin angesehen zu werden», erzählte die Österreicherin einmal, die auch in der Kommission des Weltverbands für Frauen im Motorsport aktiv war. «Ich wurde erst alles Mögliche gefragt, aber nicht, wie ich die Performance des Teams nach einem Training verbessern würde.» Kaltenborn schaffte es. Der Kampf um Vielfalt und Gleichberechtigung aber geht weiter.

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