ARD-Themenwoche
Regisseurin Aelrun Goette über das Tabuthema Tod

Das TV-Drama «Atempause» erzählt von einer Familie, die in eine existenzielle Krise gerät. Von jetzt auf gleich ändert sich ihr gewohntes Leben vollständig.

Dienstag, 13.06.2017, 00:04 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 13.06.2017, 00:01 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 13.06.2017, 00:04 Uhr
Die Regisseurin Aelrun Goette treiben existentielle Themen um. Foto: Ursula Düren

Hamburg/Berlin (dpa) - Die Regisseurin Aelrun Goette (50) ist durch ihre beiden Filme «Keine Angst» und «Im Zweifel» (beide ARD) einem breiteren Publikum bekannt geworden. Jetzt hat sie das Drama «Atempause» (Mittwoch. 14. Juni) inszeniert, das im Rahmen der ARD-Themenwoche «Woran glaubst Du?» gezeigt wird.

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur spricht sie über das Motiv des Films, das Tabuthema Tod und darüber, warum wir uns alle stärker mit dem Glauben beschäftigen sollten.

Frage: Was hat Sie an diesem Thema interessiert?

Antwort: Die kurze Antwort ist: Ich wusste sofort, das ist mein Film. Es zieht sich ja auch ein wenig durch meine Biografie, dass mich die existenziellen Themen umtreiben. Und so war es auch hier: Es geht darum, wie wir mit dem Tod umgehen, der ja zum Leben gehört.

Frage: Sie arbeiten mit Schauspielern, die man sonst nicht so oft sieht.

Antwort: Ich habe nach Schauspielern gesucht, die in der Lage sind, zu «sein» und die Fähigkeit besitzen, loszulassen - was ja das Thema des Filmes ist. Mit den beiden Hauptdarstellern erzähle ich ein Paar, das wie viele von uns in seinen Mustern gefangen ist: Die Frau hat immer alles unter Kontrolle, typisch für die arbeitenden Mütter meiner Generation. Und der Vater hat sich damit eingerichtet, ihr die Verantwortung zu überlassen. Sie leben getrennt, als wie aus dem Nichts die Katastrophe einschlägt, sie aus der Umlaufbahn ihrer Verhaltensmuster katapultiert werden und über Jahre gewachsene Panzer langsam wieder aufbrechen. Katharina Marie Schubert und Carlo Ljubek hatten den Mut, diese beiden Menschen zu «sein». Und dasselbe gilt für alle weiteren Rollen: Jede einzelne trägt eine Geschichte, die ich mit großartigen Schauspielern besetzen konnte.

Frage: Was genau möchten Sie zeigen?

Antwort: Ich glaube, dass Katastrophen auch die Chance zur Veränderung in sich tragen - und dazu gehören Schmerz und Abschied. Um zu lernen, was es heißen kann, ein Mensch zu sein, müssen wir uns auf existenzielle Erfahrungen einlassen. In unserer durchoptimierten Welt fürchten wir uns jedoch vor nichts so sehr wie vor Schwäche. Wir gehen dem Schmerz aus dem Weg, klammern uns an bewährte Muster und bleiben an der Oberfläche. Der Film liegt mir am Herzen, weil sich alle Figuren diesen Erfahrungen stellen und daraus eine Kraft erwächst.

Frage: Ist das Thema Glaube eines für Sie?

Antwort: Die Autoren haben im Drehbuch die wunderbare Möglichkeit geschaffen, Christentum und Islam selbstverständlich nebeneinander zu erzählen. Die einen glauben an Allah, die anderen an Gott, und die Jungen sind auf der Suche nach einer Idee, die ihnen Halt geben kann. Zunächst begegnen sich die Welten mit Abstand, streifen sich dann in Respekt, kommen sich nah und gehen wieder auseinander. Es war mir wichtig, diese Begegnungen beiläufig zu erzählen, denn angesichts der Angst um ihre Kinder treten die Unterschiede in den Hintergrund. Ich freue mich, dass der MDR diesen Film für die Themenwoche «Woran glaubst Du?» geplant hat, weil er in unseren aufgewühlten Zeiten zwanglos und ohne zu urteilen mit dem Thema Glauben umgeht. Und aus meiner Sicht ein Statement dafür ist, dass wir alle in einem Boot sitzen.

Frage: Ihr Film berührt mehrere wichtige Themen - vor allem die Endlichkeit allen Lebens.

Antwort: So verschieden wir meinen zu sein, so unumstößlich ist die Tatsache, dass wir sterben. Und zwar alle. Mich elektrisiert die Vorstellung von Endlichkeit, weil sie auf das total Unbekannte gerichtet ist. Und paradoxerweise stelle ich immer wieder fest: Menschen, die persönliche Erfahrungen mit Abschied, Endlichkeit und Loslassen zugelassen haben, leben oft eine größere Intensität im Hier und Jetzt. Vorausgesetzt es ist ihnen gelungen, diese Erfahrungen nicht durch irgendeine Art von Sucht, Macht oder Gier zu verdrängen.

ZUR PERSON: Aelrun Goette (50) wurde am 6. Juli 1966 im damaligen Ost-Berlin geboren. Sie machte zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester, jobbte dann als Model und studierte nach der Wende das Fach Regie an der Filmhochschule Babelsberg. Sie drehte zunächst Dokumentarfilme: «Ohne Bewährung - Psychogramm einer Mörderin» (1998) oder «Die Kinder sind tot» (2003), gefolgt vom Spielfilm «Unter dem Eis» (2005). Goette inszenierte auch eine Folge der Reihe «Unter Verdacht» (ZDF) und zwei «Tatort-Krimis» (ARD). Aelrun Goette lebt in Berlin.

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