100 Jahre Schauspielhaus Bochum
Jutta van Asselt ist im Theater zu Hause

Bochum -

Das Bochumer Schauspielhaus feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Damit der Theaterablauf reibungslos funktioniert, braucht es mehr als Schauspieler und Bühnenbauer. Ein Besuch im Künstlerischen Betriebsbüro.

Samstag, 07.12.2019, 15:45 Uhr aktualisiert: 07.12.2019, 15:58 Uhr
Jutta van Asselt an einem ihrer Lieblingsplätze – dem Zuschauerraum des Schauspielhauses. Foto: Jürgen Christ

Der lange, triste Flur mit dem roten Fuß­boden erinnert ein wenig an eine Behörde. Tatsächlich führt er aber mitten durch das Bochumer Schauspielhaus. Und es ist ein wichtiger Flur: Hier ist unter anderem das Büro des Intendanten, seit 2018 ist das der Niederländer Johan Simons. Ein paar Zimmer weiter liegt das Künstlerische Betriebsbüro. Die Leiterin Jutta van Asselt sitzt zwischen Computer, kleiner Lampe und jeder Menge Papier an ihrem Schreibtisch, an der Pinnwand hängen gut ein Dutzend Probenpläne. „Das Theater funktioniert nur gut, wenn man das Betriebsbüro nicht bemerkt“, sagt Jutta van Asselt. Sie arbeitet seit 31 Jahren im Schauspielhaus – und hat so gut ein Drittel der bewegten Geschichte des Hauses miterlebt und selbst geprägt. Im Frühjahr wurde im Schauspielhaus das 100-jährige Jubiläum gefeiert.

Jutta van Asselt ist allerdings eher zufällig an das Schauspielhaus gekommen. Während ihres Psychologie-Studiums musste sie zwei Hospitationen machen. Eine führte sie in die Kunstsammlung nach Düsseldorf, die andere in das Schauspielhaus. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, was ich machen wollte“, sagt van Asselt. Doch sie ist gekommen, um zu bleiben: „Als ich damals hier reingegangen bin, wusste ich: Das ist es.“

Koordination der Schauspieler

Das Künstlerische Betriebsbüro übernimmt zahlreiche Aufgaben. Jutta van Asselt beschreibt es als erste Anlaufstelle für die Schauspieler und als Verbindungsstelle zwischen den Abteilungen. Das alles erfordert organisatorisches Geschick. Denn derzeit sind am Schauspielhaus 260 Mit­arbeiter beschäftigt – von der Pforte bis zur Bühne. Knapp 30 Künstler gehören zum festen Ensemble des Theaters, in dieser Spielzeit kommen mehr als 35 Gast-Künstler hinzu. Im Frühjahr eines jeden Jahres entscheiden Intendanz und Dramaturgie, was in der folgenden Spielzeit auf die Bühne gebracht wird und welche Schauspieler in welchem Stück mitspielen. Dann kommt das Betriebsbüro dazu und koordiniert den Spielplan, sagt Jutta van Asselt: „Wir müssen ­gucken, dass nicht ein Schauspieler an einem Abend auf zwei Bühnen eingeplant ist.“ Und das ist bei stets vier parallel laufenden Produktionen – je eine im Schauspielhaus, in den Kammerspielen, im Oval Office und in der Zeche eins – eine echte Aufgabe.

Jutta van Asselt leitet das Künstlerische Betriebsbüro

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    Das Bochumer Schauspielhaus liegt zentral in der Stadt, direkt an der Königsallee. Bei vielen Bochumer ist es ein sehr beliebter Ort.

    Foto: Jürgen Christ
  • Jutta van Asselt leitet das Künstlerische Betriebsbüro. Einer ihrer Lieblingsplätze im Schauspielhaus ist der Zuschauerraum.

    Foto: Jürgen Christ
  • In jedem Büro im Schauspielhaus hängt ein solcher Lautsprecher. Die Pförtner können so stets Mitarbeiter im gesamten Haus ausgerufen werden.

    Foto: Jürgen Christ
  • Jeden Abend geht Jutta van Asselt noch einmal zur Bühne, um zu prüfen, ob alles für die Vorstellung bereit ist.

    Foto: Jürgen Christ
  • Das Schauspielhaus Bochum ist schon rein architektonisch einen Besuch wert.

    Foto: Jürgen Christ
  • Gelbe Sessel mit hoher Lehne sorgen im Saal für Gemütlichkeit.

    Foto: Jürgen Christ
  • Zwei, die zusammengehören: die Stadt Bochum und das Schauspielhaus.

    Foto: Jürgen Christ
  • Das Schauspielhaus wurde in diesem Jahr bei der Kritikerumfrage der Welt am Sonntag als „Bestes Theater“ bezeichnet.

    Foto: Jürgen Christ
  • Im Schauspielhaus finden 811 Zuschauer Platz. Blick und Akustik seien von allen Plätzen gut, sagt Jutta van Asselt.

    Foto: Jürgen Christ
  • Wann muss welches Bühnenbild aufgebaut werden? Die Koordination der Schauspieler und Techniker ist die Aufgabe der Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüro.

    Foto: Jürgen Christ
  • Jutta van Asselt in ihrem Büro. Nach etwa mehr als 31 Jahren verabschiedet sie sich bald in den Ruhestand – und wird das Haus auch vermissen.

    Foto: Jürgen Christ

Und wichtig sind nicht nur die Schauspieler. Souffleusen und Regieassistenten müssen eingeteilt und mit den richtigen Texten versorgt werden. Techniker müssen bis zum Vorstellungsbeginn das richtige Bühnenbild aufbauen. Und auch die englischen „Übertitel“ müssen während der Vorstellung genau zum richtigen Zeitpunkt eingespielt werden. Eingeführt wurden diese von Intendant Johan Simons. Wie bei einem Film wird der gesprochene Text ins Englische übersetzt – aber eben nicht unter, sondern über der Bühne eingeblendet.

Seit 31 Jahren am Theater

In ihren 31 Jahren in dem Theater an der Bochumer Königsallee hat Jutta van Asselt viele persönliche Highlights erlebt. Vor allem an ihren zweiten Tag im Betriebsbüro kann sie sich noch gut erinnern. „Es war der zweite Anruf überhaupt, den ich bekommen habe“, erzählt die 62-Jährige. Am anderen Ende der Leitung war Tana Schanzara, die sich mit mehr als 50 Jahren auf der Bühne des Schauspielhauses zu einer Ikone gemacht hat. „Sie sagte: Ich kann nicht zur Probe kommen. Zadek ist tot.“ Peter Zadek war von 1972 bis 1979 Intendant in Bochum.

Sofort informierte Jutta van Asselt ihre Kollegen – die in Gelächter ausbrachen. Gestorben war nicht der ehemalige Intendant, sondern ein Hund. „Tana Schanzara hat all ihre Hunde nach Intendanten oder Mitarbeitern des Schauspielhauses benannt“, erklärt van Asselt. Für sie war Tana Schanzara „eine große Persönlichkeit, die das Theater geprägt hat“. In all den gemeinsamen Jahren habe sie eine enge Verbindung zu der 2008 verstorbenen Schauspielerin aufgebaut. Solche „Originale“, sagt van Asselt, gebe es heute kaum noch. Keiner bleibe mehr über mehrere Jahrzehnte an einem Theater. Die Leiterin des Betriebsbüro findet: „Tana Schanzara war der gute Geist des Theaters. So jemand kann nicht ersetzt werden.“

Die Bochumer und ihr Schauspielhaus

Tana Schanzara ist eine von zahlreichen Persönlichkeiten, die mit dem Schauspielhaus in Verbindung gebracht werden. Dort, tief im Westen, ­begann zum Beispiel die Karriere von Herbert Grönemeyer. Auch Armin Rohde, Hannelore Hoger und Otto Sander standen schon in Bochum auf der Bühne. In dieser Spielzeit gehört Sandra Hüller zum Ensemble, bekannt aus dem Kinofilm „Toni Erdmann“ und zahlreichen TV-Produktionen. Jutta van Asselt sagt: „Ich finde es toll, dass sie sich für das Theater auch noch Zeit nimmt.“

Auch wegen all dieser Persönlichkeiten sind die Bochumer stolz auf ihr Schauspielhaus, da ist sich die 62-Jährige sicher: „Viele ältere Menschen kommen seit 50 Jahren in das Schauspielhaus. Und sie kommen gerne.“ Bochum ohne das Schauspielhaus, das wäre wohl wie Dortmund ohne die Borussia, wie Münster ohne den Prinzipalmarkt. Ihren persönlichen Lieblingsort hat van Asselt in den Zuschauerrängen des Schauspielhauses und der Kammerspiele.

Das Schauspielhaus ist mein Zuhause.

Jutta van Asselt

Im Januar verabschiedet sich die 62-Jährige in den Ruhestand. Ihre Berufswahl hat sie in den etwas mehr als drei Jahrzehnten nie bereut – auch wenn sie sich zu Beginn nicht vorstellen konnte, ihr ganzes Berufsleben im Schauspielhaus zu verbringen. Heute sagt sie: „Es ist ein großes Glück, wenn man genau das Richtige getroffen hat, ohne es gesucht zu haben.“ Und auch wenn sie bald nicht mehr täglich vorbeikommt, wird Jutta van Asselt dem Theater treu bleiben: „Das Schauspielhaus ist mein Zuhause.“

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