Kleists „Penthesilea“
Die Amazone und der Kriegsgott: Szenische Lesung mit Sandra Hüller und Jens Harzer

Münster -

Zwei gefeierte Schauspieler und ein Trauerspiel von Kleist, das zum erregenden Rededuell wird: Die „Penthesilea“-Lesung im Kleinen Haus.

Sonntag, 08.12.2019, 13:55 Uhr aktualisiert: 08.12.2019, 15:42 Uhr
Sandra Hüller und Jens Harzer gestalten ihre Lesung im Kleinen Haus als großes Drama. Foto: Gunnar A. Pier

Penthesilea, die Amazone, begehrt den griechischen Helden Achilles. Weil sich das weibliche Kriegervolk aber nur mit Männern abgeben kann, die es zuvor besiegt hat, flunkert Achilles ihr vor, auf dem Schlachtfeld der Unterlegene gewesen zu sein. Als er dann doch die Wahrheit bekennt und ihr einen weiteren Kampf anbietet, wird die Gedemütigte zur Rasenden: Mit ihren Hunden zerfleischt sie den geliebten Feind.

In Heinrich von Kleists „Penthesilea“ wird diese Szene – natürlich – nicht gezeigt, sondern wie viele Schlüsselszenen durch Botenbericht und Mauerschau erzählt. Das Schauspieler-Duo Sandra Hüller und Jens Harzer aber schlüpft bei der szenischen Lesung im Kleinen Haus in die Rollen der Gegenspieler: Immer erregter, schier atemlos schließlich schildern Sie das furchtbare Geschehen, ergänzen einander, fallen sich ins Wort, wiederholen den Text mit vertauschten Rollen. Es ist der erregende Höhepunkt ihres Auftritts am Samstagabend, großes Drama ganz ohne Kostüm und Bühnenbild.

Eine Art Vers-Epos

Hüller und Harzer spielen bekanntlich in einer „Penthesilea“-Inszenierung des Bochumer Intendanten Johan Simons. So verwundert es nicht, dass sie bei der Lesung in Münster, zu der Hans Dieter Weverinck sie eingeladen hat, zwar die Texte in der Hand halten, aber nur selten hineinsehen – was zu Beginn sogar dazu führt, dass Jens Harzer mal kurz die passende Stelle suchen muss. Sie sitzen auf Stühlen, nutzen zwischendurch die Wasserflaschen, gestikulieren aber auch effektvoll, wenn Kleist etwa von „dieser flachen Hand“ erzählt oder wenn das Treffen der Protagonisten mit erhobenen Armen bejubelt wird.

Sandra Hüller und Jens Harzer lesen "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

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    Szenische Lesung: Am 7. Dezember 2019 sind die Schauspieler Sandra Hüller und Jens Harzer im Theater Münster zu Gast.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Kleinen Haus lesen sie "Penthesilea" von Lesung Heinrich von Kleist.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Jens Harzer

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sandra Hüller und Jens Harzer lesen am 7. Dezember 2019 im Theater Münster "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

    Foto: Gunnar A. Pier

Die Gleichung „Hüller ist Penthesilea, Harzer ist Achilles“ geht nur an einem Teil des Abends auf. Dazu ist Kleists Drama, das sich vorwiegend auf die Titelheldin mit ihren großen Monologen konzen­triert, auch gar nicht geschaffen. Stattdessen nutzen die beiden Schauspieler üppige Textpassagen der übrigen Figuren, um eine Art Vers-Epos mit wechselnden Rollen vorzutragen. So dass Sandra Hüller oft, aber nicht immer von Penthesilea berichtet und Jens Harzer von Achilles.

Farbkontraste und Tuschezeichnung

Spannend dabei ist, wie sie einander in ihrer Verschiedenartigkeit ergänzen. San­dra Hüller, durch Maren Ades Film „Toni Erdmann“ zu großer Popularität gelangt, liebt es, einen ganzen Farbkasten von Sprechstimmen ins Mikrofon zu sprechen, zu hauchen, lispeln, raunen, schreien . . . Jens Harzer hingegen, der Träger des Iffland-Ringes, ist ein Tusche-Zeichner der Stimme, selbst wenn er mühelos große Häuser füllen kann. Er hat auch in dramatischen Momenten noch ein geradezu kindliches Staunen – herrlich etwa, wenn er als Achilles fragt, wie denn Penthesilea und ihre Amazonen sich fortpflanzen und er die Hand an ihre linke Brust legt, weil die rechte von der kriegerischen Bogenschützin amputiert wurde.

Hüller und Harzer machen aus der leidenschaftlichen, verzweifelt aufschreienden Amazone und dem lusterfüllten Helden, der in einem Monolog das ganze Gemetzel um Troja für die Begegnung mit Penthesilea dreingeben will, ein schicksalhaft verbundenes Paar, dessen Liebe in beider Tod endet – bevor sie im Schlusssatz wieder schelmisch aus ihren Rollen heraustreten. Das ist, gerade in der gewundenen Sprache Kleists und mit den unkonventionellen Mitteln dieser Schauspieler, faszinierendes Theater.

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