Bei den Jahreswechselkonzerten griff Dirigent Andris Nelsons auch zur Trompete
Grüße nach China und Amerika

Wien/Berlin/Münster -

Das Übliche am Jahreswechsel? Für viele Zuschauer sind die Übertragungen der Silvesterkonzerte aus Dresden und Berlin sowie des Neujahrskonzerts aus Wien liebgewonnenen Rituale. Und manchmal gibt es kleine Überraschungen.

Mittwoch, 01.01.2020, 16:04 Uhr
Die Wiener Philharmoniker spielten ihr Neujahrskonzert erstmals unter der Leitung von Andris Nelsons, der auch zur Trompete griff. Foto: dpa

Für das diesjährige Pausenprogramm bei der Fernseh-Übertragung des Neujahrskonzerts hätte man glatt auf den ein oder anderen Walzer verzichtet: Zum Beethoven-Jubiläumsjahr gab es stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen und Bilder von Beethovens Wirkungsstätten in Österreich, dazu grandios musizierte Kammermusik. Die Österreicher wissen schon genau, welche touristischen Pfunde sie mit Natur und Kultur besitzen. Und natürlich werden sie auch im Geburtstagsjahr des zugereisten Bonner Komponisten ihren Hausgott Mozart nicht vergessen: Beim Strauß-Walzer „Liebesgrüße“ im ersten Konzertteil boten sie Bilder aus Salzburg – als Gruß an das 100-Jahre-Jubiläum der Festspiele.

Dirigent Andris Nelsons, der lettische Debütant am Neujahrskonzert-Pult, machte seine Sache mit dem ihm eigenen Teddybär-Charme erwartungsgemäß gut. Bei Christian Thielemann, der das vergangene Konzert dirigiert hatte und jetzt wieder das Silvesterkonzert im heimischen Dresden leitete, teilt sich der Charme eher in den kleinen Verzögerungen und den feinen Klangschattierungen der Walzer mit. So auch an diesem Jahreswechsel, zu dem er in der Semperoper eine knappe Konzertversion von Lehárs China-Operette „Das Land des Lächelns“ lieferte. Pavol Breslik begeisterte dabei mit stilvollem Tenorgesang in der auf Richard Tauber zugeschnittenen Partie.

Die Dresdner Operetten-Tradition ist ähnlich wie der Strauß-Schwerpunkt in Wien auch Huldigung an eine gefühlte „gute alte Zeit“, die man sich zum Jahreswechsel mal gönnen darf – wenn man mag. In der Berliner Philharmonie hingegen geht es ein bisschen anders zu. Schon Claudio Abbado und Sir Simon Rattle setzten im Silvesterkonzert auf originelle, miteinander stark kontrastierende Programme. Ihr russischer Nachfolger Kirill Petrenko folgte mit seiner klingenden Amerika-Huldigung dieser Spur. Kann er das?, mochten Skeptiker vorab fragen, kann der akribische Musik-Arbeiter Petrenko Stimmung machen? Die erfreuliche Antwort lautete: Und wie, er muss sich nicht mal hinter dem kecken Rattle verstecken! Das musikalische Zitat in Gershwins „Girl-Crazy“-Ouvertüre „I Got Rhythm“ durfte man wörtlich nehmen, die klangsatten Berliner präsentierten sich als fabelhaft flexible Big Band. Später, bei den Sinfonischen Tänzen aus der West Side Story, konnte man neuerlich staunen: Besser hätte das auch Lennie Bernstein nicht hingekriegt. Und ein bisschen schien es, als hätte Petrenko den selbstbewussten Musikern die Ur-Tugend des Aufeinander-Hörens wieder neu vermittelt.

Das haben die Kollegen aus Wien natürlich auch verinnerlicht – und scheinen sich besonders wohlzufühlen, wenn einer am Pult steht, der aus ihren Reihen stammt. Andris Nelsons erinnerte kurz daran, dass er ursprünglich Orchester-Trompeter war: ein netter Effekt.

In Münster wird traditionell etwas später musiziert: Das nach dem festlich gefeierten 100. Bestehensjahr 2019 besonders gut aufgelegte Sinfonieorchester Münster unter GMD Golo Berg sowie Götz Alsmann und seine Band begaben sich am Neujahrstag in zwei ausverkauften Konzerten – wie die Berliner – auf eine Reise nach Amerika. Motto: „Go west“. Für Götz Alsmann war das in gewisser Weise ein Heimspiel; denn der Doktor der Musikwissenschaft schrieb seine Dissertation über „Nichts als Krach: Die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943–1963“. An klanglichen Kabinettstückchen und den entsprechenden Hintergrundinformationen dazu mangelte es also nicht.

 

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