Bayreuth bereitet sich auf einen ungewöhnlichen Sommer vor
Nicht völlig ohne Wagner

Münster / Bayreuth -

Die Bayreuther Festspiele finden in diesem Jahr nicht statt. Das Coronavirus hat damit auch erhebliche Folgen für die fränkische Stadt. Doch sie bereitet sich auf einen Sommer ohne Wagner vor. Fast ohne Wagner.

Sonntag, 03.05.2020, 18:20 Uhr
In Wagners Garten: Die schmucke Rückseite des Hauses Wahnfried beherbergt, zusammen mit dem Anbau des Architekturbüros Staab (links), ein Museum, das wohl bald wieder öffnen wird. Foto: dpa

Die berühmteste deutsche Festspielstadt ist derzeit wahrlich gebeutelt. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte musste Bayreuth die Richard-Wagner-Festspiele absagen: Das neue Coronavirus war bekanntlich schuld. Und wenige Monate nach dem überraschenden Tod des langjährigen Festspielsprechers Peter Emmerich traf in der vergangenen Woche die Hiobsbotschaft ein, dass Chefin Katharina Wagner längerfristig erkrankt sei und ihren Job vorerst nicht ausüben könne. Man hofft auf baldige Genesung der Komponisten-Urenkelin, die sich längst zum Gesicht des Festivals gemausert hat.

Bayreuth ohne Wagner: Das klingt nahezu undenkbar. Doch schon seit Jahren bemüht sich die Stadt, diesem Eindruck entgegenzuarbeiten. Etwa mit dem Hinweis auf jene Gestalten, die den „Hausgott“ als Vertreter der Kultur im 19. Jahrhundert flankieren und denen jeweils ein Museum gewidmet ist: Die Bedeutung des Komponisten Franz Liszt erschöpft sich ja nicht nur darin, dass er Wagners Schwiegervater wurde, sondern auch im eigenen üppigen Werk. Und der Schriftsteller Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt als Jean Paul, kam aus Wunsiedel im Fichtelgebirge über einige biografische Umwege ins nahe Bayreuth und ist eine der prägnantesten Gestalten der deutschen Romantik – auch wenn er vielen heutigen Zeitgenossen nur noch als Namenspate von Gustav Mahlers erster Sinfonie „Titan“ begegnet.

Doch das fränkische Städtchen und seine Umgebung wurden ja schon lange vor Wagner, seiner Villa Wahnfried und seinem Festspielhaus entscheidend geprägt – von der Lieblingsschwester Friedrichs des Großen. Wilhelmine heiratete den Bayreuther Erbprinzen Friedrich (1711-1763) und sorgte als Markgräfin für die Ausstattung der Bayreuther Schlösser sowie die Gestaltung der Gartenanlagen. „Die Markgräfin betätigte sich künstlerisch in allen Bereichen der Kultur“, ist auf den Seiten der Stadt nachzulesen, „sie malte, komponierte, verfasste Bühnenwerke, trat gelegentlich als Schauspielerin auf und führte Regie. Das Bayreuth des 18. Jahrhunderts mit seinen reizvollen Schlössern und Parks ist weitgehend Wilhelmines Werk.“ Die außerhalb gelegene Eremitage gehört zu diesen Attraktionen, vor allem aber das Markgräfliche Opernhaus, das als Weltkulturerbe im Stadtzentrum steht – seit 2018 prächtig herausgeputzt. Und wie ernst Wilhelmine als Komponistin zu nehmen ist, will ja auch das Theater Münster nach bisheriger Planung im Mai 2021 mit ihrer Oper „Argenore“ beweisen.

Dass Bayreuth schon jetzt, bevor Lockerungen für Gastronomie und Hotellerie beschlossen sind, die Werbetrommel rührt, ist verständlich: Rund ein Viertel der Übernachtungen des Jahres, so teilt Frank Nicklas vom Tourismusmarketing auf Anfrage unserer Redaktion mit, entfällt normalerweise auf die Monate Juli und August. Und dies betreffe nur die – durchaus konsumfreudigen – Festspielgäste; rund 800 Mitwirkende der Bayreuther Festspiele, die vorwiegend privat übernachten, kämen hinzu. Kein Wunder, dass Bayreuth diesem Ausfall etwas entgegensetzen möchte und sich wappnet. Von einzelnen Hotels ist schon zu hören, dass sie ihre Zimmer preiswert offerieren. Und eine gute Dosis Richard Wagner wird ja auch nach jetzigem Stand das Museum Haus Wahnfried bieten können.

Es ist das Zauberwort „Umwegrentabilität“, das sich auch eine Stadt wie Salzburg schon früh auf die Fahnen geschrieben hat: Festspiele kosten Geld, bringen aber über den Tourismus viel ein. Während die österreichische Stadt zwar Ostern und Pfingsten schon Festspielausfälle verkraften muss, aber auch nach der Sommersaison noch Angebote in petto hat und zu nutzen hofft, ist Bayreuth eben ganz auf den Sommer mit Wagner angewiesen. Und muss jetzt Sorge tragen, dass auch ein Sommer fast ohne Wagner irgendwie funktioniert.

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