Amsterdam und die Sklaverei
Die dunkle Seite des Goldenen Zeitalters

Stattliche Grachtenhäuser. Gefüllte Packhäuser. Reiche Kaufleute und eine mächtige Handelsflotte. Jetzt zeigt eine Ausstellung, woher der Reichtum kam. Die stolzen Schiffe transportierten nicht nur Zucker und Kaffee.

Mittwoch, 01.07.2020, 14:26 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 14:28 Uhr
Das Bild aus dem 18. Jahrhundert zeigt das Sklavenschiff Beeckestijn vor der Kulisse von Amsterdam. Foto: dpa

Amsterdam (dpa) - Die Brasilianerin Juliana war zehn oder elf Jahre alt, als der holländische Zuckerhändler Eliau de Burgos sie für 525 Gulden kaufte. Eine stattliche Summe. 1654 kehrte der Kaufmann zurück nach Amsterdam - und nahm die «Negeringe» mit in sein Haus an der Amstel.

Als er wenige Jahre später zurück in die Karibik kehren wollte, sagte Juliana aber Nein und verließ ihren Herrn und Meister. «Sie wusste, dass Sklaverei in Amsterdam verboten war», sagt Mark Ponte, Konservator im Stadtarchiv von Amsterdam. «Wahrscheinlich hatte sie das von freien Schwarzen gehört, die in der Nähe wohnten.»

Kaufmann de Burgos war wütend, wollte sie zurück und ließ beim Notar eine Erklärung aufsetzen. Wahrscheinlich plante er einen Prozess, vermutet der Konservator. In der Erklärung heißt es, dass «Juliana von anderen weis gemacht wurde, dass sie hier frei und ungebunden ist ihm zu dienen». Das stimmte. Sklaverei war verboten in Amsterdam. «Der Kaufmann hatte keine Chance», sagt Ponte.

Julianas Geschichte liest sich wie das Drehbuch zu einem Hollywood-Film - ob es ein Happy End gab, wissen wir nicht. Nachdem sie ihren «Besitzer» verlassen hatte, verliert sich ihre Spur. Ihre Geschichte steht aber nun zentral in der Ausstellung «Amsterdamer und Sklaverei» im Stadtarchiv, die zum Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei am 1. Juli 1863 eröffnet wurde. In 13 Porträts wird deutlich, wie gut Amsterdam fast 300 Jahre lang von der Sklaverei gelebt hatte.

Die aktuellen Proteste der Anti-Rassismus-Bewegung haben erneut vielen Niederländern die dunklen Seiten ihrer Geschichte wieder bewusst gemacht. Das sogenannte «Goldene Zeitalter», das 17. Jahrhundert, wird gefeiert, die Helden werden verehrt. Doch die heutigen Proteste zeigen eben, dass die Seehelden, Generalgouverneure und Kaufleute auch Blut an den Händen haben.

Die Schiffe der damals mächtigen niederländischen Handels-Compagnien hatten auch menschliche Ware geladen. Von 1640 bis 1670 waren die Niederlande sogar der weltweit größte Sklavenhändler. Hunderttausende Menschen aus Afrika, Lateinamerika und Asien wurden versklavt, Zehntausende starben. Erst 1863 schafften die Niederlande in ihren Gebieten in der Karibik, in Südamerika und Asien als eines der letzten Länder die Sklaverei ab. Die Besitzer der Kaffee- oder Zuckerplantagen wurden großzügig entschädigt - die Sklaven selbst aber mussten noch zehn Jahre lang für ihre Herren arbeiten.

Amsterdam brüstete sich gerade im 17. Jahrhundert mit dem Ruf der toleranten Stadt. Jeder war frei, die Stadt ein Zufluchtsort für Verfolgte und Andersdenkende. Doch der Wohlstand gerade im 17. und 18. Jahrhundert war ohne Sklavenarbeit kaum denkbar.

Die schmucken Grachtenhäuser bauten die Kaufleute mit dem Profit aus dem überseeischen Handel und der florierte auch dank der Sklavenarbeit auf den Plantagen. So konnten sie sich außerdem die Porträts beim Maler Rembrandt van Rijn leisten. In Amsterdam wurde der Zucker verarbeitet und dann exportiert, den Sklaven auf Plantagen geerntet hatten. Der Kaffee- und Tabakhandel florierte.

Konservator Ponte zeigt ein Pamphlet aus dem Jahre 1730. Das macht deutlich, wie viel die Stadt allein von der südamerikanischen Kolonie Surinam profitierte. «Jeder verdient daran ein Stück Brot.» Amsterdam war sogar lange Miteigentümer Surinams.

In dem Archiv finden sich viele Spuren der dunklen Geschichte. Lieferverträge, in denen nur die Zahl der versklavten Menschen eingefügt werden mussten. Testamente, Einwohnerregister, Anzeigen in Zeitungen, in denen Plantagen einschließlich menschliches Inventar zum Kauf angeboten wurde.

Und dann ist da noch ein prächtiges Bild vom Amsterdamer Hafen im 18. Jahrhundert. Auch das scheint nicht unschuldig zu sein. Stolz liegt der Dreimaster Beeckestijn vor der Kulisse von Amsterdam, dahinter die alten Türme und das Lager der Handelsgesellschaft Westindische Compagnie.

Beim Zusammenstellen der Ausstellung entdeckte der Historiker Ponte aber fast zufällig die düstere Geschichte der Beeckestijn: ein Sklavenschiff. Auf seinen Reisen von der afrikanischen Westküste nach Surinam transportierte es mindestens 4 600 Sklaven. Sicher tausend von ihnen überlebten Hunger, Misshandlung und Strapazen nicht.

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