Prof. Dr. Markus Müller zieht im Interview Zwischenbilanz
20 Jahre Picasso-Museum in Münster: Ein Märchen – aber ohne Fee

Münster -

20 Jahre Picasso-Museum in Münster. Zunächst firmierte es unter „Graphikmuseum“, heute ist es ein „Kunstmuseum Pablo Picasso“. Zum runden Geburtstag zieht Direktor Prof. Dr. Markus Müller Zwischenbilanz und freut sich auf spannende Zukunftsprojekte.

Samstag, 04.07.2020, 14:00 Uhr
Farbenfroh auch in Corona-Zeiten: Zum 20. Geburtstag präsentiert das Kunstmuseum Pablo Picasso Meisterwerke. Foto: Christoph Steinweg

„Simply The Best“: Die derzeitige Ausstellung im Kunstmuseum Pablo Picasso vereint auf ungewöhnliche Art und Weise die vier großen Künstler des Museums: Pablo Picasso, Georges Braque, Marc Chagall und Henri Matisse. Das einzige Picasso-Museum Deutschlands feiert mit dieser Ausstellung seinen 20. Geburtstag.

Zur Geschichte, Genese, Gegenwart und den Zukunftsperspektiven befragten wir im Sommerinterview Prof. Dr. Markus Müller, den Leiter des Museums und Honorarprofessor an der Universität Münster.

20 Jahre lang Picasso-Museum Münster, kommt Ihnen das manchmal wie ein Märchen vor?

Markus Müller: In einem Märchen gibt es häufiger eine gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat. Ein Picasso-Museum in Münster ist zwar märchenhaft, aber die gute Fee lässt noch auf sich warten.

Blicken wir noch einmal in die Geburtsstunde zurück. Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Nachricht einer großen Sammlungsüberführung des Lengericher Grafikers Gert Huizinga (1927-2018) an eine Stiftung in Münster im Jahre 1997 durch den regionalen und überregionalen Blätterwald rauschte?

Markus Müller: Die Nachricht las ich auf der ersten Seite der Westfälischen Nachrichten, die in einer Tankstelle auslag. Im ersten Moment dachte ich, dass Super bleifrei meine Sinne benebelt hätte.

Hätten Sie sich damals schon vorstellen können, Gründungsdirektor des Hauses zu werden?

Markus Müller: Nein, das lag damals in weiter Ferne. „Gründungsdirektor“ ist auch ein allzu großes Wort. Viel Arbeit war ja bereits getan, als ich im Herbst 1999, also ein Jahr vor Eröffnung an Bord ging.

Zunächst war Ihr Haus ja ein reines Graphik-Museum, nach zehn Jahren wurde es gewissermaßen zum Kunstmuseum Pablo Picasso geadelt. Das zeigt ja auch, wie sich die Sammlung über die Jahre entwickelt hat ...

Markus Müller: Die Sammlung ist nach wie vor eine rein grafische Kollektion, die aber dynamisch gewachsen ist und nun nicht mehr alleine Picasso ausmacht. Von Anfang an war es unser erklärtes Ziel, kein grafisches Spezialmuseum zu sein, das sich primär an ein kennerschaftliches Publikum richtet. Ein Künstler ist nicht von 9 bis 12 Uhr Maler und von 14 bis 18 Uhr Grafiker. Diesem Umstand Rechnung tragend, haben wir immer schon die schöpferischen und motivischen Querbezüge zwischen Malerei, Skulptur, Handzeichnung und Druckgrafik beleuchtet. Beim Einwerben von Leihgaben war die Titulatur „Graphikmuseum Pablo Picasso“ ein ausgesprochener Hemmschuh, weil die meisten nicht verstanden, warum ich für ein Graphikmuseum Gemälde und Skulpturen einwerben wollte. So habe ich 2009 Claude Picasso als Rechteinhaber gebeten, uns einen anderen Museumsnamen zuzubilligen, damit wir aus der „grafischen Nische“ herauskommen konnten.

Gibt es Lieblingsstücke der Sammlung, die Ihnen im Lauf der Jahre besonders ans Herz gewachsen sind? Im Hinblick auf Picasso, aber auch im Blick auf seine Zeitgenossen?

Markus Müller: Wenn ich sagen würde, dass in Picassos Stierserie schon wirklich sehr viel geniales Bilddenken steckt, dann würde Henri Matisse vermutlich neidisch entgegnen, dass seine Scherenschnitte für „Jazz“ doch ziemlich brillant sind. Ihm Recht gebend, würde ich bei Georges Braque eine eifersüchtige Miene ernten. Er hätte nicht Unrecht zu entgegnen, dass seine Vögel im Flug aus den letzten Schaffensjahren wahre Meisterwerke sind. Marc Chagall hätte bis dahin höflich geschwiegen und würde mich mit treuherzigen Augen anschauen: „Meine Paris-Bilder sind doch nun wirklich beschwingt-poetische Blumensträuße aus Farbe.“ Ich würde ihm euphorisch zustimmen. Also ist es doch im Grunde genommen besser, wenn ich die Frage unbeantwortet lasse, damit sich unsere vierköpfige Künstler-WG nicht streitet, oder?

Welche Rolle spielt das Haus in Münster im Konzert der anderen Picasso-Museen in Europa und wie funktioniert der künstlerische Austausch?

Markus Müller: Wir haben schon insgesamt dreimal mit dem Musée Picasso in Antibes im Rahmen von Kooperationsprojekten zusammengearbeitet. Laurent Le Bon, der Generaldirektor des Musée Picasso in Paris, ist Mitglied in unserem Stiftungskuratorium in Münster. Die Kontakte sind vielfältig und über Jahrzehnte gewachsen. Im besten Fall erwächst aus dem kollegialen Miteinander eine Freundschaft. Wir sind in der Regel die Bittsteller in Frankreich und Spanien, wenn es um Leihgaben geht. Gelegentlich können aber auch wir mit Werken für Sonderausstellungen helfen. Das tun wir dann natürlich gern, um den Kollegen etwas für ihre Großzügigkeit zu danken.

In welche Richtung wird sich die Sammlung des Hauses in Münster in den nächsten Jahren entwickeln?

Markus Müller: Die Klassische Moderne Frankreichs und Spaniens zu komplettieren, sollte unser vordringliches Ziel sein. Da fällt einem schon noch der eine oder andere Name ein. Vielleicht joint unseren Club ja noch ein wirklich Großer in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Who knows?

Welche spannenden Ausstellungen schweben Ihnen in den kommenden Jahren vor?

Markus Müller: Die Themen werden uns gewiss nicht ausgehen. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändert“, hat Francis Picabia einmal gesagt. „Matisse und seine Künstlerfreunde“ ist ein Ausstellungsthema auf unserer Agenda, „Exodus – Flucht und Vertreibung in der Kunst Chagalls“ ein anderes.

Wie hat sich die Corona-Krise bislang bei Ihnen in der Museumsarbeit ausgewirkt und wie gehen Sie mit dem Neustart um?

Markus Müller: Ein für das Publikum über längere Zeit geschlossenes Museum – das war schon „Bonjour tristesse“. Wir haben intern viel Zeit damit verbracht, die Ausstellungsplanungen umzustricken, Projekte zu modifizieren oder zu verschieben. Auch mussten wir schmerzhaft feststellen, dass wir das Geplante nicht in Gänze umsetzten konnten. Nach dem Neustart war das Besucherverhalten noch ex­trem gebremst. Nun ist das scheue Reh mit Namen Museumspublikum aber in reicherer Zahl wiedergekommen. Und wir werden daran arbeiten, dass es sich weiter vermehrt.

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