Burgschauspielerin Caroline Peters im Interview
„Hoffentlich kommt alles in die Spur“

Münster/Wien/Salzburg -

Die Salzburger Festspiele prägen den Kultursommer. Zum 100. Bestehen steht in Zeiten von Corona ein verkürztes Programm auf dem Spielplan. Den Auftakt am 1. August bietet traditionell der „Jedermann“. Mit der neuen Buhlschaft in diesem Traditions-Spektakel vor dem Salzburger Dom, der Burgschauspielerin Caroline Peters, sprachen wir über ihre Rolle in Salzburg und über die Situation der Künstler in der Corona-Krise.

Samstag, 11.07.2020, 10:00 Uhr
Caroline Peters spielt im Jubiläumsjahr der Salzburger Festspiel die Buhlschaft Foto: SF / Anne Zeuner

Caroline Peters, geboren 1971 in Mainz, aufgewachsen in Köln, ist eine der renommiertesten deutschen Schauspielerinnen und zählt seit vielen Jahren zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Im 100. Bestehensjahr der Salzburger Festspiele, die mit ihrem „Jedermann“ bis in das Jahr 1920 zurückreichen, spielt sie die Buhlschaft in jenem Traditionsstück über den Tod des reichen Mannes. Mit Caroline Peters sprach Johannes Loy.

 

In drei Wochen stehen Sie, sofern es keinen Schnürl­regen gibt, vor dem Salzburger Dom und spielen die Buhlschaft. Wie weit sind Sie mit den Proben?

Caroline Peters: Wir beginnen am Montag. Das zieht sich dann täglich 17, 18 Tage lang bis zur Premiere.

Die Buhlschaft hat gar nicht so viel Text zu sprechen, irgendwo las ich etwas von 30 Sätzen. Ist das vorteilhaft für die jeweilige Akteurin oder tückisch?

Caroline Peters: Ich nehme keine Geschichte leicht. Die Rollen, bei denen man weniger oft oder nur kurz auf der Bühne steht, sind oft anstrengender zu spielen, weil man etwas auf den Punkt bringen muss. Man kann sich also nicht hineinschleichen und langsam warm werden, man muss sofort präsent sein. Der Eindruck, den man hinterlassen möchte, muss also in kurzer Zeit erzielt sein. Das ist eine große Herausforderung.

Ein Auftritt im Salzburger „Jedermann“: Ist das etwas, wovon man als Schauspielerin träumt?

Caroline Peters: Einerseits ist es wunderbar, dabei zu sein und in dieser Staffel zu stehen, die ja 100 Jahre zurückreicht und möglicherweise 100 Jahre in die Zukunft führt. Vom schauspielerischen Gesichtspunkt her gesehen gibt es sicher auch andere interessante Aufgaben. Aber so etwas Spezielles wie den Jedermann gibt es ja kaum, und dazu kommt dann noch die mächtige Kulisse vor dem Salzburger Dom im Abendlicht. Das ist schon sehr beeindruckend.

Wir leben in Corona-Zeiten. Passt der „Jedermann“ gerade in diesem Jubeljahr gut ins Programm, weil sich ja auch die ganze Welt in einer brisanten Stimmung zwischen Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod bewegt?

Caroline Peters: Ich spüre das sehr beim Textlernen und in der Beschäftigung mit dem Stück. Wollen wir uns nur mit der absoluten Gegenwart beschäftigen? Das ist das, was die Buhlschaft verkörpert. Wir machen Party, hauen auf den Putz, und alles andere ist egal, während der Jedermann in der Begegnung mit der Mutter und den anderen Figuren erkennt, dass da doch noch mehr im Leben sein muss. Mit dieser tieferen Deutung des Lebens wird man jetzt ganz anders konfrontiert. Als junger Mensch ist man ja nicht bereit, über den Tod nachzudenken oder wahrzunehmen, dass irgendwas kommen könnte, was nicht mit Aufstieg und Fortschritt zu tun hat, sondern dass es auch Phasen geben kann, in denen es rückwärts geht. Aber im Augenblick kann man nicht einfach alles verdrängen. Die Menschen sehen die Masken in den Straßen und denken: Ich schütze mich und andere davor, dass wir hier schnell sterben. Dieser Kontext wird die Jedermann-Aufführung aufregender machen. Da steht man dann vor dem Dom, und Hugo von Hofmannsthal bietet an, dass der christliche Glaube weiterhilft. Das sehe ich nicht so, aber ich komme auch aus einer Generation, in der die Religion eigentlich gar keine Rolle gespielt hat und ich weiß auch nicht, ob sie künftig eine Rolle spielen wird.

Was bedeutet es für Sie, Burgschauspielerin zu sein?

Caroline Peters: Das bedeutet, sich in einer Tradition zu befinden. Das unterscheidet das Haus schon von anderen Schauspielhäusern. Die Aufgaben sind dieselben, es gibt Vorstellungen, Regisseure, ein Ensemble. Hier an der Burg steht der Schauspieler in einer besonderen Tradition, auch in den Augen der Wiener Zuschauer. Viele von ihnen haben schon seit ihrer Kindheit das Burgtheater besucht, auch deren Eltern und Großeltern. Solche Strukturen kannte ich vorher nicht. Am Anfang war ich bei jeder Premiere äußerst aufgeregt, weil ich nicht wusste, was von mir erwartet wird. Vorher war ich schon in Hamburg und Zürich, Frankfurt und Berlin engagiert. Ich dachte, ich sei also schon mit allen Wassern gewaschen. Aber es war dann noch noch mal eine neue Erfahrung, dass es Zuschauer gibt, die ganz genaue Vorstellungen haben, was Theater zu sein hat, und diese Erfahrungen reichen in Wien eben 60, 70 Jahre zurück.

Wie haben wir uns denn in Corona-Zeiten den Alltag der Burgschauspielerin Caroline Peters vorzustellen?

Caroline Peters: Momentan gibt es keinen Alltag als Burgschauspielerin, es gibt einen Alltag als Hausfrau und im Homeoffice. Natürlich kann man als Schauspielerin nicht im Homeoffice arbeiten, aber es gibt ja Möglichkeiten, Dinge vorzubereiten, die demnächst stattfinden. Ansonsten: keine Proben, keine Auftritte, kein Adrenalin. Aber das wird jetzt in Salzburg ja anders.

Sie leben zwischen Wien, Köln und Berlin. Bislang hieß es häufig, dass die Wertschätzung der Kultur in Österreich tiefer reicht als in Deutschland ...

Caroline Peters: Bis zur Coronakrise war ich der tiefen Überzeugung, dass das so ist. Doch die Krise hat mich in Verwirrung gestürzt. So wurde kürzlich die neue Kulturstaatssekretärin in Wien ausgewechselt, weil die Künstler der Stadt Wien geschockt waren, wie diese sich in Coronazeiten über Künstler und Kultureinrichtungen geäußert hat oder was sie da an Hilfen angeboten oder eben nicht angeboten hat. Zum ersten Mal ist jetzt bei vielen Künstlern in Österreich wirklich die Frage aufgetaucht, ob wir in einem kulturaffinen Land leben oder ob die Kultur mehr oder minder als Folklore für Heerscharen an Touristen angesehen wird.

Da scheint also auch in Österreich zurzeit einiges von der Kultur-Tradition den Bach herunter zu gehen ...

Caroline Peters: Es scheint in Österreich wie in Deutschland jetzt nicht mehr unverrückbar festzustehen, dass Kultur etwas ist, das um jeden Preis gerettet werden muss, und dass Künstler genauso unverzichtbar zur Gesellschaft gehören wie Chirurgen, Zahnärzte oder Fahrlehrer. Und dass Künstler ebenso Staatshilfen brauchen, weil sie sich nicht mehr über Wasser halten können. Vielerorts wurden erst nach einer langen Phase des Lockdowns Maßnahmen für Künstler in Angriff genommen, wo andere Unternehmen schon wieder ihre Schäfchen im Trockenen hatten.

Themenwechsel: Sie haben 2005 mal im Wilsberg mitgespielt. Haben Sie noch Erinnerungen daran?

Caroline Peters: Ja. Aber an die konkrete Folge kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir haben jedenfalls in Münster und Köln gedreht.

Wie verhält sich das zurzeit mit der doch signifikanten Krimi-Dichte im deutschen Fernsehen? Ist das eigentlich für Schauspieler attraktiv oder doch auch zwiespältig?

Caroline Peters: Eher zwiespältig. Ich verstehe auch jeden Zuschauer, der sagt, dass zu viele Krimis gezeigt werden. Es scheint aber eine Nachfrage danach zu geben. Und es gibt ja auch viele Menschen, die Krimis lesen. Das sind häufig Bestseller. Es muss also etwas sein, was Menschen gerne konsumieren. Ich persönlich lese privat andere Sachen, deswegen würde ich auch gerne andere Stoffe im Fernsehen spielen. Aber ich habe durchaus nichts dagegen, in Krimis mitzuwirken, vor allem auch deshalb, weil wir mit unserem Eifelkrimi vor Jahren ja auch zugleich Komödie sein durften.

Es gibt offenbar viele, die sich Ihren Eifelkrimi „Mord mit Aussicht“ auf allen möglichen Kanälen auch heute noch mit wachsender Begeisterung anschauen ...

 

Caroline Peters: Damals war es eine Überraschung und große Freude für mich, und es ist einfach erstaunlich, dass diese Begeisterung bis heute anhält. Die Serie wurde vom WDR 2014 eingestellt. Dass sie auch nach sechs Jahren noch weiter ausgestrahlt wird und die Leute das gerne anschauen, freut und befriedigt mich zutiefst. Da hatte ich wirklich eine prägende Hauptrolle in einem Klassiker wie vielleicht seinerzeit Helmut Fischer in „Monaco Franze“.

Gibt es Rollen in Theater oder Fernsehen, von denen Sie sagen, dass dies Schlüsselerlebnisse waren?

Caroline Peters: Im Fernsehen auf jeden Fall der Eifelkrimi, und auf der Bühne gab es zwei solche Erlebnisse. Das Stück „World Wide Web-Slums“ von René Pollesch am Hamburger Schauspielhaus, ein Stück über die schöne neue Globalisierung. Und dann die Begegnung mit Simon Stone vor fünf Jahren durch die Wiener Festwochen und im Burgtheater mit „Medea“ vor zwei Jahren. Diese Produktion hat viele weitere Arbeitsmöglichkeiten hervorgebracht.

Jenseits von Buhlschaft und Salzburg: An welchen Schauspiel-Projekten arbeiten Sie gerade noch?

Caroline Peters: An gar nichts. Ich habe mit meinem Partner eine Galerie mit Postkarten, da arbeite ich viel mit, aber in meinem Schauspielberuf arbeite ich konkret wirklich sonst an gar nichts. Alles wurde verschoben. Dann wieder zugesagt, dann wieder verschoben. Man kann sich nur demütig hinstellen und hoffen, dass alles irgendwann wieder in die Spur kommt!

Dann wünschen wir, dass jetzt in Salzburg alles gut klappt! Vielen Dank für das Gespräch.

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