Zeche Zollverein
Ruhr Museum zeigt «Kindheit im Ruhrgebiet»

Seifenkistenauto oder Murmeln: Anhand von Erinnerungsstücken aus der Bevölkerung wirft eine neue Ausstellung in Essen einen Blick auf die jeweilige «Kindheit im Ruhrgebiet». Zu jedem Objekt haben die Leihgeber den Museumsleuten die Geschichte erzählt.

Freitag, 04.09.2020, 14:49 Uhr aktualisiert: 04.09.2020, 14:52 Uhr
Eine Seifenkiste aus den 1980er Jahren vor Fotos aus derselben Zeit in der Ausstellung "Kindheit im Ruhrgebiet". Foto: Roland Weihrauch

Essen (dpa) - Bei seinem ersten Seifenkistenrennen belegte Hardy Hausberg Platz zwölf. Im Juni 1983 war das, mitten in der Innenstadt von Essen, Hardy war neun Jahre alt. «Mein Vater sagte immer: Wir haben nicht die schnellste Kiste, aber die schönste», erinnert sich der Seifenkistenpilot von damals - nachzulesen in einer neuen Ausstellung im Ruhr Museum in Essen.

Der schicke Rennwagen mit aufwendiger Brems- und Lenktechnik ist das größte der 66 Exponate, die von diesem Montag an (7.9.) in der Ausstellung «Kindheit im Ruhrgebiet» gezeigt werden. Die in der Kohlenwäsche der früheren Steinkohlezeche Zollverein aufgebaute Schau geht bis 25. Mai 2021.

Die Besonderheit: Alle Objekte stammen von Menschen, die zwischen 1945 und 1989 ihre Kindheit zwischen Wesel und Hamm verbracht haben. Hardy Hausberg ist einer der Leihgeber.

Die Ausstellung will Erinnerungen an eigene Kindheitserlebnisse der Besucher wecken und weist damit weit über die eigentliche Schau hinaus: Zu sehen ist etwa die Knickersammlung von Rosemarie Emmerich: 70 bunte Tonkugeln, mit denen sie in den 50er Jahren gern und häufig spielte, wie der Katalog verrät. «Knicker» werden die Kugeln im Ruhrgebiet genannt; woanders heißen sie Murmeln, Klicker oder Schusser.

Oder der Kaufmannsladen von Renate Murawski, geboren 1961. Ein Nachbar, der als Bergmann auf der Zeche Zollverein arbeitete, hatte ihn in den 30er Jahren gezimmert. Als Murawski 13 Jahre alt war, räumte sie ihn weg, konnte sich aber nie ganz von ihm trennen.

«Erinnerungsausstellung» nennt das Ruhr Museum die Schau. Das Konzept lebt von der Beteiligung der Bevölkerung: Im Sommer 2019 rief das Museum dazu auf, Gegenstände für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen. «Die Resonanz war überwältigend. In der Summe waren es etwa 300 Anrufe und E-Mails, die das Museum innerhalb von zwei Wochen erhielt», berichtet Ausstellungskuratorin Michaela Krause-Patuto am Freitag bei der Vorbesichtigung.

66 Objekte wurden schließlich ausgewählt. Die Museumsleute führten mit allen Leihgebern Interviews, um mehr über die damaligen Lebensumstände zu erfahren. Die Erzählungen flossen in die Vitrinen- und Katalogtexte ein.

Ausgewählt wurden viele «klassische» Objekte wie ein Schulranzen, Teddybären, ein Poesiealbum, Fußballschuhe oder Video-2000-Kassetten. Zu sehen sind aber auch einzigartige Exponate wie die Armprothese eines Kriegsversehrten oder die Sammlung von 26 handgeschriebenen Kinderkrimis einer Teenagerin aus den 60er Jahren.

Illustriert werden die Objekte durch 140 Fotografien aus dem Fotoarchiv des Ruhr Museum. Sie werfen Schlaglichter auf Kindheiten im Ruhrgebiet: Zu sehen sind etwa sehr kleine Menschen, die von ihren Eltern mit Kannen zum Milchholen geschickt werden. Auf anderen Fotos sieht man Kinder beim Karnevalfeiern, beim Pommes-Essen oder auf einer Demo gegen Umweltgefahren 1985.

Auf Beteiligung setzt die Schau auch bei fünf sogenannten Spielinseln. Besucher können dort Rennautos im Kreis fahren lassen, einen Zauberwürfel lösen oder das Videospiel «Pong» spielen. «Die Carrera-Bahn war mein Wunsch», sagt Museumsdirektor Theodor Grütter (62). Als Kind habe er nie eine gekriegt.

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