Interview: „Storno“-Trio im Wartestand
Die Drei von der Haltestelle

Münster -

Jochen Rüther, Harald Funke und Thomas Philipzen warten auf den Bus, aber der fährt nicht: Seit Wochen ist ihr Kabarettprogramm, das in ganz Westfalen Säle füllt, fertig. Während sie auf das Bühnenerlebnis mit Sehen, Hören und Riechen des Publikums warten, nimmt ein neuer „Storno“-Jahrgang seinen Lauf. Ein Interview.

Samstag, 02.01.2021, 16:50 Uhr aktualisiert: 02.01.2021, 17:22 Uhr
Die „Storno“-Kabarettisten Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther warten darauf, dass sie mit 2020 endlich abrechnen können. Foto: Storno

Unter normalen Bedingungen haben Sie zum Jahreswechsel längst einige Storno-Auftritte hinter sich, sind warmgespielt – und das geht dann bis weit ins neue Jahr hinein. Wie erleben Sie die Zeit jetzt? Insbesondere der „Depressionsbeauftragte“ Herr Rüther . . .

Jochen Rüther: Die Wissenschaft hat gezeigt, dass Depressive die Welt realistischer einschätzen als die Umwelt, was bei meinen Kollegen Funke und Philipzen allerdings auch nicht schwierig ist.

Harald Funke: Wieso? Depression kann ich auch, wir haben ja nicht nur Corona und Klima, ich hab ja auch noch Schalke – und das ist in diesen Zeiten durchaus eine Diagnose. Ein Lockdown bis zum Sommer ist das Einzige, was uns noch retten kann.

Thomas Philipzen: Zur Frage: In der Tat stand das Programm wie wir fertig an der Haltestelle, und dann kam kein Bus. Und so ist die Zeit für uns: bestellt und nicht abgeholt.

„Storno“ steht in diesen Zeiten nicht nur für Ihr Programm, sondern für geplatzte Urlaube, ab­gesagte Konzerte, zurückgegebene Tickets. Was passiert gerade hinter den Kulissen? Koller oder Kreativität?

Philipzen: Unsere Familien freuen sich, die müssen jetzt jeden Morgen applaudieren, wenn wir in die Küche kommen.

Funke: Ich schaue mir alte Videos mit Dagmar Koller an. Und Rudolf Schock, aber wer kennt die heute noch?

Rüther: Haben Sie Herrn Philipzen mal auf der Bühne ge­sehen? Wo ist denn da bitteschön der Unterschied zwischen Koller und Kreativität?

Konnten Sie den auftrittsfreien Umständen Positives ab­gewinnen? Vielleicht mal ein bisschen mehr Social Media? Stichwort Digitalisierung . . .

Philipzen: Wir versuchen uns gerade an einem digitalen Weihnachtsgruß, aber ansonsten ist mit den beiden nicht viel möglich.

Funke: (fummelt am Handy) Wie geht denn hier die Kamera an?

Rüther: Jeder Dödel streamt jetzt. Und die filmen sich selbst immer von unten, diese Nasenhaare will doch keiner sehen.

Eine Storno-Abrechnung 2020 soll es aber geben, haben Sie angekündigt. Bekommt 2020 eine Sonderbehandlung?

Funke: Wir sind völlig aus unserem gewohnten Ablauf gekommen, ich habe eine schlimme Scherzrhythmusstörung.

Betrachten Sie den Jahrgang 2020 ernsthafter? Oder haben  Sie eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt?

Philipzen: Weder noch. Wir bleiben bei unserer Linie und der unseres Publikums, gerade in Zeiten von Dauererregung und Reizdärmen Haltung zu zeigen, und die lautet: Statt Wut und Hass mehr Mut und Spaß!

„Storno“ im Wersestadion

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  • Storno im Ahlener Wersestadion 2020

    Storno im Ahlener Wersestadion 2020

    Foto: Stadthalle
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    Foto: Stadthalle
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    Foto: Stadthalle

Ist Ihnen das Lachen, das die beste Medizin sein soll, 2020 auch mal im Halse steckengeblieben?

Rüther: Wenn es darum geht, über uns selbst zu lachen, sind wir in Topform. Wenn ich mir vorstelle, was eine Intensivkrankenschwester denken muss, die aus dem Fenster schaut und eine Demo der Logikgymnastiker von „Quer­denken“ sieht, hmmm . . .

„Corona-Pandemie“ ist zum Wort des Jahres gekürt worden.  Welche wären Ihre Worte des Jahres geworden?

Rüther: Geradeausdenken.

Philipzen: Die Hand Gottes – leider auch schon tot.

Funke: „Ein Königreich für eine Rolle!“ Ausgerufen vorm ­Toilettenpapierregal im Supermarkt.

Welche Themen wären ohne Corona 2020 groß rausgekommen? Was – außer Corona – hätte es verdient, in Erinnerung zu bleiben?

Rüther: Forscher entwickelten Nanopartikel, die Plaques in Blutgefäßen fressen. Vielleicht gibt es bald keine Herz­infarkte und Schlaganfälle mehr.

Funke: Nobelpreis für die Erforschung des schwarzen Lochs. Wobei Münster seit der Kommunalwahl ja gar nicht mehr so schwarz ist . . .

Philipzen: Mein Fahrradschlüssel hätte es verdient, bei mir in Erinnerung zu bleiben. Ich kann ihn nicht finden.

Corona bedeutet Aufschub, in vielen Belangen aber nicht Absage: 2021 muss einiges geklärt werden. Welche Fragen brauchen Ihrer Ansicht nach dringend eine Klärung?

Rüther: Gibt es intelligentes Leben auf der Erde?

Funke: Hilft Bockbier wirklich gegen Reizdarm?

Philipzen: Wo ist mein Fahrradschlüssel?

Manches kann 2021 nur besser werden. Woran denken Sie  beim Stichwort „Kanzlerkandidatenküren“?

Funke: Kandidaten: CDU: Scholz, SPD: Lauterbach, Grüne: Doppelspitze Kretschmann/Söder, und die wirklich wichtigen Dinge werden dann von Frauen entschieden.

„Klimakrise“

Philipzen: Stimmt, kann nur besser werden, hoffentlich denken die Fossilien unter den Fossilen auch mal an die 400 000 Arbeitsplätze bei den erneuerbaren Energien. Die Hoffnung liegt bei den jungen Frauen von „Fridays for Future“.

„AfD, Querdenker“

Rüther: Dramatischer Parteitag im Atomreaktor, die Marktradikalen um Meuthen sagen, der Höcke-Flügel ist nicht wählbar, Höcke sagt, der Meuthen-Flügel ist nicht wählbar. Als Versöhner sagen wir: Ihr habt beide recht!

„Black Lives Matter – George Floyd“

Philipzen: Dass man immer noch Selbstverständlichkeiten aussprechen muss . . .

„Belarus – Brexit“

Funke: Imponierend, der Mut der weißrussischen Frauen. Bei Boris Johnson kann man sehen, was ­passiert, wenn ein Komiker Regierungschef wird. Hiermit ge­loben wir, nie fürs Kanzleramt zu kandidieren.

„Trumps Abwahl – Bidens Start – Emanzipation der EU“

Rüther: Trump wurde von den amerikanischen Frauen abgewählt. Ob EU-Emanzipation was mit Frauen zu tun hat, fragen Sie bitte Uschi von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer.

„Hanau, Halle, Wien“

Rüther: Das waren wiederum Männer, hmmmm . . .

„Beethoven“

Funke: Bei ihm hat jede Pause ihren Sinn und ihre Schönheit. Das könnte ein Vorbild sein für unser Leben.

„Mutti“ Angela ist geblieben und geht 2021 in Rente. Wird es dann noch schlimmer?

Funke: Nicht wenn wir sie vorher noch zur Königin krönen.

Wie ist Ihnen zumute, wenn Sie an die Kultur und das neue Jahr denken?

Philipzen: Wir freuen uns den Arsch ab, unser Storno-Publikum endlich wieder live, in Farbe und 3D zu sehen und zu hören; und natürlich, uns Westfalen muss man immer auch riechen . . .

Rüther: Ja, seit Corona gilt für uns jetzt: Vor Storno ist nach Storno.

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