Geschäftsführerin der NRW-Stiftung im Interview
Martina Grote: „Gute Ideen sind stets willkommen“

Münster -

Die NRW-Stiftung kümmert sich um Kultur und Natur, fördert Kulturinitiativen und Heimatvereine. Geschäftsführerin Martina Grote kommt aus Münster und pendelt zwischen ihrer Heimatstadt und dem Stiftungssitz Düsseldorf. Wie Kulturförderung in und hoffentlich bald nach Corona-Zeiten funktioniert, das erläutert sie im Interview.

Freitag, 26.02.2021, 21:02 Uhr aktualisiert: 26.02.2021, 21:13 Uhr
Der Eiskeller in Altenberge, 1860 erbaut, ist ein feines Denkmal im Münsterland und wird als Kulturort gepflegt. Foto: Lohr/S. Kreklau

Natur, Heimat, Kultur: Diesen Dreiklang zu bewahren, dafür setzt sich die NRW-Stiftung ein. Sie schützt Flächen inmitten einzigartiger Natur-Landschaften. Sie fördert den Erhalt geschichtsträchtiger Orte und die Arbeit von Kulturinitiativen und Heimatvereinen. Gegenüber unserer Zeitung äußert sich die Geschäftsführerin der NRW-Stiftung, Martina Grote, über Herausforderungen für die Kulturförderung in Corona-Zeiten.

Frau Grote, Sie pendeln zwischen Münster und Düsseldorf, zwischen Westfalen und Rheinland. Was ist für Sie der besondere Charakter Nordrhein-Westfalens?

Martina Grote: Ich denke, es ist die Vielfalt, die das Land so spannend macht. Wer einmal von Petershagen-Frille bis Monschau-Höfen unterwegs war, der erlebt unterschiedliche Landschaften und Mentalitäten, ohne jetzt die beliebte humoristische Charakterisierung von Johannes Rau vom „leichtfüßigen Westfalen, dem großzügigen Lipper und dem zuverlässigen Rheinländer“ zu stark zu strapazieren.

Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, schutzwürdige Natur-Landschaften und Kultur-Zeugnisse zu erhalten. Welche fallen Ihnen da spontan ein?

Grote: Mit Blick auf den Frühling sind da natürlich als erstes die Narzissenwiesen in der Eifel zu nennen. Darüber hinaus eines unserer Gründungsprojekte, die Störche in Minden-Lübbecke, eine wahre Erfolgsgeschichte. Fehlen darf natürlich auch nicht unserer größtes Haus, Schloss Drachenburg in Königswinter und ein einmaliges Haus aus Holz, das Junker-Haus in Lemgo. Beeindruckend sind für mich auch Zeugnisse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte wie die Zwillingsdampfmaschinen auf Zeche Fürst Leopold in Dorsten.

Vielfältige Heimat in NRW

Heimat ist in dieser Zeit von Migration und Flüchtlingsleid ein viel beschworenes und zuweilen auch ausgrenzendes Wort. Was bedeutet Heimat für Sie?

Grote: Man sollte vielleicht nicht von einer Heimat NRW, sondern eher von einer Heimat in NRW sprechen. Dies eröffnet auch die Chance für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hier einen neuen Lebensmittelpunkt zu finden und Migration in Partizipation und Integration umzuwandeln. Für mich persönlich ist meine Heimat natürlich Münster, wo Verwandte und Freunde wohnen und mir beim Fahrradfahren zum Beispiel durch die Rieselfelder das Herz aufgeht.

Schauen wir einmal auf die Kulturlandschaft NRW. Was ist aus der Sicht des Kulturförderers NRW-Stiftung da in den vergangenen Jahren besonders gelungen?

Grote: Ein wenig stolz sind wir auf unser jüngstes Projekt: den Schauplatz Petersberg in Königswinter. Wir haben 2020 im ehemaligen Wachhaus ein Informationszentrum eröffnet, das Geschichte an diesem historischen Ort lebendig macht. Für Westfalen und das Münsterland ist der Aufbau der Annette-von-Droste-zu-Hülshoff-Stiftung ein herausragendes Projekt. Die NRW-Stiftung beteiligt sich dabei als Eigentümerin von Haus Rüschhaus. Begeistert hat mich auch Schloss Harkotten in Sassenberg, wo wir bei der Restaurierung der wiederentdeckten Malereien von Bartscher geholfen haben.

Gibt es auch Projekte, bei denen der erhoffte Förderschub ins Leere lief?

Konsequente Begleitung

Grote: Wir begleiten die Projekte in der Entstehungsphase sehr intensiv, so dass nach einer Bewilligung das Projekt in der Regel auch realisiert werden kann. Da haben wir gemeinsam mit den Antragstellern einen langen Atem. In mehr als 30 Jahren sind vielleicht zwei oder drei Projekte letztlich nicht umgesetzt worden.

Wie kommt man als Kulturmensch, der einen Plan hat, bei Ihnen an die Fördertöpfe?

Grote: Das ist relativ einfach. Wenn es darum geht abzuklopfen, ob die Idee eine Chance hat, kann man die Kolleginnen und Kollegen aus den Fachreferaten zunächst einmal anrufen. Wenn die Projektidee, die Kosten und Finanzierungen schon klarer sind, dann kann bereits über den Link auf unserer Internetseite der Antrag ausgefüllt werden. Danach kommt die Beratungsphase, in Nicht-Coronazeiten in der Regel mit Ortsterminen. Wichtig ist mir zu erwähnen, dass es keine Antragsfristen gibt. Wenn ein Projekt entscheidungsreif ist, geht es in die Gremien.

NRW-Stiftung

Die NRW-Stiftung wurde 1986 zum 40. Geburtstag des Landes als gemeinnützige Stiftung des privaten Rechts gegründet. Präsident ist der ehemalige Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg. Die NRW-Stiftung unterstützt gemeinnützige Vereine, Verbände und Initiativen, die sich für den Naturschutz und die Heimat- und Kulturpflege einsetzen.
Vorbild ist der „National Trust“ in Großbritannien. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung 3400 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 288 Millionen Euro gefördert. Die NRW-Stiftung besitzt 6500 Hektar naturschutzwürdiger Flächen und 20 Immobilien von Haus Rüschhaus, dem Denkmalpflegewerkhof in Steinfurt bis hin zu Schloss Drachenburg in Königswinter. Finanziert wird die Stiftung vom Land NRW aus Lotterie-Erträgen von Westlotto und Mitgliedsbeiträgen und Spenden ihres Fördervereins. Der Förderverein zählt mittlerweile rund 8500 Mitglieder.

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Was hat da aus Ihrer Sicht eher eine Chance, gefördert zu werden, und was nicht?

Grote: Unsere Satzung gibt uns relativ große Spielräume. Voraussetzung ist immer bürgerschaftliches Engagement in einem gemeinnützigen Verein oder eine Initiative, die sich für die Natur- und Kulturschönheiten unseres Landes einsetzen. 2012 haben wir die Satzung zudem erweitert und fördern jetzt in der Heimat- und Kulturpflege und im Naturschutz gezielt auch Aspekte von Migration und Inklusion. Wir unterstützen grundsätzlich keine Einzelpersonen, Kommunen oder Firmen, keine dauerhaften Personalkosten oder Betriebskosten.

Förderkandidat?

Wir haben kürzlich über den Fortbestand des 2015 ins Leben gerufenen Modersohn-Museums in Tecklenburg berichtet. Wäre ein solch hochklassiges Museum mit einem starken Regionalbezug ein passender Förderkandidat?

Grote: Das Museum ist sicher eine Bereicherung für Tecklenburg und könnte auch für uns ein Kandidat sein. Da passt vieles.

Wie erleben Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die derzeitige Kultur-Winterschlafphase in Coronazeiten?

Grote: So schläfrig ist es gar nicht. Natürlich sind Kulturinstitutionen wie Museen, Freilichtbühnen, Theater in einer schwierigen, existenzbedrohenden Situation, es gibt aber viel Kreativität etwa um digitale Formate, die zum Teil in die Zukunft überführt werden können. Ich denke da an bezahlte Online-Angebote für Schulklassen, wie sie erfolgreich im Neanderthal-Museum laufen.

Werden jetzt trotzdem Förderprojekte angestoßen und verwirklicht?

Grote: Ja, das Ehrenamt lässt sich so schnell nicht „unterkriegen“. Es gibt neue Projekte und Ideen, wir hatten jetzt eine fast „normale“ Vorstandssitzung mit rund 15 Projektanträgen vom klassischen Flächenankauf im Naturschutz über Ausstellungsplanungen oder Umbauten für Barrierefreiheit in einem Nachbarschaftszentrum in Aachen. Gute Ideen sind also jederzeit willkommen. Bei bewilligten Projekten, die zur Zeit nicht fertiggestellt und verwirklicht werden können, verlängern wir selbstverständlich die Fristen für den Mittelabruf.

Schwerpunkt Artenvielfalt

Was steht 2021 auf Ihrem Förderprogramm?

Grote: Im Förderbereich Naturschutz setzen wir weiterhin einen Schwerpunkt auf das Thema Artenvielfalt, so zum Beispiel im Rahmen des Projektes „Lepus“, bei dem es um die Verbesserung der Lebensräume von Rebhuhn, Hase und Co. in der intensiv genutzten Agrarlandschaft geht. In der Kulturpflege werden wir anlässlich des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ Projekte fördern. Dieses Thema hatte auch in der Vergangenheit einen großen Stellenwert, ich nenne hier nur die Unterstützung des Jüdischen Museums in Dorsten, der Synagogen in Essen oder Neheim.

Befürchten Sie für die Kulturlandschaft NRW dauerhafte Schäden durch Corona? Oder wird es einen Nach- und Aufholbedarf mit neuen kulturellen Aufbrüchen geben?

Grote: Ich finde es schwierig, jetzt schon Prognosen abzugeben. Es hängt sicherlich auch davon ab, wie lange der Lockdown noch dauert. Zudem muss man unterscheiden: Nachholbedarf ist sicherlich bei Theatern und Museen vorhanden. Manche Ausstellungen, Veranstaltungen oder Jubiläen kann man aber nicht nachholen.

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