Wie Karikaturist Peter Menne die Pandemie sieht
Corona zieht künstlerisch Kreise

Münster/Delbrück/Berlin -

Der Ost-Westfale Peter Menne zeichnet, seine literarischen Freunde liefern knackige Zeilen. So ist in der Corona-Zeit ein ebenso vielschichtiges wie humorvolles Bild-Text-Programm entstanden. Wir stellen es vor.

Freitag, 09.04.2021, 16:54 Uhr aktualisiert: 09.04.2021, 19:41 Uhr
Diese Sängerin mit frischer, westfälischer Physiognomie und einer Mettendchen-Kette um den Hals staunt nicht schlecht. Sie ist von garstigen Corona-Viren umzingelt. Foto: Peter Menne

Vor vielen Jahren hat es den Karikaturisten Peter Menne ins Brandenburgische verschlagen. Doch die alte Liebe zum (ost-)westfälischen Kosmos ist geblieben. In Kalendern und Büchern hat er sich dem regionalen Menschenschlag mit Feder und Farbe gewidmet. Es dauerte auch nicht lange, die Corona-Zeit für eine neue künstlerische Produktion zu nutzen.

Gewissermaßen als Antwort auf den Lockdown zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 schuf Peter Menne kurzweilige Bild-Text-Collagen, die Unterhaltung und einen gewissen Ersatz für geschlossene Kultureinrichtungen bieten sollten. „Durch meine Westfalenkalender hatte ich Kontakte. Über ein Konzept habe ich gar nicht lange nachgegrübelt, es war für mich klar, dass ich das so machen werde.“ Menne rief ihm nahe- stehende Autoren an, bat um knackige Zeilen zur Corona-Lage, schuf Bilder dazu oder passte bereits Vorhandenes an. „Hier und da habe ich bereits einigen meiner fertigen Figuren eine Maske aufgesetzt, und schon funktionierte das“, erzählt er gegenüber unserer Zeitung.

Zu seinen Ideengebern und Textlieferanten zähl(t)en unter anderem Frieda Braun, Augustin Upmann („Die Bullemänner“), Fritz Eckenga, Johann König, Erwin Grosche, Hubertus A. Janssen, Edgar Külow, Patricia Malcher und Mia Mittelkötter.

Peter Menne

Peter Menne wurde 1962 in Delbrück bei Paderborn „ohne größeres Dazutun als Westfale geboren“ – wie er selber sagt. Seine berufliche Laufbahn begann im Aktzeichensaal der FH Bielefeld. 1991 zog es ihn an die Berliner Kunsthochschule. 1993 ­erhielt er ein Stipendium des Landesverbands Lippe und der Stadt Schieder-Schwalenberg, wo er viele Jahre als Dozent an der Sommerakademie unterrichtete.

Das Buch zu seinem neuesten Projekt gibt Einblick, wie Kreativität auch in schwierigen Zeiten zusammenfindet. Eine Auswahl der besten Beiträge schafft zugleich eine kurzweilige Chronologie durch das erste Coronajahr.

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Der Bild-Text-Aufschlag in Coronazeiten verlief über mehrere Verbreitungsstufen. Zunächst bot Menne mit seinen Autoren zusammen jede Woche kostenlose, virenfreie Kurz-Unterhaltung frei Haus. Diese erreicht die Adressaten per E-Mail, auf Facebook, Instagram, über Tageszeitungen und Stadtmagazine.

In Mennes Bilderwelt, die auf der zweiten Verbreitungsstufe nun auch den Weg in ein Buch gefunden hat, stößt spitzfindige Satire auf präzise Milieubeschreibung. Und was sieht man da zum Beispiel? Eine rustikale Dame mit verschränkten Armen, die reserviert guckt. Ihre passende Begrüßung in Corona-Zeiten lautet: „Geh mich wech!“ Die Zeile stammt von den „Bullemännern“. Sodann tritt uns eine dralle Westfälin auf dem Balkon entgegen und spricht: „Wir Westfalen haben uns schon immer voneinander ferngehalten. ,Social distancing’ ist uns in die Wiege gelegt.“ Auch hier waren die „Bullemänner“ textlich am Werk. Eine rotwangige Sängerin hebt im Lockdown den Blick zum Himmel. Die Zeile „Zuhause statt auf Bühnen singen kann Ärger mit den Nachbarn bringen!“ von Frieda Braun löst Schmunzeln aus. Eine Dame an der Nähmaschine nimmt uns ebenfalls optisch gefangen: Wir befinden uns in „Hildes Homeoffice“: „Nicht nur Basken basteln Masken. Auch die Hilde näht ganz wilde...“ reimte Hubertus A. Janssen dazu.

Peter Mennes Zeichnungen sind sperrig und kantig wie der Westfale selbst, was sie davor bewahrt, in irgendeine Heimattümelei abzurutschen. Menne thematisiert gern den Kleinbürger auf der Straße. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen! Denn so harmlos, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint, sind Mennes Federstriche nicht. Bei aller vordergründigen Komik erlauben die Bilder auch Blicke in die seelischen Abgründe und Doppelbödigkeit der Porträtierten.

Was mag Menne, der gebürtige Delbrücker, der in Potsdam lebt, eigentlich so an den Westfalen? „Die sind schon so klar weg!“ so formulierte er nach kurzer Überlegung. „Sie sagen das, was sie denken. Genau das setze ich auch in meinen Bildern um.“ Menne liefert scharf konturierte Federzeichnungen: „Da hat man einen geraden Strich. Das ist entweder Schwarz oder Weiß. Und so haben die Figuren eine Ästhetik, die man nicht in einem Schönheitssalon findet, aber sie wirken originell und lebendig.“

Wanderausstellung und Buch

Wanderausstellung und Buch

Eine Wanderausstellung durch Westfalen zeigt nun die Originalzeichnungen des Menne-Kulturprojekts. Den Auftakt macht das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, wo ab Sonntag, 11. April, die Arbeiten hängen. Eine Talkrunde im Beisein des Künstlers wird die Ausstellung eröffnen.Dieser Film ist ab dem 11. April unter www.museum-schloss-brake.de/video-schloss-brake zu sehen. Wann die Ausstellung, die bis zum 11. Juli angesetzt ist, für jedermann zugänglich sein wird, hängt von der Entwicklung der Pandemie ab. Begleitend sind Lesungen der beteiligten Autoren geplant. Darüber hin­aus zeigt ein interaktives Making-of zum gesamten Projekt, wie die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Autoren funktionieren kann. Zu sehen ist es auf: https://www.menne-illustration.de/kulturlieferservice .Anmeldung für den kostenlosen, digitalen KulturLieferservice über www.menne-illustration.de/kulturlieferservice .Das Buch „Mettendchen aus dem Homeoffice ist im Ardey-Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro.

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 Menne möchte bei seinen Westfalen nicht in Klischees verfallen. Das Verschlossene oder Sture, was diesem Menschenschlag nachgesagt wird, teilt er nicht. „In Ostwestfalen werde ich bei meinen Besuchen von den Leuten beim Joggen eher gegrüßt als in Potsdam. Das mag an der Anonymität der Großstadt liegen. Aber es fällt mir auf.“ Nicht zuletzt: „Man sagt ja den Westfalen nach, dass sie den Mund nicht aufkriegen Aber ich empfinde sie als freundlich.“

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