Gesellschaftsroman
Beklemmendes Sittenbild: «Freinacht» von Thomas Lang

Denn sie wissen nicht, was sie tun. Der Exzess einer einzigen Nacht wirft das Leben einer Jugend-Clique aus der Bahn.

Dienstag, 10.12.2019, 15:18 Uhr aktualisiert: 10.12.2019, 15:20 Uhr
Düstere Machenschaften: «Freinacht» von Thomas Lang. Foto: -

Berlin (dpa) - Als Freinacht bezeichnet man in Teilen Süddeutschlands die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Späße und Streiche von Jugendlichen sind in dieser Hexennacht oft üblich.

Doch was die vier Schüler in Thomas Langs Roman in jener Nacht anstellen, kann man schwerlich noch als Streich oder Schabernack bezeichnen. Als sie bei einer Geburtstagsparty vor den Toren der Stadt auf die Leiche eines Mannes stoßen, läuft die Geschichte komplett aus dem Ruder. In einer Art Gruppenexzess verstümmeln sie den toten Körper und stellen davon Fotos ins Netz. Dadurch sind die vier gesellschaftlich stigmatisiert und jeder von ihnen muss auf seine Weise mit den Folgen der Untat klarkommen.

«Freinacht» ist ein düsterer Gesellschaftsroman, der von einer wahren Geschichte inspiriert wurde. Tatsächlich verstümmelten im Jahr 2006 angetrunkene Jugendliche in der Nähe des bayerischen Traunreut die Leiche eines Selbstmörders. Das Gericht sprach später von einer Mischung «gruppendynamischer Prozesse, alkoholbedingter Enthemmtheit sowie einer Verrohung aufgrund des von allen eingeräumten gelegentlichen Betrachtens von Gewaltvideos».

Anders als in der Realität hat der frühere Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang (Jahrgang 1967) in seinem Roman ein Mädchen in den Mittelpunkt gestellt. Ellen, die sich selbst nur Elle nennt, gehört eher nicht zu den Gewinnertypen. Ihre Eltern haben sich schon vor Jahren getrennt, in der Schule nimmt sie eine Außenseiterrolle ein und von ihrer Sandkastenfreundin Sophie hat sie sich entfremdet. Einzig ihr bester Freund Junis hält unverbrüchlich zu ihr. Entsprechend wenig Resonanz findet Elles Einladung zur Feier ihres 16. Geburtstags, die an einer schrägen Location, einem stillgelegten Bahngelände, stattfindet. Außer Junis kommen nur noch der Schlägertyp Dennis und der 13-jährige Vale, Sohn eines Bauern.

Dem gruseligen Geschehen am Bahngelände nach dem Auffinden der Leiche des unbekannten Mannes widmet Lang nur wenige Zeilen. Sein Buch versteht sich nicht als Kriminalroman. Ihm geht es um die Vorgeschichte und die psychologische Verarbeitung des erschreckenden Ereignisses. Die vier beteiligten Jugendlichen reagieren dabei sehr unterschiedlich. Während Elle fortan von Alpträumen geplagt wird und sich immer wieder in gespenstische Dialoge mit dem Geist des Toten verstrickt, versucht der coole Junis die Kontrolle über sich und die anderen zu behalten. Doch auch er kann nicht verhindern, dass Dennis in seiner Prahlsucht die Bilder des entstellten Toten durchs Netz jagt. Der kleine Vale schließlich entdeckt an seinem Körper wie Stigmata plötzlich überall Pigmentflecken. In einem zehn Jahre später spielenden Nachklapp zeigt sich, dass der Jüngste der vier am schlimmsten an den Folgen trägt.

Viel Platz widmet Thomas Lang dem gesellschaftlichen Hintergrund, der deutliche Züge des Verfalls trägt. Der fiktive Ort Vierweg steht auf verseuchtem Munitionsgelände und bildet die düstere Kulisse einer aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der überall Tod und Auflösung drohen. Alte Menschen leiden an Demenz, vegetieren im Altersheim dahin und sterben. Die Elterngeneration ist seltsam dauerpubertär, bindungsunfähig und findet keine Kommunikationsebene mehr zu ihren Kindern. Diese wiederum erscheinen von Social Media ferngesteuert und sozial und mental desorientiert.

Es ist ein beklemmendes Sittenbild und tatsächlich gibt es in diesem Roman keine einzige wirklich sympathische Erscheinung. Der Roman ist mit Hilfe eines literarischen Internetprojekts entstanden. User, darunter Schüler einer neunten Klasse, haben zwar nicht mitgeschrieben, aber Details und Vorschläge für die Personenzeichnung beigesteuert. Schwer zu sagen, ob das dem Buch gut getan hat. Jedenfalls kommt die Geschichte nur mit Mühe in die Gänge, ist insgesamt zu breit getreten und der saloppe, am Jugendjargon orientierte Sprachstil ist doch sehr gewöhnungsbedürftig.

- Thomas Lang: Freinacht, Berlin Verlag, Berlin, 336 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8270-1400-9.

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