Thriller
Tess Gerritsen: Ein Haus voll Liebe und Schrecken

Ava sucht an der neuenglischen Küste Ruhe und gerät dabei in den Bann eines alten Hauses, in dem sich unheimliche Dinge abspielen. Tess Gerritsen schuf mit «Das Schattenhaus» einen wunderbar modernen Schauerroman.

Dienstag, 09.06.2020, 10:26 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 10:28 Uhr
«Das Schattenhaus» von Tess Gerritsen. Foto: -

München (dpa) - Nicht nur der Prolog in Tess Gerritsens neuem Thriller «Das Schattenhaus» erinnert ein wenig an Daphne du Mauriers Schauerroman «Rebecca». Hier wie da geht es um ein Haus, in dem der Geist einer toten Seele herumzuspuken scheint, und hier wie da stoßen die Protagonisten auf längst zurückliegende Verbrechen.

In beiden Geschichten spielt das Meer eine Rolle, in beiden steht eine junge Frau im Mittelpunkt. Charakterlich allerdings unterscheiden sich die beiden sehr voneinander. Natürlich auch, weil mehr als 80 Jahre zwischen der emanzipierten Ava und der schüchternen Hauptfigur du Mauriers liegen. Vor allem aber auch, weil deren Schuld und Unschuld in einem anderen Verhältnis zueinander stehen.

Der Titel des Gerritsen-Werkes verrät es: Es geht um ein Haus voller Schatten, das Ava, die nach einem folgenschweren Ereignis aus Boston geflüchtet ist, zunächst abschreckt, dann aber nicht mehr loszulassen scheint. Hier wird sie die nächsten Monate verbringen, um ein Kochbuch zu schreiben. Und um innerlich endlich zur Ruhe zu kommen. Doch findet sie die wirklich? Schnell hat sie den Eindruck, ja die Gewissheit, dass sie sich nicht allein in dem schönen herrschaftlichen Gemäuer an der neuenglischen Küste befindet, das ursprünglich von einem Kapitän erbaut wurde und einen gewissen Ruf hat: Vor Jahren sollen sich einige mysteriöse Todesfälle ereignet haben und der Geist des Kapitäns hier sein Unwesen treiben.

Die toughe Ava lässt sich davon zunächst nur wenig beeindrucken. Das Haus, die Lage am Meer, die wunderschöne Landschaft nehmen sie zunehmend gefangen. Auch die Geschichte der Villa und ihres Erbauers fasziniert sie, kann sie sie doch um ihre neuenglischen Gerichte im besagten Kochbuch spinnen. Das Graben in der geheimnisvollen Vergangenheit des Kapitäns sowie seine spirituelle Gegenwart beglücken und verstören sie gleichermaßen. Der Klatsch in dem Städtchen - im US-Bundesstaat Maine gelegen - sowie die Erzählungen zweier Handwerker, die längst überfällige Reparaturen an ihrem Haus erledigen, tun ein Übriges.

Ist es Zufall, dass mehrere Frauen, die ihr ähnlich sahen, hier vor Jahren zu Tode kamen? Ava ist sich sicher, dass das Haus ein dunkles Geheimnis bewahrt. Ein Grund für sie, wegzugehen, ist es nicht. Im Gegenteil. Schon spielt sie mit dem Gedanken, sich hier ständig niederzulassen. Denn aus der anfänglichen Faszination ist inzwischen eine gewisse Abhängigkeit geworden. So schwebt sie zeitweise zwischen höchsten und tiefsten Sphären, ist jedoch davon überzeugt, ein zufriedenstellendes Arrangement gefunden zu haben, bis sie gegen eine Regel verstößt...

Tess Gerritsen, die einer großen Leserschaft vor allem durch ihre Serie um die Bostoner Ermittlerinnen Rizzoli&Isles, aber auch durch mehrere erfolgreiche Stand-allone-Romane bekannt ist, hat mit diesem fabelhaften Opus das Genre des Schauerromans wiederbelebt, mit modernen Elementen bestückt und dabei auch Anleihen bei EL James' «Shades of Gray» genommen, wobei die Grautöne hier recht polychrom daherkommen.

«Das Schattenhaus», das sich zunehmend auch als ein Haus der Liebe und des Schreckens erweist, ist ein atmosphärisch dichter, von Anfang bis Ende spannender und sehr unterhaltsamer Thriller. Garantiert wird die 66-jährige Autorin, ausgebildete Ärztin und zweifache Mutter damit ihre Erfolgsbilanz von weit über 25 Millionen verkaufter Bücher in mehr als 40 Ländern weiter ausbauen können.

- Tess Gerritsen: Das Schattenhaus, Limes Verlag, München, 384 Seiten, 15,00 Euro, ISBN 978-3-8090-2716-4.

© dpa-infocom, dpa:200609-99-359498/3

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