Chefankläger in Nürnberg
Gegen den Krieg: Benjamin Ferencz' Autobiografie

Benjamin Ferencz wurde Zeuge des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte und hat als Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen selbst Geschichte geschrieben. Mit 100 Jahren erscheint jetzt seine Autobiografie auf Deutsch.

Montag, 09.11.2020, 07:54 Uhr aktualisiert: 09.11.2020, 07:56 Uhr
Benjamin Ferencz, der letzte noch lebende Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, 2010 in Nürnberg. Foto: Armin Weigel

Nürnberg (dpa) - Benjamin Ferencz hat drei wichtige Ratschläge, die er jungen Leuten gerne mit auf den Weg gibt: «Nummer eins: Niemals aufgeben! Nummer zwei: Niemals aufgeben! Und Nummer drei: Niemals aufgeben!» Das sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Während er das sagt, scheint die Sonne auf seinen Schreibtisch in seinem Haus in Florida. Ferencz lacht und winkt freundlich in die Kamera.

«Wer innerlich weint, sollte nach außen besser lachen», sagt der 100-Jährige oft, wenn er gefragt wird, warum seine Laune so gut ist nach allem, was er erlebt, nach allem, was er gesehen hat. «Es bringt ja nichts, in einem See aus Tränen zu ertrinken.»

Dieses Zitat steht im Vorwort zu seiner Autobiografie, die ausgerechnet an diesem Montag auf Deutsch erscheint, dem 9. November, dem Jahrestag der Nazi-Pogrome gegen jüdische Mitbürger, die als Beginn der grausamen Judenverfolgung gelten. Hierzulande trägt Ferencz' Buch den Titel «Sag immer Deine Wahrheit». Untertitel: «Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben».

Ferencz hat das dunkelste Kapitel deutscher und europäischer Geschichte hautnah erlebt und entscheidend dazu beigetragen, dass es wieder heller wurde am historischen Horizont.

Und er hat selbst Geschichte geschrieben. Nicht einmal 30 Jahre alt war er, als er Nazi-Kriegsverbrechern in Nürnberg den Prozess machte. Er war Chefankläger in einem der zwölf sogenannten Nachfolgeprozesse, die von 1946 bis 1949 auf das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher wie Hermann Göring und Rudolf Heß folgten. 24 führende SS-Leute klagte er unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an. Darunter sind die vier Kommandeure der SS-Einsatzgruppen, die in den eroberten Gebieten im Osten praktisch jeden Tag wehrlose Frauen, Männer und Kinder umgebracht hatten. Prozessbeobachter sprechen damals vom größten Mordprozess der Geschichte.

«Ohne ihn hätte es den Prozess nicht gegeben», sagte die Politikwissenschaftlerin Sophia Brostean-Kaiser vom Memorium Nürnberger Prozesse zum 100. Geburtstag von Ben Ferencz im März dieses Jahres. Ferencz ist der letzte noch lebende Zeitzeuge der Prozesse.

Den Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag, für dessen Errichtung Ferencz jahrelang gekämpft hat und den er sein «Baby» nennt, sieht er in der direkten Nachfolge dieser Prozesse, und dass (Noch-)US-Präsident Donald Trump in diesem Jahr Sanktionen gegen das Gericht ankündigte, entsetzt ihn: «Der amerikanische Präsident sagt in diesem Jahr, er wolle den Gerichtshof zerstören. Das hat er zwar nicht wörtlich gesagt, aber er hat Sanktionen angekündigt gegen den Gerichtshof, seine Mitglieder, den Vorsitzenden, den Chefankläger und die Mitarbeiter», sagt er im dpa-Interview. Dabei sei ein Gericht die einzige Möglichkeit, Krieg dauerhaft zu verhindern: «Wenn es kein Gericht gibt, um einen Disput beizulegen, dann bleibt nichts als Gewalt.»

Bevor Ferencz als Ankläger Geschichte schrieb, war er als US-Soldat bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei, deckte grauenhafte Nazi-Verbrechen auf. «Es gab bei den Nazis Anweisungen, bei einer Mutter, die ein Baby hält, durch das Baby zu schießen, weil man so beide auf einmal umbringen kann. Das sind Horrorgeschichten, aber sie sind wahr und wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, damit sie nicht noch mal passieren», sagt er der dpa. «Ich habe das Gefühl, für die Opfer zu sprechen, für ermordete Männer, Frauen und Kinder. Kleinkinder, deren Köpfe an Bäumen zerschellten.»

Ferencz, Sohn armer Einwanderer und dank eines Stipendiums Harvard-Absolvent, gehörte damals zu einer Einheit der US-Armee, die deutsche Kriegsverbrechen verfolgte - und er machte einen Sensationsfund: Im ausgebombten Berlin fand er mit seinem Ermittler-Team mehrere Ordner mit detaillierten Geheimberichten der SS über alle getöteten Juden, Roma, Kommunisten und Kriegsgefangenen in der Sowjetunion.

«Die Berichte listeten chronologisch auf, wie viele Zivilistendiese Untereinheiten im Rahmen von Hitlers "totalem Krieg" getötet hatten», schreibt Ferencz in seinem Buch. «Als ich bei einer Million angelangt war, hörte ich auf, die Zahlen zu addieren.»

Vor allem für ein deutsches Publikum sei wichtig, was er zu sagen habe, betont Ferencz: «Ich habe erlebt, dass aus eigentlich anständigen Menschen Massenmörder werden können. Krieg kann das machen. Krieg zerstört jede Form von Moral und wurde trotzdem jahrhundertelang glorifiziert. Ich habe mein Leben damit verbracht, diese Ansicht umzudrehen und dafür zu sorgen, dass das, was immer glorifiziert wurde, als das schreckliche Verbrechen gesehen wird, das es ist.»

Er habe sein Leben lang dafür gekämpft - auch gemeinsam mit seiner Frau Gertrude, der er das Buch gewidmet hat und die im September vergangenen Jahres starb - «nach vierundsiebzig Jahren glücklicher Ehe und liebevoller Partnerschaft ohne jeden Streit», wie er schreibt.

Ferencz ruft Menschen, die jünger sind als er, dazu auf, es ihnen gleichzutun: «Wir müssen das Recht aller Menschen in jedem einzelnen Land schützen, in Frieden und Würde zu leben. Das ist mein Ziel. Wenn ihr dieses Ziel auch habt: Tut dafür, was immer ihr könnt.»

Benjamin Ferencz: «Sag immer Deine Wahrheit», Heyne Verlag München. 2020, 160 Seiten, ISBN: 978-3-453-21808-6

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