Stürmisch bejubelt
Barfuß und ohne Tutu - Schläpfer entrümpelt

«Schwanensee» fernab aller Klischees: Martin Schläpfer hat das berühmteste Ballett der Welt gründlich modernisiert. Die Premiere war ein großer Erfolg.

Samstag, 09.06.2018, 12:28 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 09.06.2018, 12:26 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 09.06.2018, 12:28 Uhr
Foto: Gert Weigelt

Düsseldorf (dpa) - Keine Tutus, kein Federschmuck im Haar, barfuß statt Spitzenschuh: der preisgekrönte Choreograf Martin Schläpfer hat das berühmteste Ballett der Welt, «Schwanensee», gründlich entrümpelt und modernisiert.

Die Premiere des Balletts am Rhein wurde am Freitagabend minutenlang stürmisch bejubelt. Schon die «Schwanensee»-Premiere im Frühsommmer ist irgendwie ein Traditionsbruch. Denn der Ballett-Klassiker zur wuchtigen Musik von Peter Tschaikowsky (1840-1893) ist mittlerweile zur Domäne mehr oder weniger talentierter russischer Ballett-Compagnien geworden, die in der Weihnachtszeit durch die Lande touren und «Schwanensee» genauso zeigen, wie man es sich vorstellt: mit weißen Röckchen und viel Kitsch.

Schläpfer, der Meister des abstrakten und hochexpressiven Ausdruckstanzes, bricht mit den Klischees der romantischen Geschichte um den Prinzen Siegfried, der sich in die in einem bösen Zauber gefangene Schwanenprinzessin Odette verliebt. Schon in der ersten Szene wirbeln bei ihm junge Individualisten ungestüm über die Bühne, barfuß und in Muskel-Shirts oder zeitlosen kurzen Kleidern. Prinz Siegfried, leidenschaftlich verkörpert von Marcos Menha, trägt weißes Hemd und schwarze Hose.

Die Hierarchie des Hofstaats bricht bei Schläpfer auf, der Prinz feiert mit Hofdamen und Bauernmädchen, und in ihrem Ungestüm deuten die allesamt hochkarätigen Tänzer auch mal Rap und Hip Hop an, tragen sich gegenseitig huckepack oder wälzen sich auf dem Boden.

Das Tempo auf der Bühne hat nichts mehr zu tun mit den behäbigen «Schwanensee»-Inszenierungen der Sowjetzeit. Schläpfer, der sich zum ersten Mal an ein Handlungsballett wagte, zeigt die hoch emotionale Geschichte einer verratenen Liebe und hebt sie in die Gegenwart. Siegfried und Odette (Marlúcia do Amaral) verschlingen sich in einem verzweifelten Liebestanz. Klassisches Ballett und moderner Ausdruckstanz mit waghalsigen Überstreckungen verschmelzen zu immer neuen atemberaubenden Tanzfiguren .

Die Dramatik auf der Bühne korrespondiert mit der Musik Tschaikowskys, laut Dirigent Axel Kober ein «Meister der Melodie, der Harmonik und der Orchesterklänge». Schläpfer zieht eine Parallele zwischen Tschaikowsky und Wagner: Die romantische Musik beider Komponisten entwickele einen Sog, der «geradezu besoffen macht».

Schläpfer meint, dass selbst Menschen, die nie ein Ballett gesehen hätten, eine genaue Vorstellung davon hätten, wie es aussehen müsse: Wie «Schwanensee». Das wiederum liegt an der bis heute maßgeblichen Petersburger Inszenierung aus dem Jahr 1895 von Marius Petipa und Lew Iwanow. «Mir war immer klar, dass ich einen anderen Weg suchen will, dieses Märchen zu erzählen, auf meine Art und Weise», sagt Schläpfer. «Ich möchte nicht das Gleiche anders machen.»

Alles Nummernhafte wie die in den traditionellen Fassungen eingestreuten Nationaltänze hat Schläpfer gnadenlos herausgestrichen. Stattdessen unterbricht er immer wieder den Fluss der weltbekannten Musik und lässt in der Stille tanzen. Noch nicht einmal Spitzenschuhe tragen die Schwanenfrauen. Nur kurz eilen Tänzerinnen in Marabufederröcken über die Bühne und bewegen die Arme flügelartig. Das ist die einzige Referenz an die Tradition. Schläpfer will ja gar keine verzauberten Schwäne auf die Bühne bringen, sondern junge Frauen, die unter ihrer Gefangenschaft leiden und die Träume haben.

Folgerichtig bildet sich der Traditionsbruch auch auf der weitgehend leeren Bühne (Florian Etti) ab, in deren Hintergrund zu Beginn überdimensionale, leere graue Bilderrahmen stehen. Im zweiten Akt versinnbildlichen zwei riesige Würfel, in denen Himmel und Wolken eingeschlossen sind, die Gefangenschaft der verzauberten Schwäne, die nur nachts ihre ursprüngliche Frauengestalt zurückerlangen.

Hoch emotional und mitreißend ist Schläpfers «Schwanensee», getanzt von einer mehrfach preisgekrönten Compagnie. Bis zur Sommerpause sind die Aufführungen schon komplett ausverkauft. Die Erwartungen an Schläpfer waren hoch, denn er reiht sich in eine lange Riege von «Schwanensee»-Interpretationen von George Balanchine bis zu John Neumeier ein. Balanchine sagte einmal: «Man sollte alle Ballette Schwanensee nennen. Das Publikum würde kommen.»

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