Himmel über Prohlis
Dresdner Sinfoniker: Alphörner im Hochhausgebirge

Die Dresdner Sinfoniker sind für spektakuläre Projekte in aller Welt bekannt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das international besetzte Ensemble in der Corona-Krise mit etwas Besonderem aufwartet.

Freitag, 07.08.2020, 07:26 Uhr aktualisiert: 07.08.2020, 07:28 Uhr
Alphornistin Anna Katharina Schumann bei einer Probe für das Konzert «Himmel über Prohlis». Foto: --

Dresden (dpa) - Alphörner auf Hochhäusern: Die Dresdner Sinfoniker halten in der Corona-Krise Abstand zu ihren Fans und sind dennoch weithin vernehmbar. Am 12. September will sich das Ensemble auf mehrere Hochhäuser im Stadtteil Dresden-Prohlis verteilen und ein Konzert mit Klängen aus der Bergwelt geben.

«Sechzehn Alphörner, neun Trompeten, vier Tuben und vier chinesische Dà Gǔ-Trommeln füllen ein ganzes Wohnquartier mit Klang», verriet Intendant Markus Rindt. Das Publikum kann auf dem Parkdeck des Prohliser Einkaufszentrums Platz nehmen oder in den Straßen des Neubauviertels wandeln. Titel des Programmes: «Himmel über Prohlis».

Komponist Markus Lehmann-Horn hat eigens für das Konzert ein Werk geschrieben. Es soll wie die weiteren Stücke die engen Grenzen des klassischen Konzertsaals sprengen und Menschen zusammenbringen, sagte Rindt. Bereits am Vormittag spielen 33 Sinfoniker in kleineren Gruppen in den Innenhöfen des Wohnviertels und wollen den Anwohnern so Appetit auf das kostenlose Konzert am Nachmittag in luftiger Höhe machen. Immerhin spielen die Musiker in fast 50 Metern Höhe. Die Alphornisten sind auf vier Dächern postiert. Auf anderen liefern Trompeten und Tuben weitere Klangfarben dazu. Das Schlagwerk steht auf dem Parkdeck.

«Die Musik dieses Konzerts nutzt die räumliche Distanz», erklärte Rind. Zwischen den Musikern würden mehrere hundert Meter liegen, das Grundmotiv sei die Verständigung zwischen Instrumentengruppen: «Genau hierfür steht auch das Alphorn: das Wechselspiel über weite Entfernungen im Gebirge.» Ein Videoteam dokumentiere die Aufführungen am gesamten Tag, damit das Projekt später auch als Film erlebbar ist.

Rindt sieht seine Musiker mit dem Vorhaben auch als Vorreiter: «Noch nie war die Zukunft planbar. Jetzt aber wird diese banale Tatsache existenziell. Können wir an das vertraute Leben anknüpfen oder müssen wir uns auf eine unstete Koexistenz mit dem Virus einrichten?».

Für die Musikszene bedeutet das vielleicht, auf längere Zeit Abschied zu nehmen von vertrauten Formaten, Besetzungsgrößen und anderen Konstellationen. In der erzwungenen Neuausrichtung liege aber auch die Chance, ganz neue Formate zu denken und zu erproben. Man wolle ein Bild für Offenheit, Verständigung und Aufbruch erzeugen.

Ganz unvertraut ist die Hochhaus-Bühne den Sinfonikern nicht. 2006 spielten sie mit den Pet Shop Boys eine «Hochhaussinfonie» in Dresden. Rindt hatte das Orchester 1998 mit dem Musiker Sven Helbig gegründet. Es setzt sich aus Künstlern der Freien Szene und Musikern namhafter Orchester aus dem In- und Ausland zusammen.

Oft ging es bei den Projekten auch um politische Themen. 2013 führten die Sinfoniker in Ramallah und Jenin (Westjordanland) die «Symphony for Palestine» auf - gemeinsam mit Kollegen aus arabischen Ländern. 2017 spielten sie an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, um gegen die von US-Präsident Donald Trump geplante Mauer zu protestieren.

© dpa-infocom, dpa:200807-99-75251/3

Nachrichten-Ticker