Zeitreise
Geschichte und Identität: Christian Berkel in Jerusalem

Palmyra, Niniveh, Nimrud: Was Jahrtausende bestand, wird binnen kurzer Zeit mutwillig zerstört. Wie können Menschen kulturelles Erbe schützen? Christian Berkel geht dieser Frage in Jerusalem nach.

Mittwoch, 07.06.2017, 09:06 Uhr

Christian Berkel im Eingangsbereich des Israel-Museums. Foto: Corinna Kern

Jerusalem (dpa) - Langsam wandelt der Schauspieler Christian Berkel in dem kreisrunden, schwach beleuchteten Raum und betrachtet die übergroße Torarolle in der Mitte. Berkel steht staunend vor den ältesten handschriftlichen Bibeltexten im Jerusalemer «Schrein des Buches».

Der 59-Jährige besucht die rund 2000 Jahre alten Relikte im Rahmen einer dreiteiligen Dokumentation, die der TV-Sender History an Orten rund um die Erde aufnimmt.

Unter dem Titel «Guardians of Heritage - Hüter der Geschichte», möchte Autor Emanuel Rotstein herausfinden, wie Menschen ihr kulturelles Erbe erhalten können und stellt Orte vor, die in besonderer Weise für den Erhalt von Geschichte und kultureller Identität stehen.

Zaatari, größtes jordanisches Flüchtlingslager, in dem Kinder ihre syrische Heimat in Miniatur nachbauen. Vancouver, wo Menschen versuchen, den indigenen Völkern ihre Kultur zurückzugeben. Oder Sarajewo, wo die im Bosnienkrieg zerstörte Nationalbibliothek seit dem Wiederaufbau leersteht. Prominente wie Hannes Jaenicke, Clemens Schick oder Esther Schweins erkunden die insgesamt 13 Drehorte in Europa, Asien und Amerika.

Für den Dreh in Jerusalem ist Berkel, der unter anderem die Hauptrolle in der ZDF-Serie «Der Kriminalist» spielt, zum ersten Mal nach Israel gekommen. «Hier zu sein hat eine unglaubliche Intensität, um mich herum die Geschichte von 2000 Jahren, es ist für mich wie eine Zeitreise», sagt Berkel und erklärt: «Ich bin hier, um etwas zu lernen.»

Über die Bedeutung von Geschichte für unser Leben heute und auch über sich selbst, seine eigene, jüdische Vergangenheit. Denn Berkels Mutter war Jüdin. Während der Nazi-Zeit floh sie zunächst nach Frankreich, wurde dort später von den deutschen Besatzern festgenommen und kam in das Internierungslager in Gurs, dem größten in Frankreich. Nur durch Glück konnte sie aus dem Lager entkommen und nach Argentinien emigrieren, bevor sie wie die anderen Insassen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verlegt worden wäre.

«Gurs wurde komplett aufgelöst und nach dem Krieg dem Erdboden gleich gemacht», erzählt Berkel, der selbst katholisch erzogen wurde. Die Geschichte sollte ungeschehen gemacht werden, erst Mitte der Neunziger entstand auf dem Gelände eine Gedenkstätte.

Dass man die Schrecken dieser Zeit vergessen wollte, ist verständlich, aber: «Wir leben in einer Zeit, in der die Wahrheit relativ geworden ist», sagt der Kurator des Museums, Adolfo Roitman und führt fort: «Physische Beweise der Geschichte sind hingegen ein Manifest der Wahrheit, sie lassen sich nicht leugnen.»

So wie die über 1000 Schriftrollen und Textfragmente, die im Schrein des Buches gelagert werden. Die in Höhlen am Toten Meer entdeckten antiken Texte - auch «Qumran-Rollen» genannt -  sind der bedeutendste archäologische Fund des 20. Jahrhunderts. «Die Rollen haben Bedeutung weit über das Judentum hinaus», erklärt Adolfo Roitman, der Kurator des Museums und sagt: «Die Grundmauern der westlichen Zivilisation sind in diesen Schriften manifestiert.»

Handfeste Beweise kulturellen Erbes können vieles sein: Ein Baum, der für ein Volk besondere Bedeutung hat, ein Gebäude, das von dem Leben einer vergangenen Ära zeugt oder sogar ein Koffer, dessen Besitzer in einem Konzentrationslager getötet wurde.

«Dass Zeugnisse der Geschichte zerstört werden, gibt es weltweit und ist kein neues Phänomen», sagt Rotstein, dem das Projekt schon lange am Herzen lag. «Es ist fast wie ein Drehbuch: Erst zerstörst du die Kultur, dann folgen die Menschen und schließlich schreibst du die Geschichte neu, als hätte es die Menschen nicht gegeben.» Menschen zu zeigen, die sich daher gegen Zerstörung und für den Erhalt von kulturellem Erbe einsetzen, ist Rotstein ein Anliegen.

Auch Berkel, der mit seiner Frau, der Schauspielerin Andrea Sawatzki, und den beiden Söhnen in Berlin lebt, fühlt sich aufgrund seiner persönlichen Geschichte zum Bewahren verpflichtet. «Zu leben bedeutet, Erinnerungen in sich zu tragen», sagt er. «Und zerstört man die Geschichte, bleibt nur Leere.»

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4909809?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947955%2F947961%2F3314074%2F
Kanalbrücke: Der Neubau ist ein „Schmalhans“
Bei einer ersten Infoveranstaltung stellte das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rheine am Mittwoch in Münster die Pläne für die neue Kanalbrücke der Wolbecker Straße vor. Bis 2021 soll alles fertig sein (v.l.): Heinz-Jakob Thyßen sowie die Bauleiter Franziska Finke und Daniel Feismann.
Nachrichten-Ticker