Psycho-Spielchen statt Polizeiarbeit
Improvisations-„Tatort“ sorgte für Irritation – auch um Nadeshda Krusenstern

Bekannte und unbekannte Ermittler aus Nordrhein-Westfalen, die eine Mordserie an Polizisten aufklären sollen: Das war der Ausgangspunkt für den „Tatort“ am Neujahrsabend. Er brachte viel Rätselhaftes – und einen spektakulären Todesfall.

Donnerstag, 02.01.2020, 18:40 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 19:16 Uhr
Ermittlung oder Psycho-Spiel? Auf dem "heißen Stuhl": Im Schwimmbecken des leerstehenden Hotels muss sich Kommissarin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) den kritischen Fragen ihrer Kollegen stellen. Foto: ARD

Arme Nadeshda Krusenstern! An Weihnachten entführt, am Neujahrsabend ermordet. Müssen die Freunde des Münster-„Tatorts“ jetzt um die liebenswerte Kollegin von Kommissar Thiel trauern? Eher nicht, steht zu vermuten, denn der Abschied von Schauspielerin Friederike Kempter und ihrer Rolle soll ja erst im nächsten Münster-Krimi stattfinden. Also hakt man die Geschehnisse im Neujahrs-Tatort vielleicht besser als ungeschehen ab.

Nadeshda war indes nicht das einzige Opfer eines Films, den die ARD vorab nicht einmal auf ihrer Presseseite enthüllte. Denn beim großen Improvisationsspektakel , zu dem Regisseur Jan Georg Schütte bekannte und unbekannte Ermittlerfiguren in einem verlassenen Hotel zusammenführte, ging es kaum um klassische Polizei-Arbeit, sondern um Psycho-Spielchen unter dem Vorwand der Team-Bildung.

Das mochte spannend finden, wer solch zeitraubende Gruppensitzungen selbst einmal durchstehen musste. Mancher Krimi-Fan allerdings ertappte sich beim Gedanken: Eigentlich schalte ich keinen „Tatort“ vorzeitig ab – aber hier bin ich geneigt, eine Ausnahme zu machen.

Irritierende Improvisationen

Gewiss bereitet es Vergnügen, Schauspielern wie Anna Schudt und Jörg Hartmann (aus dem Dortmund-„Tatort“) oder Nicholas Ofczarek und Ben Becker beim Improvisieren zuzuschauen. Doch schon hier zeigte sich eine Crux des Films: Den vertrauten Figuren, zu denen auch Nadeshda gehörte, standen eigens für diesen Film erfundene gegenüber – so durfte Ben Becker nicht seine Dorfpolizisten-Figur fortsetzen, sondern musste ein Kripomann aus Oberhausen sein. Dass sich aus diesen Kreisen in einer Dramaturgie, die den Ort und den Personenkreis nicht verließ, der Täter rekrutierte, lag auf der Hand.

Tatort: Das Team

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    V.l.n.r.: Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martin Scholz (Bjarne Mädel), Martina Bönisch (Anna Schudt), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Christoph Scholz (Charly Hübner), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig)

    Foto: WDR/Tom Trambow
  • Höchste Sicherheitsstufe: Im leerstehenden Hotel "Gransch" treffen sich sieben Ermittler aus NRW. Sie sollen eine Mordserie beenden.

    Foto: WDR/Tom Trambow
  • Ausnahmezustand in Nordrhein-Westfalen! Schon vier Kommissare unterschiedlicher Dienststellen wurden getötet. Eine vergleichbare Mordserie gab es noch nie in der Geschichte des Landes. Doch eine heiße Spur fehlt, die Ermittler tappen im Dunkeln – und der Druck nimmt zu... V.l.n.r.: Christoph Scholz (Charly Hübner), Martina Bönisch (Anna Schudt), Franz Mitschowksi (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Martin Scholz (Bjarne Mädel)

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  • Auf dem "heißen Stuhl": Im Schwimmbecken des leerstehenden Hotels muss sich Kommissarin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) den kritischen Fragen ihrer Kollegen stellen.

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  • Der Mann von Kommissarin Möller (Elena Uhlig) wurde von einem Serienmörder getötet. In einem leerstehenden Hotels haben sich die Sonderermittler versammelt - auch Kommissarin Möller muss ihren Kollegen Rede und Antwort stehen - auf dem "heißen Stuhl" im Schwimmbecken.

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  • Die erfahrernen Beamten Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, l) und Markus Rettenbach (Ben Becker, r) gehören zu den sieben Ermittlern, die einen Serientäteter stoppen sollen. Die beiden sehen sich nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder.

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  •  Sie sollen ein Team werden: In einem alten, leerstehenden Hotel sind Ermittler aus NRW zusammengezogen worden, u.a. (v.l.n.r.) Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempte), Peter Faber (Jörg Hartmann) und Markus Rettenbach (Ben Becker). Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, r) hat sie im Hotel-Pool versammelt. Hier soll jeder der Kommissare mal auf dem "heißen Stuhl" im leeren Schwimmbecken Platz nehmen.

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  • In solch einer Situation war Martina Bönisch (Anna Schudt) von der Dortmunder Mordkommission noch nie: Sieben Kommissare, ein verlassener Hotelkomplex - in dessen Schwimmbecken jeder mal auf dem "heißen Stuhl" Platz nimmt.

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  • Das Foto zeigt Kommissar Richard Möller, das vierte Todesopfer. Um den Serienmörder zu ermitteln, soll Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, m) Kommissare wie Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Martina Bönisch (Anna Schudt, v.l.n.r.) zu einem schlagfräftigen Team formen.

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  • Kennen sich von früher: Nadeshda Krusentern (Friederike Kempter) und Sascha Ziesing (Friedrich Mücke)

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  • Große Krisen löst man nicht allein, sondern gemeinsam. Diesem Leitsatz haben sich auch die Coaches Christoph Scholz (Charly Hübner, r) und sein Bruder Martin (Bjarne Mädel, l) verschrieben.

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  • Christoph Scholz (Charly Hübner, r) und Martin Scholz (Bjarne Mädel, m) sind krisenerfahren und sollen als externe Berater im Auftrag des Polizeipräsidenten (Jörg Ratjen,l) aus sieben Ermittlern ein Team machen, das einen Serienmörder stoppt.

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  • Schauspieler und Regisseur Jan Georg Schütte (r) in einer Doppelrolle: Es hat "Druck" inszeniert und ist hier als Leiter des SEK zu sehen.

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  • Kommissar Sascha Ziesing (Friedrich Mücke, vorne) soll gemeinsam mit Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), und Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, hinten, v.l.n.r.) ein Ermittlerteam bilden.

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  • Wer wird das Ermittler-Team leiten? Coach Christoph Scholz (Charly Hübner, vorne Mitte) spricht mit Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Markus Rettenbach (Ben Becker), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke) - Nadeshda Krusentern (Friederike Kempter, v.r.n.l.) beobachtet die Situation.

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  • Die Kommissare Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, r) und Markus Rettenbach (Ben Becker, l) gehören zu den Ermittlern, die der Polizeipräsident in ein leerstehendes Tagungshotel geladen hat. Sie sollen als Team eine Mordserie stoppen.

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  • Die Dortmunder Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann, 2.v.l.) und Martina Bönisch (Anna Schudt, r) sind im Gespräch mit den beiden Coaches Christoph (Charly Hübner, 2.v.r.) und Martin Scholz (Bjarne Mädel, l), beobachtet werden sie von einem SEK-Beamten.

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  • Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) weiß nicht, was ihn hier erwartet. Sieben Ermittler treffen sich, um einen Serienmörder zu stoppen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen soll er ein effizientes Team bilden (v.l.n.r.): Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), u.a.

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  • Erfahre Ermittler, keine einfachen Charaktere: Coach Martin Scholz (Bjarne Mädel, stehend) soll u.a. aus den Kommissaren (v.r.n.l.) Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Markus Rettenbach (Ben Becker) ein Team machen.

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  • Kommissar Marcus Rettenbach (Ben Becker) gehört zu den sieben Ermittlern, die einen Serientäter stoppen sollen. Das nimmt ihn mit, auch gesundheitlich...

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  • Kommissar Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek) ist angeschlagen und muss untersucht werden.

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  • Gesichert: SEK-Beamte in der Küche eines leerstehenden Tagungshotels.

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  • Ministerpräsident Armin Laschet (m) begrüßt die Dortmunder Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt). Zwei Coaches (Bjarne Mädel, Charly Hübner, hinten, v.l.) sollen aus sieben Ermittlern ein Team formen, das einen Serienmörder endlich stoppt. Aus Aachen gehört Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek, r) zum Team.

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  • Ministerpräsident Armin Laschet (stehend, l) schwört die Ermittler ein: Sie sollen den Serienmörder stoppen, der schon vier Kommissare in Nordrhein-Westfalen tötete. Der Polizeipräsident Ullrich Dettmers (Jörg Ratjen, stehend 2.v.l.) stellt die Coaches Martin (Bjarne Mädel, stehend 2.v.r.) und Christoph Scholz (Charly Hübner, stehend r) vor. Sie sollen aus sieben Ermittlern ein effizientes Team formen: (sitzend v.l.n.r.) Nadine Möller (Elena Uhlig), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke ), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Martina Bönisch (Anna Schudt), Peter Faber (Jörg Hartmann), Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek)

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Irritierend auch: Manch vertraute Rolle entwickelte sich durch das Improvisieren in eine Richtung, die normalerweise nicht vorgesehen ist: Dortmunds „Faber“ agierte erstaunlich locker, seine Kollegin Bönisch hingegen noch ruppiger als sonst. Wie ein Kritiker richtig feststellte: Man schaute hier Schauspielern beim Improvisieren zu, aber nicht Ermittlern – was eigentlich im Sinne des Krimis wäre.

Und es ist eben ein entscheidender Unterschied, ob Schauspieler im Format etwa eines gespielten Speed-Datings ihre Figuren gewissermaßen spontan erschaffen oder ob sie als bereits etablierte Figuren den ausgesparten Part des Drehbuchautors ausfüllen müssen.

Experiment gescheitert?

Also lieber keine Experimente am „Tatort“? Doch, immer gerne, auch wenn mal eines scheitert. Die Folgen mit Ulrich Tukur zeigen ja, zu welch herrlichen Ergebnissen das Experimentieren führen kann. Und war nicht auch der Klamauk-Krimi aus Münster mal ein Experiment, das es dann zum beliebtesten Beitrag der „Tatort“-Reihe schaffte?

Womit wieder Nadeshda ins Spiel kommt – und das wörtlich: Sie spielt ja, wie man weiß, noch in ihrer Abschiedsfolge in Münster mit. Vielleicht wird ja was aus dem Weihnachts-Techtelmechtel mit ihrem Entführer, warten wir’s ab. Schauspielerin Friederike Kempter hat sich schon per Videobotschaft an die Fans gewandt und gesagt, man solle aufhören, wenn’s am schönsten ist. Was zur Vermutung Anlass gibt: Nadeshda lebt.

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