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Lou Andreas-Salomé

Ob Nietzsche, Rilke oder Freud - Lou Andreas-Salomé kannte sie alle. Heute ist die Schriftstellerin für diese Begegnungen besser in Erinnerung als für ihr eigenes Schaffen. Völlig zu Unrecht.

Mittwoch, 05.02.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 05:04 Uhr
Lou Andreas-Salome (Katharina Lorenz) lässt Rainer Maria Rilke (Julius Feldmeier) stehen. Foto: Sebastian Geyer

Berlin (dpa) - Ein «Porträt einer modernen und mutigen Frau, die ihrer Zeit weit voraus war». So kündigt Arte einen Kinofilm an, den der Sender jetzt erstmals im Fernsehen zeigt. Er dreht sich um Lou Andreas-Salomé, eine Größe der Kulturgeschichte, deren Andenken heute wohl nur noch von manchen Intellektuellen am Leben gehalten wird.

2016 hat die Filmemacherin Cordula Kablitz-Post («Pilgern für Peyote») ihr Leinwanddebüt der deutsch-russischen Schriftstellerin, Philosophin und Psychoanalytikerin (1861-1938) gewidmet, die zu Lebzeiten geistig und gesellschaftlich Furore gemacht hat. Arte hat den Film «Lou Andreas-Salomé» am Mittwoch um 20.15 Uhr im Programm.

Das prominent besetzte Biopic reiht sich in die vielen Produktionen ein, die seit mehreren Jahren aus historischen Frauenfiguren Rollenmodelle für aktuelle Emanzipationsbestrebungen zu schaffen trachten. Seien es etwa Bertha Benz («Carl & Bertha», 2016), «Katharina Luther» (2017) oder «Ottilie von Faber-Castell» (2019).

Auch Lou Andreas-Salomé, geboren als Louise von Salomé in St. Petersburg als Tochter eines Generals, brach mit den Konventionen ihrer Zeit, um einen ureigenen, damals als unweiblich verfemten Weg zu gehen. Für sie bedeutete das, mit 16 aus der Kirche auszutreten, als eine der ersten Frauen in Zürich Theologie, Religionsgeschichte und Philosophie zu studieren und viel zu reisen. Und Bücher zu schreiben. Nicht zuletzt, um auch finanziell unabhängig zu sein.

Ironischerweise erinnert man sich an Andreas-Salomé heute am ehesten wegen ihrer Bekanntschaften mit bedeutenden Männern. Dazu gehören der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) und der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900). In Kablitz-Posts Darstellung ist es aber eher Andreas-Salomé, die Einfluss auf diese Männer hatte als umgekehrt.

So bleiben denn die Männer in der Verfilmung auch recht verschroben und blass. Der Film beginnt im Jahr der Bücherverbrennung 1933, in dem die nun alte, fast blinde Dame (Nicole Heesters, «Tiefe Wunden - Ein Taunuskrimi») Besuch vom jungen Germanisten Ernst Pfeiffer (Matthias Lier, «Bonusfamilie») bekommt. Der erinnert sie an ihre große Liebe Rilke (Julius Feldmeier, «Eine neue Zeit») - und gemeinsam mit dem Gast arbeitet sie ihre Vergangenheit auf.

In Rückblicken, denen wie Kapitelüberschriften historische Postkarten vorangestellt sind, auf denen allein die Titelheldin sich bewegt, wird Andreas-Salomés oft schmerzliches Ringen um Eigenständigkeit sichtbar. Als kleines Mädchen (Helena Pieske), das selbstbewusst schon mal mit dem lieben Gott spricht. Als aufmüpfiger Teenager, der von einem verheirateten Pastor bei einer Art Vergewaltigung einen Heiratsantrag erhält (Liv Lisa Fries, «Babylon Berlin»). Und vor allem als charismatische, zielbewusste und dennoch mädchenhafte jüngere Frau (Katharina Lorenz, «Das Ende der Wahrheit»), die im Austausch mit der Pazifistin und Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug (1816-1903) sowie anderen Feministinnen steht.

Dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas (1846-1930) gibt sie nach einigem Widerstreben das Jawort. Doch der ehelichen Vereinigung und überhaupt allem Sexuellem hat die aparte Schönheit abgeschworen, um sich allein ihrer geistigen Vervollkommnung zu widmen. Dass es dabei nicht bleibt, liegt nicht nur am 14 Jahre jüngeren Rilke - viele Affären folgen.

«Nietzsche hatte doch recht - das dionysische Prinzip ist viel intensiver als das apollinische», lautet etwa ihr Kommentar zu leidenschaftlichem Sex mit dem jungen Autor Richard Beer-Hofmann (1866-1945) in Wien. Dort legt sie auch der legendäre Sigmund Freud (Harald Schrott, «Wendezeit») auf die Couch. Aber nur, um ihr zur klareren Kenntnis ihrer Seele zu verhelfen. Andreas-Salomé wird seine Schülerin - und später eine auch von ihm hoch geschätzte Psychoanalytikerin.

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