Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden
Dieser seltsame Mann im Abteil

In dieser spanischen Produktion für Fans des Grotesken biegt der schwarze Humor eilig in den Abgrund ab – und alles, was erzählt wird, sieht an der nächsten Ecke schon ganz anders aus.

Donnerstag, 03.09.2020, 11:44 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 11:52 Uhr
Dr. Sanagustín (Ernesto Alterio) Foto: Neue Visionen

Gerade hat Helga (Pilar Castro) ihren Mann in eine Anstalt gebracht, da sitzt sie im Zug zurück nach Madrid einem verdächtig adretten Psychiater gegenüber. Dr. Sanagustín (Ernesto Alterio) pfeift auf alle Schweigepflichten und erzählt ihr die titelgebenden „obskuren Geschichten“: In ihnen geht’s um traumatisierte Ex-Soldaten, psychotische Angst vor Müllmännern, radikale Kunst, einen Mann, der seine Frau zum Hund abrichtet, und einen mörderischen Kinderpornoring.

Die schrägen Storys, die Regisseur Aritz Moreno in seiner Verfilmung eines Romans von Antonio Orejudo da zusammengeschraubt hat, rutschen so schnell ins Absurde, dass man sich hier vor allem auf eines verlassen sollte: auf die Unzuverlässigkeit des Erzählers. Tatsächlich hat man es mit vielen ineinander verschachtelten Erzählelementen zu tun, die permanent ihren Zustand wechseln: Was eben noch galt, steht plötzlich auf neuer Grundlage, Personen (darunter der ewige Sonderling des spanischen Kinos: Luis Tosar aus „Sleep Tight“) wechseln ihre Identität, die erzählte Wirklichkeit schlägt Haken.

Erzählt wird in dieser spanisch-französischen Produktion weniger von greifbaren Inhalten, sondern vom Erzählen selbst und davon, welche Macht der Erzählinstanz innewohnt. Um das genießen zu können, sollte man viel Freude an nachtschwarzem Humor mitbringen – und eine gewisse Ekeltoleranz, denn der Film macht vor (fast) keiner Scheußlichkeit halt. Klares Vorbild für Moreno waren dabei die surrealen Klassiker von Luis Buñuel, aber wohl auch die frühen Filme eines Jean-Pierre Jeunet („Delicatessen“): An beide reichen seine Obskuritäten freilich nicht heran, denn die ausgestellte Konstruiertheit dieses Absurditätenkabinetts hält die Zuschauer auf Distanz.

Bewertung

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden: Drama/Komödie von Aritz Moreno mit Luis Tosar, Pilar Castro und Ernesto Alterio. 103 Minuten.

Bewertung: 3 von 5 Sterne

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