Niemals selten, manchmal immer
Zwei Mädchen in der Großstadt

Zwei Cousinen schlagen sich ohne Geld und Unterkunft durch New York, weil eine von ihnen einen Schwangerschaftsabbruch möchte. Klingt nach deprimierendem Sozialdrama, gerät aber zu einem der besten US-Indie-Filme des Jahres.

Donnerstag, 01.10.2020, 13:14 Uhr aktualisiert: 01.10.2020, 13:55 Uhr
Die beiden Cousinen sind bisweilen ratlos. Foto: Universal

Ein Film über Teenagerschwangerschaft, Abtreibung, Vernachlässigung und #MeToo läuft schnell Gefahr, als belehrendes Sozialdrama oder, noch schlimmer, als kitschig-moralisierendes Rührstück zu enden. Nicht so bei Regisseurin Eliza Hittman („Beach Rats“): Ihr unaufgeregter, unmanipulativer, fast dokumentarischer Blick auf einen beispielhaften Fall geht gerade deshalb so unter die Haut, weil er sich auf große Gesten und eindeutige Urteile gar nicht erst einlässt.

Der Film folgt der 17-jährigen Autumn (Sidney Flanagan) aus Pennsylvania, die ihre Schwangerschaft entdeckt und sofort beenden möchte. Weil dies ohne Einwilligung ihrer überforderten Mutter nur in New York möglich ist, reißt sie mit ihrer Cousine (Talia Ryder) per Bus dorthin aus: Für die Teenager beginnt eine Odyssee durch die Großstadt, ohne Geld und ohne Unterkunft. Einmal wird Autumn im Büro einer Pro-Familia-ähnlichen Organisation einem Test unterzogen, in dem es um ihr Sexualleben und um mögliche Gewalterfahrungen geht. Darin muss sie Fragen der Beraterin den titelgebenden Kategorien „niemals“, „selten“, „manchmal“ oder „immer“ zuweisen. Wie Leinwanddebütantin Flanagan in dieser stillen, fast ungeschnittenen Sequenz allmählich die Fassade der sonst so irritierend unbeteiligt wirkenden Autumn aufbrechen lässt, wie ihr während des Tests klar zu werden scheint, was sie in ihrem Leben bereits durchmachen musste – diese Szene gehört zum Intensivsten, was es in diesem Kinojahr zu sehen gibt. Auf der Berlinale gab es für dieses unprätentiöse Meisterstück unabhängigen US-Kinos den Großen Preis der Jury. Herausragend.

Bewertung

Bewertung: Beeindruckendes Drama, 5 von 5 Sterne

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