Film der Woche
"Enfant terrible": Kino, Koks und Küsse

Melodram und wüstes Biopic über Rainer Werner Fassinder, das das Leben und Werk des Regiegenies demontiert. In der Titelrolle von Oliver Masucci exzessiv verkörpert.

Donnerstag, 01.10.2020, 13:14 Uhr aktualisiert: 01.10.2020, 13:52 Uhr
Prächtig amüsiert sich Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci, M.) im Kreise seiner Freunde. Foto: Bavaria

Er war arbeitswütiges Regiegenie, süffisanter Bürgerschreck, politischer Provokateur ohne Blatt vor dem Mund, begnadeter Stilist und im Leben ruhelos, rücksichtslos und ruppig. Rainer Werner Fassbinder (1942-1982, bekannt als RWF), Deutschlands in nur 15 Schaffensjahren produktivster und bedeutendster Regisseur, dessen Filme noch heute sehenswert sind („Die Ehe der Maria Braun“ als ein Titel von über 40 Werken), ist im wüsten Biopic von Oskar Roeh­ler allerdings nur exzessiver Tyrann zwischen Kino, Koks und Küssen, Wachmachern und Wutausbrüchen.

Oliver Masucci (Hitler in „Er ist wieder da“) verkörpert RWF mit Bierbauch als Berserker, der Schauspieler terrorisiert und einen neuen Schauspielstil entwickelt („Vollkommen ohne Ausdruck, keine Miene, aber präsent wie Alain Delon in ,Der eiskalte Engel‘“). Der Autodidakt dreht billig, scheut keine Rassismen („Besorg mir einen anderen Neger“) und wird nach TV-Arbeiten und Erfolgen in Cannes interessant für Großproduktionen.

Zwischen Huldigung und Demontage

Von seiner Filmarbeit hätte man gern mehr gesehen. Doch nach der Hälfte schwelgt „Enfant terrible“ als schwules Melodram, das RWF zwischen Männern im Leder-Milieu so wenig gerecht wird wie die surreale Farbdramaturgie in halbschattigem Rot und Blau-Grün, die sich an Douglas Sirk orientiert.

So pendelt Oskar Roehler also zwischen Huldigung, Demontage und exzessiver Melodramatik, aber ohne Fassbinders Schärfe und gnadenlos analytische Blicke auf die Gesellschaft („Deutschland im Herbst“) und Machtstrukturen in Beziehungen.

Bewertung

Enfant terrible: Wüstes Biopic über Rainer Werner Fassbinder. Mit Oliver Masucci und Katja Riemann. 134 Minuten. 

Bewertung: 3 von 5 Sterne

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Die RWF-Truppe ist erkennbar, einige Namen wurden geändert und Situationen erfunden. Katia Riemann als Judith, eine Art Gewissen des Meisters, gibt als Mischung mehrerer Darstellerinnen von damals mit Eva Mattes als Brigitte Mira („Angst essen Seele auf“) die besten Leistungen in einem sehr unterschiedlichen Ensemble, das viel posiert und überzieht.

Wer sich in Leben und Werk von RWF nicht auskennt, sollte lieber Fassbinders Filme anschauen.

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