Netzpräsenz
Tim Bengel macht Kunst aus Sand

Tim Bengel kippt eine Menge Sand von einer Platte auf den Boden. Hinter dem Staub kommt ein Bild zum Vorschein - aufgeklebt aus abertausend Sandkörnchen. Bald darf der Künstler aus Esslingen seine Werke in New York ausstellen.

Samstag, 10.06.2017, 09:56 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 10.06.2017, 09:52 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 10.06.2017, 09:56 Uhr
Tim Bengel ist der Sandmann. Foto: Christoph Schmidt

Esslingen (dpa) - Tim Bengel (25) lässt für ein Foto weißen Sand durch seine Hand auf die Tischplatte rieseln. «Fühlt sich voll schön an», sagt er. Er grinst. Sein Kindheitstraum, erfolgreicher Künstler zu werden, erfüllt sich gerade.

Sand in Bengels Händen. Diese Kombination führt zu großformatigen Werken, die Porträts oder Architektur darstellen - und einen Galeristen in New York so begeistert haben, dass er den jungen Esslinger für eine Einzelausstellung im Herbst eingeladen hat.

Tim Bengel ist ein Selfmade-Man in der Kunstszene wie es ihn vor zehn Jahren noch nicht hätte geben können. Er hat auf die Mechanismen der sozialen Netzwerke gesetzt, um sich selbst bekannt zu machen. Ein Video, das sich im Netz viral ausbreitet, brauche einen besonderen Überraschungsmoment, sagt Bengel. Also hat er sich bei der Arbeit gefilmt und alles auf den Augenblick zulaufen lassen, in dem er das Bild vom überschüssigen Sand befreit. Ein «Wow-Moment», der größere Wirkung hatte, als Bengel sich erhofft hätte.

Die Zahl seiner Fans im Netz stieg innerhalb einer Mainacht im Jahr 2015 um 10 000 - auf Facebook hat er inzwischen eine halbe Million Fans. Auch der New Yorker Galerist Philippe Hoerle-Guggenheim sah laut Bengels Erzählung das Video. Ein Glücksfall für den Esslinger: Am 7. September eröffnet Bengel seine Ausstellung in Manhattan. Der Titel lautet «Monuments», Brücken, Skylines, Fassaden werden zu sehen sein. Viel darf er noch nicht verraten.

Über die Technik von Bengel wird indes im Netz viel diskutiert. Dass er mit zum Teil frei im Internet verfügbaren Fotos als Vorlage arbeitet, ist kein Geheimnis. Aber wie überträgt er das Bild großformatig auf seine Platten? Bengel sagt, er arbeite mit einer klebrigen Unterfläche, auf die er mithilfe eines Skalpells die Sandkörner positioniert. «Ich möchte auch nicht alles verraten», sagt er. Und freut sich, dass über ihn und seine Kunst diskutiert wird. 

Eine neue Technik zu erfinden, sei kaum möglich, sagt Bengel. Auch andere Künstler haben schon mit Sand gearbeitet. Aber seine Idee dahinter sei eben seine Spezialität. Bengel zieht Bilder aus dem Netz und macht mit ihnen den Rückschritt vom hochaufgelösten Foto zum im wahrsten Sinne grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bild. Digitale Fotos vom Schloss Versailles etwa, das er schon dargestellt hat, gebe es tausendfach im Netz. Er führe das Motiv zurück zur Einzigartigkeit.

In der Kunstszene hat man Bengel registriert. Der Kunstwissenschaftler Marco Hompes aus Ulm etwa, Leiter des Museums Villa Rot in Burgrieden (Kreis Biberach), ist über soziale Medien auf Bengel aufmerksam geworden. Er finde es spannend, dass Bengel bei der Herstellung mit dem Abschütten des Sandes medial überraschende Bilder liefert. Inhaltlich hält er Bengels Werk für weniger interessant und spricht von «typischer Galeriekunst».

Sand habe in der Kunst eine lange Tradition, sei als strukturbildendes Material, etwa zum Verdicken von Farben, und später als eigenständiges, inhaltlich bedeutsames Medium verwendet worden, etwa vom katalanischen Künstler Antoni Tàpies. 

Ein großformatiges Bild von Bengel, das den Stuttgarter Schlossplatz zeigt, hängt in den Büros der Südwestbank in der Landeshauptstadt. «Die Kombination aus Sand und Gold hat uns beeindruckt, das ist was Einzigartiges», sagt die Pressesprecherin. Die Bank hat das Bild 2015 gekauft. «Wir haben das Potenzial von Tim Bengel früh erkannt.» 

Bengel war fleißig - er hat in den vergangenen drei Jahren Klinken geputzt, in den Auftritt auf einer Kunstmesse in München investiert, in einem Stuttgarter Hotel ausgestellt und irgendwann den Sprung in die asiatisch-arabische Kunstszene geschafft. Er berichtet von Ausstellungen in Thailand und Abu Dhabi und einer Kunstmesse in Malaysia. 

In Vorbereitung auf die Ausstellung in New York geht Bengel ganz im Künstlerdasein auf. Das muss er auch, um mit seiner Reihe «Monuments» fertig zu werden, wie er sagt. Sein Kunstgeschichte-Studium ruht. Zuvor hatte er schon zwei Ausbildungen abgebrochen. Als Künstler zu arbeiten, bedeute für ihn Freiheit. «Ich kann arbeiten, wann und wie ich will.» In seinem Atelier in einer alten Fabrikhalle steht an einer Wand groß das Wort «DREAM». Positiver Größenwahn sei eine Eigenschaft, die ihm auf seinem Weg zum Erfolg als Künstler helfe. «Warum soll gerade ich es nicht schaffen?»

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