More Than A Feeling
Die Goldenen Zitronen arbeiten sich am Zeitgeist ab

Die Goldenen Zitronen bringen linke Politik ins Musikformat - seit mehr als drei Jahrzehnten. Auch auf «More Than A Feeling» arbeiten sie sich am Zeitgeist ab - und proben testweise: Wie wäre das, wenn rechte Populisten ihre Ordnungsvorstellungen durchsetzten?

Dienstag, 12.02.2019, 11:58 Uhr aktualisiert: 12.02.2019, 12:00 Uhr
Die Goldenen Zitronen haben ihren ganz eigen Stil. Foto: Frank Egel

Hamburg (dpa) - Sie tragen knallig-bunte Gewänder, sehen paradiesvogelhaft aus, ein bisschen nach Hippiekommune - und irgendwie auch nicht, weil das modisch alles nicht so leicht zuzuordnen ist.

«Eigen» ist der Bühnenlook der Goldenen Zitronen in jedem Fall - wie sie selbst seit fast 35 Jahren. Den Punk als Subkultur hat die Gruppe überlebt. Einen Teil der Haltung hat sie beibehalten und weiterentwickelt.

Anzeichen, dass den Staffelstab-Trägern linker Gegenkultur bald das Material ausgehen könnte, gibt es nicht. Vieles, das die Band um Sänger, Theaterregisseur und Autor Schorsch Kamerun sowie Gitarrist und Sänger Ted Gaier seit der Bandgründung 1984 nervt, ist derzeit geradezu omnipräsent. Goldene Zeiten für die Goldenen Zitronen, könnte man sagen. Dass die vom Zeitgeist - ganz im Gegenteil - aber alles andere als berauscht sind, ist auf «More Than A Feeling» deutlich zu hören.

Gewettert wird in alle Richtungen: gegen Rechtspopulisten und gegen von solchen in die Welt gesetzte Falschmeldungen, gegen verklärte Vergangenheit, aber auch gegen die «eigene» Szene. Es geht um Grenzzäune und Mauerbauten als Teil einer populistischen Strategie: auf Ängste reagieren, die zuvor von Populisten erst geschürt wurden - gedacht sei an den neuen ungarischen Grenzzaun oder den Government-Shutdown in den USA, als Folge des Haushaltsstreits um den Bau einer Mauer zum Nachbarland Mexiko.

Was die Zitronen von derlei Entwicklungen halten? «Nörgel, nörgel, mecker, mecker», heißt es zusammengefasst in einer Mitteilung zum Album. Der Rechtsruck in Europa, Populismus auch in deutschen Parlamenten, ja sogar Entwicklungen wie der NSU: Aus Sicht von Sänger Schorsch Kamerun kam das alles nicht aus dem Nichts. Es sind Symptome alter Probleme, die neue Gewänder tragen.

«Es ist ja nicht so, dass wir uns zum Beispiel über den NSU mega gewundert hätten. Alles war immer präsent, wenn man hingeschaut hat. Wie erzählt wurde, wie sich das anhörte, das klang auch schon zu unserer Teenagerzeit nicht viel anders», sagt Kamerun der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf polternd-rechtes Stammtisch-Gehabe in früheren Jahrzehnten. Wie die Band, die sich musikalisch immer wieder neu erfunden hat und heute vielleicht am ehesten als Avantgarde-Pop gelabelt werden kann, damit umgeht, habe sich aber geändert: «Wir suchen nach komplexeren Tönen. Das kann sich extra direkt oder auch mal abstrahierter anhören, im Gegensatz zu den Parolen unserer frühen Tage.»

Auch auf «More Than A Feeling» wechseln sich diese Herangehensweisen ab. Mal geht es kryptisch oder auch ambivalent zu. In «Nützliche Katastrophen» lädt der Populismus etwa von Synthesizern begleitet melodisch dudelnd zum Mitsingen ein: «Lalalalala, ich bin stark, ich helfe dir». An anderer Stelle wird die Wut einfach rausgelassen, klar und direkt. «Baut doch eine Mauer um den Scheißkontinent», heißt es in «Katakombe». Europäische Werte? Aus Sicht der Zitronen ist das ein Marketingbegriff, konterkariert von Abschottungspolitik.

Was passieren könnte, wenn Anhänger völkischer Ideologien ihre Ordnungsfantasien durchsetzen, wird in «Mauern bauen (testweise)» durchexerziert: Eine Mauer entsteht, um «die Musik, die sie hören wollen, die Autos, die sie fahren wollen, die Schweine, die sie essen wollen.» Am Ende steht da ein «in die Mauer hinein gebautes Volk».

Das Mauern-Bauen, die Auseinandersetzung mit dem G20-Gipfel und linker Protestkultur heute, das rechte Wutbürgertum und der Populismus: Es sind die Dreh- und Angelpunkte dieses Albums. «Hä?», «what?», «was?» - manchmal bleibt als Antwort auf den Zeitgeist nur die Verwunderung in Form solcher Ausrufe. Neben dem Abarbeiten an alten Feindbildern ist es eine Suche nach einem neuen Verständnis für das, was sich da gerade entwickelt.

«Lieber tanz ich, als G20», singt Kamerun in «In der Schleife». Dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Hamburg im Juli 2017 in Hamburg hängt die Band noch immer nach: Hat der Kampf, der auf der Straße «in symbolträchtigen Bildern ausagiert» wurde, vorgeblich für «die Verdammten dieser Erde», mit den angeblich Gemeinten überhaupt noch viel zu tun? Ist das nicht längst ein Rollenspiel, ein Event, in dem jeder - Demonstranten, Polizei und Medien - seine Rolle kennt und spielt und schon vorher weiß, welche Bilder entstehen sollen?

Die Goldenen Zitronen waren damals selbst vor Ort, spielten vor der linksautonomen «Welcome to Hell»-Demo ein Konzert. «Alle Seiten haben verstanden, dass sie unbedingt krasse Bilder produzieren müssen, sonst kommen sie gar nicht erst vor», sagt Kamerun im Gespräch. Er erinnert sich an Vorbereitungen von Protesten. Manchmal sei es wie bei einem «Werbe-Pitch» gewesen: «Dass erstmal ein catchy Slogan her muss und eine Art laute Sichtbarkeit, sonst braucht man gar nicht erst antreten.»

Auch der Vergangenheitsverklärung wenden sich die Zitronen zu: Da wird die «verhasste», «graue» BRD besungen, mit ihren Dauerwellen und Nikotinfingern, ihren «unentschlossenen Outfits» und «kollektiven Ängsten». Damals war alles besser? Nee, damals war auch vieles Mist: Nörgel, nörgel, mecker. Wie das alles weitergehen soll? Wissen die Goldenen Zitronen auch noch nicht, aber sie haben mit der Suche nach Antworten begonnen.

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